Re­gi­on zwei­felt an Bus­ver­kehr im St­un­den­takt

Fi­nan­zie­rungs­re­form beim öf­fent­li­chen Nah­ver­kehr wird kri­tisch ge­se­hen

Schwaebische Zeitung (Wangen) - - REGION - Von Phil­ipp Rich­ter

RA­VENS­BURG - Das Land will mehr Geld für den öf­fent­li­chen Nah­ver­kehr aus­ge­ben, vor al­lem für den Bus­ver­kehr. Das hat das Lan­des­ver­kehrs­mi­nis­te­ri­um in Stutt­gart am Mon­tag („Bus­se sol­len auch auf dem Land stünd­lich fah­ren“, SZ vom 27. Ju­ni) be­kannt ge­ben. Doch an den Vor­stel­lun­gen, dass Bus­se in die kleins­ten Dör­fer im St­un­den­takt fah­ren sol­len, zwei­feln die Prot­ago­nis­ten im Land­kreis Ra­vens­burg.

Der Land­kreis Ra­vens­burg ist mit ei­ner Flä­che von rund 1600 Qua­drat­ki­lo­me­tern der zweit­größ­te Kreis in Ba­den-Würt­tem­berg und da­zu noch sehr länd­lich struk­tu­riert. „Sie fin­den hier rund 2500 An­sied­lun­gen, von al­lein­ste­hen­den Hö­fen bis hin zur Me­tro­po­le Ra­vens­burg – im Ver­gleich da­zu hat ein dich­ter be­sie­del­ter Land­kreis wie zum Bei­spiel der Land­kreis Bi­be­rach nur rund 500 Sied­lun­gen. Schon auf­grund die­ser Vor­aus­set­zun­gen sind in der Ver­gan­gen­heit be­reits mehr­fach Ver­su­che ge­schei­tert, ein flä­chen­de­cken­des und ähn­lich wie in Städ­ten struk­tu­rier­tes ÖPNV-An­ge­bot um­zu­set­zen“, heißt es auf Nach­fra­ge der SZ von Land­rats­amts­spre­che­rin Clau­dia Roß­mann. Und wei­ter: „Nach un­se­rer Ein­schät­zung ist da­her ein kreis­wei­tes (al­so auch auf dem Land und bis ins kleins­te Dorf ) ÖPNV-An­ge­bot im St­un­den­takt (Zei­t­raum 5 bis 24 Uhr) auch nicht durch die Aus­wir­kun­gen der ÖPNV-Fi­nan­zie­rungs­re­form rea­li­sier­bar.“

50 Mil­lio­nen Eu­ro mehr

Hin­ter­grund der Vor­stel­lun­gen von Ver­kehrs­mi­nis­ter Win­fried Her­mann ist die so­ge­nann­te ÖPNV-Fi­nan­zie­rungs­re­form. Ver­kürzt ge­sagt, wer­den durch die­se Re­form die Geld­flüs­se ge­än­dert. Bis­her funk­tio­niert der öf­fent­li­che Bus­ver­kehr so, dass die Bus­un­ter­neh­men ei­nen An­spruch auf Gel­der des Lan­des ha­ben, wenn sie ei­ne be­stimm­te Stre­cke be­die­nen, jetzt soll das Geld an die Auf­trag­ge­ber – sprich Land­krei­se – ge­hen, die dann die Gel­der ver­wal­ten. Be­reits zum 1. Ja­nu­ar 2018 sol­len die Gel­der von 200 Mil­lio­nen Eu­ro im Jahr für den Bus­ver­kehr kom­mu­na­li­siert wer­den. Von 2021 bis 2023 sol­len die­se Gel­der um 50 Mil­lio­nen Eu­ro wach­sen.

Fron­reu­tes Bür­ger­meis­ter und gleich­zei­tig Frak­ti­ons­vor­sit­zen­der der Frei­en Wäh­ler im Kreis­tag, Oli­ver Spieß, sieht al­ler­dings Gestal­tungs­spiel­raum für den Bus­ver­kehr in der Re­gi­on. „Als Bür­ger­meis­ter der Ge­mein­de Fronreute se­he ich de­fi­ni­tiv ei­ne Chan­ce für ei­nen bes­se­ren Bus­ver­kehr, vor al­lem im west­li­chen Land­kreis Ra­vens­burg“, sagt Spieß, auch wenn er sich be­wusst ist, dass es vor­erst nicht mehr Geld gibt. „Es hängt na­tür­lich am Geld und am Wil­len des Krei­ses, wie viel Geld er be­reit ist, aus­zu­ge­ben“, so Spieß.

Der Bus­un­ter­neh­mer, Ge­schäfts­füh­rer des Re­gio­nal­ver­kehrs Bo­den­see-Ober­schwa­ben (RBO) und Vor­stands­mit­glied des Ver­ban­des Ba­den-Würt­tem­ber­gi­scher Om­ni­bus­un­ter­neh­mer Bernd Gr­ab­herr aus Waldburg steht die­sem – wie er es nennt – „Sys­tem­wech­sel“äu­ßerst skep­tisch ge­gen­über. Er be­fürch­tet, dass die­se Re­form die Exis­ten­zen von pri­va­ten Bus­un­ter­neh­men im Land­kreis Ra­vens­burg kos­ten könn­te. Sei­ne Kri­tik zielt dar­auf ab, dass ein ei­gen­wirt­schaft­li­cher An­trag auf ei­ne Li­ni­en­ge­neh­mi­gung vom je­wei­li­gen Land­kreis ab­hängt und durch ein sys­tem­be­ding­tes Ver­ga­be­ver­fah­ren mög­li­cher­wei­se zu sehr viel Ver­wer­fun­gen kom­men könn­te. Dies wür­de sich, so Bernd Gr­ab­herr, „lang­fris­tig si­cher­lich nach­tei­lig auf das Preis-/Leis­tungs­an­ge­bot ins­ge­samt aus­wir­ken“. Da­durch sieht er das „gu­te An­ge­bot“in Ge­fahr, „weil die 14 pri­va­ten Bus­un­ter­neh­men am nächs­ten am Markt dran sind“.

Gr­ab­herr zwei­felt zu­dem am St­un­den­takt von 5 bis 24 Uhr: „Da wer­den wir nie hin­kom­men. Der Land­kreis Ra­vens­burg ist geo­gra­fisch an­spruchs­voll. Um rea­lis­tisch zu blei­ben, wird in den spä­ten Abend­stun­den viel hei­ße Luft trans­por­tiert.“

Au­ßer­dem sei noch nicht klar, wie viel Geld von den 50 Mil­lio­nen für al­le Land­krei­se wirk­lich in den Kreis Ra­vens­burg fließt. Laut Pres­se­mit­tei­lung des Lan­des­ver­kehrs­mi­nis­te­ri­ums sol­len drei Kri­te­ri­en dar­über ent­schei­den, wie viel Geld in wel­chen Land­kreis fließt: die Zahl der Fahr­gäs­te, die ge­fah­re­nen Ki­lo­me­ter und die Flä­che des Krei­ses.

Mehr Be­rufs­pend­ler bei Bo­do

Beim Ver­kehrs­ver­bund Bo­do, der für den Land­kreis Ra­vens­burg und den Bo­den­see­kreis zu­stän­dig ist, ist man eher zu­rück­hal­tend. „Zu­erst mal sind es nicht mehr Mit­tel, die im Sys­tem sind, sie wer­den nur an­ders ver­teilt“, sagt Ge­schäfts­füh­rer Jür­gen Löff­ler. Man müs­se dann po­li­tisch de­fi­nie­ren, was man möch­te. Sprich: Der Kreis­tag ist dran. Wenn der Kreis mehr Geld be­reit­stellt, dann kann auch ein bes­se­res An­ge­bot ge­schaf­fen wer­den. Selbst mit den künf­ti­gen 50 Mil­lio­nen Eu­ro, die dann ab 2023 aus­ge­ge­ben wer­den sol­len, sieht Löff­ler erst mal kei­ne Mög­lich­keit für ei­nen St­un­den­takt.

Den­noch wis­se er aus sei­nen Zah­len, dass un­ter an­de­rem durch ein dem­ent­spre­chen­des An­ge­bot auch mehr Fahr­gäs­te an­ge­lockt wer­den kön­nen. „Des­we­gen hat Bo­do auch die Fahr­gast­zah­len im ver­gan­ge­nen Jahr stei­gern kön­nen. Wir ha­ben auch mehr Be­rufs­pend­ler ver­zeich­nen kön­nen“, sagt Löff­ler. Aber zu­erst sei er froh, wenn das be­ste­hen­de An­ge­bot ge­hal­ten wer­den kön­ne.

Über die Ent­wür­fe der ÖPNV-Fi­nan­zie­rungs­re­form muss der Land­tag noch in zwei Le­sun­gen be­ra­ten.

FO­TO: FRANK RUMPENHORST

Gin­ge es nach dem Wil­len des Lan­des, wür­de es ei­nen St­un­den­takt im Bus­ver­kehr ge­hen.

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