Gril­len – ei­ne Frage des Ge­schmacks

Ma­thi­as Rasch und Jo­sef Hir­te wol­len In­sek­ten auch im All­gäu als Snack eta­blie­ren

Schwaebische Zeitung (Wangen) - - REGION - Von Kat­ha­ri­na Mül­ler

KEMPTEN - Kr­ab­bel­tier­chen auf dem Tel­ler ru­fen an eu­ro­päi­schen Ess­ti­schen wohl zu­meist an­ge­ekel­tes Krei­schen, wil­des Ge­fuch­tel und Ru­fe nach der Flie­gen­klat­sche her­vor. In­sek­ten als le­cke­re Bei­la­ge oder knusp­ri­gen Snack zu be­trach­ten, kommt nur den we­nigs­ten in den Sinn. Das will Ma­thi­as Rasch (29) aus Oberst­dorf än­dern. Mit sei­nem Freund Jo­sef Hir­te rös­tet er Gril­len und bie­tet sie in drei Ge­schmacks­rich­tun­gen an – ro­sa Pfef­fer, All­gäu­er Wild­kräu­ter und fleur de sel.

Mit ih­rer neu ge­grün­de­ten Fir­ma „wi­cked cri­cket“, was frei über­setzt so viel wie „schril­le Gril­le“heißt, möch­ten der Leh­rer und der Phy­si­ker In­sek­ten als Nah­rungs­mit­tel in Eu­ro­pa eta­blie­ren. Denn in vie­len Län­dern wie Me­xi­ko, Bo­li­vi­en, Thai­land oder Ko­lum­bi­en ge­hö­ren Amei­sen, Heu­schre­cken und Gril­len be­reits fest zum Spei­se­plan.

Pro­be aufs Ex­em­pel

Aber wie se­hen das die All­gäu­er? Kön­nen sie sich vor­stel­len, Chips ge­gen Knus­per­gril­len zu tau­schen? Bei ei­nem Rund­gang in Kempten pro­biert Rasch es aus und bie­tet den Men­schen ge­rös­te­te In­sek­ten an.

Die ers­ten Re­ak­tio­nen sind nicht ge­ra­de viel­ver­spre­chend: „Da ess’ ich lie­ber das Gras von der Wies’“, „Mei­ne Frau küsst mich nie wie­der, wenn ich das es­se“, „Ich fin­de die ek­lig“. Im zwei­ten Mo­ment grei­fen aber fast al­le in die klei­nen bun­ten Dö­schen, kau­en, ma­chen ei­nen über­rasch­ten Ge­sichts­aus­druck und grei­fen noch ein­mal hin­ein. „Die sind über­ra­schend gut“, sagt Sa­rah Gö­ser aus Bad Grö­nen­bach. „Bes­ser als ge­dacht und mit nichts zu ver­glei­chen“, sagt Tan­ja Schnei­der aus Kempten. Die bei­den ha­ben vor­her noch nie In­sek­ten ge­ges­sen und sind po­si­tiv über­rascht. Ek­lig fin­den sie es nicht, in die In­sek­ten­kör­per zu bei­ßen – nur un­ge­wohnt.

Da­mit sind sie aber ei­ne Aus­nah­me, weiß Rasch. „Wir wol­len er­rei­chen, dass der Ekel schwin­det und un­be­dingt weg von die­sem Dschun­gel­camp-Image“, sagt der 29-Jäh­ri­ge. Hin­ter der Ge­schäfts­idee zu „wi­cked cri­cket“steckt für die bei­den Grün­der ein hö­he­res Ziel. „Wir möch­ten, dass die Men­schen mehr dar­über nach­den­ken, was sie es­sen“, sagt Rasch. Denn nicht nur Fleisch, son­dern auch In­sek­ten sei­en her­vor­ra­gen­de Ei­weiß­spen­der. Viel wich­ti­ger aber: Ih­re Zucht und Wei­ter­ver­ar­bei­tung sei um ei­ni­ges öko­lo­gi­scher als die her­kömm­li­che Fleisch­pro­duk­ti­on. Auf ih­rer Home­page rech­nen Rasch und Hir­te es vor: Gril­len be­nö­ti­gen we­ni­ger Fut­ter, we­ni­ger Was­ser und er­zeu­gen kaum Treib­haus­ga­se.

Trotz­dem müs­se dem Ver­brau­cher klar sein, dass der Gril­lens­nack nicht ve­ge­ta­risch ist. „Wir ver­ar­bei­ten nur die gan­zen Tie­re, da­mit der Be­zug zum Pro­dukt nicht ver­lo­ren geht“, sagt Rasch.

Eu­ro­päi­sche Züch­ter

Von der Idee, die auf ei­nem Bal­kon in Mün­chen ent­stan­den ist, bis zur heu­ti­gen Um­set­zung ver­gin­gen un­ge­fähr zwei Jah­re. An­ge­fan­gen ha­ben die bei­den Freun­de im Kel­ler ih­res Münch­ner Wohn­hau­ses. Rasch und Hir­te ha­ben in der Lan­des­haupt­stadt stu­diert und wa­ren Nach­barn. Auf Dau­er war das aber nicht der rich­ti­ge Platz, und die Zucht stell­te sich schwie­rig dar, er­zählt Rasch. In­zwi­schen las­sen sie sich die Gril­len, die nur für den mensch­li­chen Ver­zehr ge­züch­tet wer­den, lie­fern. „Es sind eu­ro­päi­sche Züch­ter. Das ist uns ganz wich­tig“, sagt Rasch. Die Tie­re kom­men ge­frier­ge­trock­net bei ih­nen an. Das Rös­ten und Wür­zen über­neh­men die bei­den selbst. Auch wei­te­re Ge­schmacks­rich­tun­gen sind ge­plant: „Es soll zum Bei­spiel ei­ne Win­ter­kol­lek­ti­on ge­ben, viel­leicht auch mit ei­ner sü­ßen Va­ri­an­te.“

Aber nun zu­rück an die Il­ler in Kempten: Als Snack kann sich Sven Prünst­ner die schril­len Gril­len gut vor­stel­len, sagt er. Auch sei­nem drei­jäh­ri­gen Sohn Phi­lip schei­nen die ge­rös­te­ten In­sek­ten zu schme­cken. Der streckt je­den­falls den Dau­men prompt in die Hö­he als die Wild­kräu­ter-Gril­le in sei­nem klei­nen Mund ver­schwun­den ist.

FO­TO: RALF LIENERT

Ma­thi­as Rasch aus Oberst­dorf (von links) lässt bei ei­nem Rund­gang in Kempten Sa­rah Gö­ser und Tan­ja Schnei­der die Gril­len pro­bie­ren.

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