Mit Bach und Rü­cken­wind

Ei­ne dä­ni­sche Cel­lis­tin ra­delt auf Bachs Spu­ren – das Cel­lo im­mer auf dem Rü­cken

Schwaebische Zeitung (Wangen) - - KULTUR - Von Björn Vogt

LÜCHOW (dpa) - Ih­re lan­gen Lo­cken hat sie un­ter ei­nem Fahr­rad­helm ge­bän­digt: Wenn Ida Rie­gels mit ih­rem leuch­ten­dro­ten Cel­lo­kof­fer auf dem Rü­cken über nord­deut­sche Sand­pis­ten und Feld­we­ge ra­delt, dre­hen sich die Spa­zier­gän­ger nach ihr um. Die Dä­nin wie­der­holt ei­ne Rei­se, die Jo­hann Se­bas­ti­an Bach (1685-1750) vor über 300 Jah­ren an­trat. Im No­vem­ber 1705 ver­ließ der 20-Jäh­ri­ge für ei­ni­ge Wo­chen sei­ne Kir­che im thü­rin­gi­schen Arn­stadt, wo er als Or­ga­nist an­ge­stellt war. Sein Ziel war Lü­beck, dort woll­te Bach sein Vor­bild, den gro­ßen Kom­po­nis­ten und Or­gel­meis­ter Dietrich Bux­te­hu­de tref­fen.

Bach ging zu Fuß. „Das wa­ren über 400 Ki­lo­me­ter“, sagt Ida Rie­gels. Weil Bach ihr Lieb­lings­kom­po­nist ist, wan­delt sie nun auf sei­nen Spu­ren. Doch da ein Cel­lo zum Wan­dern zu un­hand­lich ist, be­schloss die Ko­pen­ha­ge­ne­rin, das Rad zu neh­men. „Die Rei­se soll mei­ne Be­zie­hung zu Bach und sei­ner Kunst ver­tie­fen“, sagt sie. Ein hal­bes Jahr hat sie ih­ren Trip vor­be­rei­tet.

Cel­lo, Flö­te und Kla­vier

Rie­gels, die mit drei Schwes­tern auf­wuchs, stu­dier­te am Kö­nig­li­chen Dä­ni­schen Mu­sik­kon­ser­va­to­ri­um in Ko­pen­ha­gen Cel­lo, Block­flö­te und Kla­vier. Nach dem Ex­amen ent­schloss sich die heu­te 34-Jäh­ri­ge ge­gen ei­ne Fest­an­stel­lung im Orches­ter. „Ko­pen­ha­gen ist teu­er. Frei­er Mu­si­ker, das be­deu­tet we­nig Geld und viel Im­pro­vi­sa­ti­on. Aber ich kann selbst ent­schei­den, was ich tun möch­te.“Und das ist Rei­sen, Mu­si­zie­ren, Men­schen be­geg­nen.

Seit vier Jah­ren fährt die Pro­fi­mu­si­ke­rin um die Welt – mit dem Cel­lo und Bachs Mu­sik im Hand­ge­päck. Ob in In­di­en oder Bhu­tan, in Wa­shing­ton oder Hal­ber­stadt: „Bach scheint et­was zu kom­mu­ni­zie­ren, zu dem je­der ei­nen Zu­gang fin­det“, sag­te Rie­gels. Um über die Run­den zu kom­men, spielt sie 60 bis 80 Kon­zer­te pro Jahr. Bachs Cel­lo­sui­ten fas­zi­nie­ren sie seit ih­rer Kind­heit. „Ich ha­be heim­lich auf dem Cel­lo mei­ner Schwes­ter ge­übt, als ich sechs war. Da be­kam ich auch Un­ter­richt“, er­in­nert sie sich.

Auf dem Cel­lo­kof­fer hat sie ei­ne klei­ne Ka­me­ra mon­tiert. Ih­re Bil­der des Ta­ges lädt sie abends auf ih­ren Blog hoch (www.ida-rie­gels.dk). Zehn Ki­lo, mehr zu­sätz­li­ches Ge­päck hat sie sich nicht er­laubt. An die­sem son­ni­gen Abend tritt sie in der mit­tel­al­ter­li­chen St.-Ma­ri­en-Kir­che im wend­län­di­schen Pla­te auf, ei­nem ver­schla­fe­nen Dorf. Die Kir­che ist voll be­setzt. Die Dä­nin spielt aus­schließ­lich Bach-So­lo-Stü­cke für Cel­lo und Block­flö­te. „Es ist ein Ver­gnü­gen zu spü­ren, wie die wun­der­ba­re Akus­tik der Kir­che die Tö­ne gleich­sam flie­gen lässt“, sagt die Dä­nin. Die Zu­hö­rer sind be­geis­tert.

Auch in der mäch­ti­gen Back­stein­kir­che im alt­mär­ki­schen Salz­we­del trat Rie­gels auf. Statt in ei­nem Ho­tel ver­brach­te sie dort meh­re­re Ta­ge in ei­ner mon­go­li­schen Jur­te.

Zu Be­ginn ih­rer Rei­se lern­te sie auf Schloss Gerbstedt bei San­ger­hau­sen den Be­sit­zer und En­ter­tai­ner Phil Stew­man ken­nen. „Sei­ne Frau hat­te ge­ra­de ein Ca­fé im Schloss er­öff­net. Es war so win­dig und reg­ne­risch, dass mir die Ba­ro­ness an­bot, mich die 57 Ki­lo­me­ter nach Hal­ber­stadt zu fah­ren“, sagt die Cel­lis­tin. Sie gab ein Kon­zert im Ca­fé und be­kam da­für ei­ne Fahrt nach Hal­ber­stadt. „In der Kir­che klingt Bach um­wer­fend, im Ca­fé ging es aber auch“, sagt die Dä­nin. Die Tour ha­be ihr bis­lang vie­le wun­der­ba­re Be­geg­nun­gen be­schert.

Der Rü­cken­wind trägt sie wei­ter, el­b­ab­wärts. Zum Ab­schluss der Tour gas­tiert die Mu­si­ke­rin in St. Ma­ri­en in Lü­beck – wie einst Bach. En­de Au­gust will Rie­gels in ei­ner Som­mer­aka­de­mie in Cam­bridge ihr ei­ge­nes Cel­lo bau­en. Und im An­schluss mit ei­ge­nen Kom­po­si­tio­nen auf Tour ge­hen – „viel­leicht wie­der mit dem Fahr­rad“.

„Die Rei­se soll mei­ne Be­zie­hung zu Bach und sei­ner Kunst ver­tie­fen.“Cel­lis­tin Ida Rie­gels

FO­TOS: DPA

Ida Rie­gels sitzt vor der St.-Ma­ri­en-Kir­che im Wend­land auf ei­ner Wie­se – 400 Ki­lo­me­ter lang ist ih­re Rei­se.

Na­he Pla­te (Nie­der­sach­sen) ra­delt die Cel­lis­tin über ei­nen Feld­weg.

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