Viel Är­ger und ein we­nig Un­ter­stüt­zung

Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel ver­ur­sacht Zoff in­ner­halb der Uni­ons­frak­ti­on

Schwaebische Zeitung (Wangen) - - NACHRICHTEN & HINTERGRUND - Von To­bi­as Schmidt und Ras­mus Buch­stei­ner

BERLIN - Am Di­ens­tag­nach­mit­tag ist die Nach­richt aus der Uni­ons­frak­ti­on ge­drun­gen: An­ge­la Mer­kel hebt den Frak­ti­ons­zwang für die Ab­stim­mung über die „Ehe für al­le“auf und be­sie­gelt die Kehrt­wen­de. Er­zwun­gen hat­te die­se SPD-Kanz­ler­kan­di­dat Mar­tin Schulz am Di­ens­tag­mor­gen. Die Re­gie­rungs­che­fin war da­von über­rum­pelt wor­den, nach­dem sie in ei­ner abend­li­chen Talk­run­de am Mon­tag ihr Ein­len­ken si­gna­li­sier­te – al­ler­dings ei­nen Be­schluss erst für die nächs­te Le­gis­la­tur­pe­ri­ode an­ge­peilt hat­te.

„Die Kanz­le­rin hat ei­nen Mo­ve ge­macht. Jetzt neh­men wir sie beim Wort“, er­klär­te Schulz am Di­ens­tag selbst­be­wusst vor der Haupt­stadt­pres­se. Schulz hat­te die „Ehe für al­le“erst am Wo­che­n­en­de beim Bun­des­par­tei­tag zur Be­din­gung für ei­ne Ko­ali­ti­on ge­macht. „Ma­dame, ge­ben Sie Ge­wis­sens­frei­heit, und zwar jetzt“, wan­del­te Bun­des­au­ßen­mi­nis­ter Sig­mar Ga­b­ri­el (SPD) für den Ap­pell ein Zitat aus Schil­lers „Don Car­los“um.

Noch in die­ser Wo­che wer­de über die „Ehe für al­le“ab­ge­stimmt, leg­te sich Schulz fest. SPD-Frak­ti­ons­chef Tho­mas Op­per­mann for­der­te so­gar ei­ne na­ment­li­che Ab­stim­mung, da­mit je­der wis­se, wer hin­ter der Ehe für al­le ste­he, sag­te er im ZDF-„heu­te-jour­nal“. Er rech­ne mit vie­len Ge­gen­stim­men aus der CDU/CSUFrak­ti­on, den­noch gilt die An­nah­me we­gen der Zu­stim­mung bei Grü­nen und Link­s­par­tei als sehr wahr­schein­lich.

Der Her­aus­for­de­rer Schulz schien mit sei­nem Vor­stoß den Bruch der Gro­ßen Ko­ali­ti­on drei Mo­na­te vor der Bun­des­tags­wahl zu ris­kie­ren. Die­ser scheint vor­erst ab­ge­wen­det. Mer­kel hat mit ih­rer Kehrt­wen­de aber für gro­ßes Ru­mo­ren bei der Uni­ons­frak­ti­on ge­sorgt. Im kon­ser­va­ti­ven La­ger ist die Ho­mo-Ehe – und da­mit ver­bun­den das Ad­op­ti­ons­recht für gleich­ge­schlecht­li­che Part­ner – ein ro­tes Tuch. „Es geht für uns um das Kin­des­wohl. Für ein Kind ist es wich­tig, Va­ter und Mut­ter zu ha­ben als Be­zugs­per­so­nen in ih­rer Ver­schie­den­heit“, sag­te Bun­des­tags­vi­ze­prä­si­dent Jo­han­nes Sing­ham­mer (CSU) am Di­ens­tag im Ge­spräch mit der „Schwä­bi­schen Zei­tung“. Dass Mer­kel der Auf­fas­sung ist, die Hal­tung zur Ehe für al­le sei „ei­ne Ge­wis­sens­ent­schei­dung“, war in der Uni­ons­spit­ze be­kannt. Frak­ti­ons­chef Vol­ker Kau­der (CDU) sei von den Äu­ße­run­gen Mer­kels nicht über­rascht ge­we­sen, wie es heißt. CSU-Chef Horst See­ho­fer hat­te sich ähn­lich ge­äu­ßert. Die Ver­är­ge­rung war groß. Doch gab es auch Zu­stim­mung von den be­ken­nen­den Ho­mo­se­xu­el­len in der CDU. So ha­be et­wa Prä­si­di­ums­mit­glied Jens Spahn die Ab­stim­mung be­grüßt.

„Tak­ti­sches Ma­nö­ver“

Är­ger gab es auch über den Ko­ali­ti­ons­part­ner SPD. Als Frak­ti­ons­chef Vol­ker Kau­der (CDU) vor der Frak­ti­ons­sit­zung vor die Mi­kro­fo­ne trat, klang er zor­nig: „Das ist ein Ver­trau­ens­bruch“, ließ er sei­nem Är­ger frei­en Lauf und warf der SPD vor, sie wür­de ih­rer Ver­ant­wor­tung nicht ge­recht wer­den. „Sie hat ge­zeigt, dass sie der Auf­ga­be zu re­gie­ren nicht ge­wach­sen ist.“Der Zorn rich­tet sich vor al­lem ge­gen Schulz, der noch En­de Mai in ei­nem Interview mit dem Ber­li­ner Schwu­len­ma­ga­zin „Sie­ges­säu­le“er­klärt hat­te: „CDU und CSU leh­nen die Ehe für al­le ab, und in ei­ner Ko­ali­ti­on kann man kei­ne Politik ge­gen den Ko­ali­ti­ons­part­ner ma­chen.“

Die Ge­nos­sen recht­fer­ti­gen sich mit Mer­kels „tak­ti­schem Ma­nö­ver“, wie es Bun­des­fa­mi­li­en­mi­nis­tern Ka­ta­ri­na Bar­ley (SPD) am Di­ens­tag im Ge­spräch mit der „Schwä­bi­schen Zei­tung“for­mu­lier­te. „Mer­kel ging es nur dar­um, die Braut CDU für neue po­ten­zi­el­le Ko­ali­ti­ons­part­ner hübsch zu ma­chen. So darf man mit die­sem The­ma, bei dem es um Wür­de und Re­spekt geht, nicht um­ge­hen.“

FO­TO: AFP

Zu­stim­mung für ih­ren Kurs­wech­sel in Sa­chen Ho­mo-Ehe be­kommt An­ge­la Mer­kel (CDU) von CDU-Prä­si­di­ums­mit­glied Jens Spahn (2. v. li.)

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.