„Dä­mo­nen ge­dei­hen nur im Dun­k­len“

Mi­ke Shi­n­o­da und Da­ve Far­rell von Lin­kin Park im Ge­spräch beim South­si­de Fes­ti­val

Schwaebische Zeitung (Wangen) - - SZENE - SOUTHSIDE 2017 -

ie ame­ri­ka­ni­sche Band Lin­kin Park hat mit Ti­teln wie „One Step Closer“, „Craw­ling“und „In The End“das NuMe­ta­lund Cross­over-Gen­re ent­schie­den ge­prägt. Auf „One Mo­re Light“, dem im Mai er­schie­ne­nen sieb­ten Al­bum der Band, geht es da­ge­gen mu­si­ka­lisch we­ni­ger ag­gres­siv, da­für pop­pi­ger zu. Kurz vor ih­rem Auf­tritt als He­ad­liner am Sonn­tag­abend beim South­si­de Fes­ti­val ha­ben Sän­ger Mi­ke Shi­n­o­da und Bas­sist Da­vid Far­rell mit Chris­tia­ne Wohl­haupter über Ve­rän­de­run­gen, Pro­blem­be­wäl­ti­gung und Tod ge­spro­chen.

War­um ist al­les so schwer? Die­se Fra­ge stellt ihr euch im Re­frain der Sing­le „Hea­vy“von eu­rem neu­en Al­bum „One Mo­re Light“. Habt ihr in­zwi­schen ei­ne Ant­wort dar­auf ge­fun­den?

Mi­ke Shi­n­o­da: Als wir an dem Al­bum ge­ar­bei­tet ha­ben, gab es vie­le Punk­te, die uns nach­denk­lich ge­stimmt ha­ben. Und da gab es im­mer wie­der Mo­men­te, in de­nen wir uns über­wäl­tigt ge­fühlt ha­ben. Da­zu tra­gen gro­ße Er­eig­nis­se bei und dann kom­men noch klei­ne oben­drauf.

Ge­füh­le der Über­wäl­ti­gung oder des Frusts schei­nen oft The­ma eu­rer Mu­sik zu sein. Glaubt ihr, das Le­ben könn­te je­mals frei von ne­ga­ti­ven Er­leb­nis­sen sein?

Mi­ke Shi­n­o­da: Ei­gent­lich fin­de ich, dass auf un­se­rem ak­tu­el­len Al­bum auch ei­ne gu­te Por­ti­on Op­ti­mis­mus mit­schwingt. Man­che un­se­rer frü­he­ren Al­ben wa­ren deut­lich düs­te­rer. Es ist al­ler­dings ei­ne kom­pli­zier­te Art von Op­ti­mis­mus, weil es kei­ne Si­cher­heit gibt, was das Mor­gen an­be­langt. Je­der von uns hat­te gu­te Ta­ge und schlech­te Ta­ge. Teil des Schreib­pro­zes­ses war je­des Mal im Stu­dio aufs Neue fest­zu­hal­ten, wor­über man an die­sem Tag schrei­ben woll­te. Auf an­de­ren Al­ben ha­ben wir zu­erst mit der Mu­sik an­ge­fan­gen und die hat dann als In­spi­ra­ti­on für die Wor­te ge­dient. Die­ses Mal ha­ben wir mit den Wor­ten an­ge­fan­gen und des­halb sind un­se­re Le­ben das Fun­da­ment, auf dem die­ses Al­bum ge­baut ist. Da­ve Far­rell: Wenn Leu­te et­was ver­ste­hen wol­len, dann bre­chen sie es oft her­un­ter in ei­nen mund­ge­rech­ten Hap­pen. Aber die Rea­li­tät ist nicht so ein­fach. Die Welt ist nicht schwarz-weiß. Es gibt viel grau.

Nicht ein­mal so et­was wie der Tod ist klar ein­zu­ord­nen?

Da­ve Far­rell: Nimm den Song „One Mo­re Light“, der vom Tod ei­nes ge­lieb­ten Men­schen han­delt, ei­nem ge­mein­sa­men Freund der Band. Der Song kommt mit ge­misch­ten Ge­füh­len und letzt­lich ei­ner po­si­ti­ven Bot­schaft: Näm­lich dass mir die Per­son wich­tig ist, dass ich mich an sie er­in­nern wer­de. Trotz­dem ha­be ich so ei­ne Hass­lie­be zu die­sem Song. Ei­ner­seits mag ich das Lied, aber an­de­rer­seits ist es sehr schwer für mich, es zu hö­ren oder zu spie­len, weil er die­sen gan­zen Schmerz auch be­inhal­tet.

Nichts im Le­ben ist si­cher, ab­ge­se­hen vom Tod. Wel­chen Ein­fluss hat die­ses Wis­sen auf eu­re Ar­beit?

Mi­ke Shi­n­o­da: Ja, vie­le Din­ge sind un­si­cher: Die Zu­kunft der Band, die Plä­ne, die du schmie­dest – sie kön­nen klap­pen oder nicht. Auf un­se­re Ar­beit wirkt sich das in­so­fern aus, als dass wir da­durch mu­ti­ger sind und wir ris­kan­te­re künst­le­ri­sche Ent­schei­dun­gen tref­fen. Da wird es im­mer Kon­tro­ver­sen ge­ben, so wie schon bei un­se­ren Al­ben „Mi­nu­tes to Mid­ni­ght“und „A Mil­li­on Suns“. Man­che Fans lie­ben die­se Al­ben, man­che has­sen sie. Aber für ei­nen Künst­ler ist das in Ord­nung.

Die Ve­rän­de­rung scheint ei­ne der we­ni­gen Kon­stan­ten bei Lin­kin Park. Hät­tet ihr euch ei­ne Ent­wick­lung in die­se Rich­tung vor­stel­len kön­nen, als ihr an­ge­fan­gen habt?

Mi­ke Shi­n­o­da: Man­che Bands kön­nen bei ih­rer Ar­beit von Ent­wick­lung spre­chen - ich zäh­le uns da nicht un­be­dingt da­zu. Ent­wick­lung deu­tet dar­auf hin, dass et­was li­ne­ar vor­an­schrei­tet. Aber das ist nicht, was bei uns von Al­bum zu Al­bum pas­siert. Es ist mehr wie ei­ne Kunst­aus­stel­lung. Nur weil du Kunst­aus­stel­lung 1 und Kunst­aus­stel­lung 2 hast, muss es nicht ei­ne Kunst­aus­stel­lung 3 ge­ben, die in die­se Rich­tung auf­baut.

Es ist al­so eher eins, zwei, B?

Da­ve Fa­rell: Es ist eins, blau, Drei­eck.

Hät­te es oh­ne das vor­her an­ge­spro­che­ne Düs­te­re ei­ne Not­wen­dig­keit für Lin­kin Park ge­ge­ben?

Mi­ke Shi­n­o­da: Ich ha­be im­mer Mu­sik ge­hört, die et­was düs­te­rer war. Mu­sik mit Kon­flikt­po­ten­zi­al und Ex­pe­ri­men­tier­freu­de: NWA, Pu­blic Ene­my, Ni­ne Inch Nails oder Me­tal­li­ca. Das hat mich im­mer an­ge­zo­gen, oh­ne jetzt ei­ne be­son­ders düs­te­re Le­bens­ge­schich­te ge­habt zu ha­ben.

Ihr sagt, ihr be­gebt euch in die Öf­fent­lich­keit, da­mit an­de­re sich we­ni­ger al­lein füh­len. Wer oder was lässt euch we­ni­ger al­lein füh­len?

Da­ve Far­rell: Wenn man et­was teilt, das un­an­ge­nehm ist oder ei­nem Angst macht, und sich je­mand an­de­rer da­mit iden­ti­fi­zie­ren kann, fühlt man sich we­ni­ger al­lein und das Pro­blem wird klei­ner. Das trifft nicht nur auf ei­ne Band, son­dern auch auf Fa­mi­li­en und psy­cho­lo­gi­sche Be­ra­tung zu. So­bald man äu­ßert, wo­mit man zu kämp­fen hat, lässt es sich bes­ser aus­hal­ten. Mi­ke Shi­n­o­da: Pro­ble­me müs­sen be­leuch­tet wer­den. Die Dä­mo­nen kön­nen nur im Dun­k­len ge­dei­hen. So­bald man sie ins Licht zerrt, weiß man bes­ser, wie man da­mit um­ge­hen kann.

FO­TO: JA­MES MINCHIN

Kurz vor ih­rem Auf­tritt beim South­si­de ha­ben sich Da­vid Far­rell (Zwei­ter von links) und Mi­ke Shi­n­o­da (rechts) noch Zeit für ein In­ter­view mit der „Schwä­bi­schen Zei­tung“ge­nom­men.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.