Der Gip­fel ist beim Die­selskan­dal noch nicht er­reicht

Kraft­fahrt-Bun­des­amt prüft nun auch Daim­ler – Der Kon­zern hält sei­ne Mo­to­ren für le­gal

Schwaebische Zeitung (Wangen) - - WIRTSCHAFT - Von Wolfgang Mul­ke, Han­nes Koch und Andreas Knoch

BERLIN/STUTTGART/RA­VENS­BURG Ba­den-Würt­tem­bergs Mi­nis­ter­prä­si­dent Win­fried Kret­sch­mann über­zeug­te sich kürz­lich auf ei­ner Daim­ler-Test­stre­cke selbst von der Mög­lich­keit, sau­be­re Die­sel­mo­to­ren zu bau­en. Die Mess­ge­rä­te im Fahr­zeug be­stä­tig­ten ihm dies. Des­halb bleibt der Grü­nen-Lan­des­va­ter an­ge­sichts der Ma­ni­pu­la­ti­ons­vor­wür­fe ge­gen den Kon­zern auch zu­rück­hal­tend. „Ich ge­he nicht davon aus, dass ein Au­to­mo­bil­kon­zern mit ei­nem Mess­ge­rät mit mir in der Ge­gend her­um­fährt und das hin­ter­her nicht stimmt“, sagt Kret­sch­mann am Don­ners­tag am Ran­de ei­nes Pres­se­ter­mins. Doch im Test­fahr­zeug war ein an­de­rer Mo­tor ein­ge­baut, als die nun ins Vi­sier der Staats­an­walt­schaft ge­ra­te­nen Bau­rei­hen. Die­se will Daim­ler un­recht­mä­ßi­ge Ab­schalt­ein­rich­tun­gen nach­wei­sen.

Das Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­te­ri­um geht die­sem Ver­dacht auf Trick­se­rei­en des Daim­ler-Kon­zerns nun nach. „Das Kraft­fahrt-Bun­des­amt (KBA) nimmt Fahr­zeu­ge in die Prü­fung“, sag­te der Spre­cher des Mi­nis­te­ri­ums, In­go Stra­ter, am Frei­tag. Am Abend zu­vor muss­te der Ent­wick­lungs­chef des Un­ter­neh­mens, Ola Käl­le­ni­us, den Fra­gen der Ab­gas-Un­ter­su­chungs­kom­mis­si­on im Mi­nis­te­ri­um stel­len. Daim­ler ha­be be­strit­ten, dass in et­wa ei­ne Mil­li­on Mo­to­ren ei­ne il­le­ga­le Ab­schalt­ein­rich­tung ver­wen­det wor­den sein, er­läu­ter­te Stra­ter. Nun soll das KBA die Ab­gas­wer­te mes­sen.

Pro­ble­me mit dem „Wun­der­mo­tor“

Kon­kret geht es um zwei Mo­to­ren­rei­hen von Daim­ler, den OM 642 so­wie den OM 651 wie das Ver­kehrs­mi­nis­te­ri­um be­stä­tig­te. Ers­te­rer ist ein V6 Tur­bo­die­sel, der vor al­lem bei Mo­del­len der Ober­klas­se ver­wen­det wird. Letz­te­rer ist eben­falls ein Tur­bo­die­sel, je­doch mit ge­rin­ge­rem Hu­b­raum. Bei sei­ner Premiere im Jahr 2008 wur­de er als „Wun­der­mo­tor“ge­prie­sen. Bei­de Mo­to­ren wer­den nicht nur in den Pkw ein­ge­setzt, son­dern auch bei den Klein­trans­por­tern von Mer­ce­des. Der Kon­zern will sich we­gen des laufenden Er­mitt­lungs­ver­fah­rens zur Sa­che der­zeit nicht äu­ßern. „Spe­ku­la­tio­nen kom­men­tie­ren wir nicht“, teil­te Daim­ler auf An­fra­ge mit. Un­ter­neh­mens­chef Die­ter Zet­sche hat­te öf­fent­lich stets be­teu­ert, dass kei­ne Ab­gas­ein­rich­tun­gen ma­ni­pu­liert wor­den sei­en. Das stellt die Stutt­gar­ter Staats­an­walt­schaft nun mas­siv in­fra­ge.

Der Au­to­ex­per­te Fer­di­nand Du­den­hö­fer von der Uni Duis­burg-Es­sen warnt der­weil vor ei­ner Vor­ver­ur­tei­lung des Kon­zerns. „Bis­her han­delt es sich nur um Be­haup­tun­gen“, sagt er. Soll­ten sie sich be­stä­ti­gen, lä­ge die Di­men­si­on des Fal­les weit un­ter­halb der Pro­ble­me im Fall VW. Hier ge­he es nur um in Eu­ro­pa ver­kauf­te Fahr­zeu­ge. Der fi­nan­zi­el­le Scha­den dürf­te da­her weit ge­rin­ger aus­fal­len.

Doch Du­den­hö­fer glaubt, dass Stra­fen nur die ge­rings­te Fol­ge für die Bran­che ist. „Der Die­sel­an­trieb ist tot“, sagt er. In vie­len Län­dern ge­be es Un­ter­su­chun­gen ge­gen die Un­ter­neh­men. Und er sieht ei­nen Grund die­ser Ent­wick­lung in Feh­lern der Po­li­tik „Die Ur­sa­che liegt in der schlech­ten Re­gu­lie­rung der Au­to­in­dus­trie“, kri­ti­siert Du­den­hö­fer, „die Bun­des­re­gie­rung hat Hin­wei­se und Kri­tik der EU-Kom­mis­si­on zum ho­hen Schad­stoff-Aus­stoß der Die­sel­fahr­zeu­ge jah­re­lang nicht ernst ge­nom­men.“Auch Jür­gen Resch, Ge­schäfts­füh­rer der Deut­schen Um­welt­hil­fe (DUH) kri­ti­siert, dass sich der Staat von der Durch­set­zung von Recht und Ge­setz bei den gro­ßen Au­to­kon­zer­nen zu­rück­ge­zo­gen hat. „Die Bun­des­re­gie­rung pflegt ein ehe­ähn­li­ches Ver­hält­nis zur Au­to­in­dus­trie“, be­män­gelt Resch.

Tat­säch­lich ste­hen der­zeit so­wohl die Re­gie­run­gen als auch die Bran­che selbst un­ter schwe­rem Druck. In vie­len Städ­ten könn­te es zu Fahr­ver­bo­ten für äl­te­re Die­sel kom­men. Das wä­re ein schwe­rer Schlag für die Be­sit­zer der Fahr­zeu­ge, die ei­nen mas­si­ven Wert­ver­lust ver­dau­en müss­ten. Des­halb for­dern Ver­brau­cher­schüt­zer Scha­den­er­satz für die Kun­den, bis­her je­doch ver­geb­lich.

Die­sel­gip­fel: „Bu­den­zau­ber“

Für die Bun­des­re­gie­rung ein En­de des Die­sel­an­triebs um­welt­po­li­tisch ein gro­ßes Pro­blem. Die Mo­to­ren ver­brau­chen we­ni­ger Sprit als Ben­zi­ner. Der Die­sel wird be­nö­tigt, damit Deutsch­land sei­ne Kli­ma­zie­le ein­hal­ten kann. Die Pro­ble­me könn­ten sich noch wei­ter ver­schär­fen, wenn sich die Deut­sche Um­welt­hil­fe mit ih­ren Kla­gen vor Ge­richt durch­set­zen kann. Der Ver­band will damit er­rei­chen, dass VW und auch Daim­ler die Typ­zu­las­sung für die be­tref­fen­den Bau­rei­hen ent­zo­gen wird. Dann dürf­ten sie nicht mehr im Stra­ßen­ver­kehr un­ter­wegs sein.

We­der Ver­kehrs­mi­nis­ter Alex­an­der Do­brindt (CSU) noch Um­welt­mi­nis­te­rin Barbara Hend­ricks (SPD) wol­len die Vor­wür­fe ge­gen den Stutt­gar­ter Kon­zern der­zeit be­wer­ten. Bei­de Häu­ser ver­wei­sen auf den für den 2. Au­gust ge­plan­ten Die­sel­gip­fel. Ei­ne Spre­che­rin von Hen­dicks stell­te die Er­war­tungs­hal­tung der Bun­des­re­gie­rung schon mal klar. „Die Luft in Deutsch­land muss bes­ser wer­den“, for­dert sie.

An dem Tref­fen wer­den ne­ben den be­tei­lig­ten Mi­nis­te­ri­en der Bun­des­re­gie­rung auch die fünf Bun­des­län­der teil­neh­men, in de­nen die Au­to­her­stel­ler ih­re Sitz ha­ben. Dar­über hin­aus kom­men Ver­tre­ter der Bran­chen­ver­bän­de und der Un­ter­neh­men zum Gip­fel, der vor­aus­sicht­lich im Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­te­ri­um statt­fin­den wird. In­halt­lich geht es um die Nach­rüs­tung von Die­sel­fahr­zeu­gen, damit die Ab­gas­rei­ni­gung bes­ser funk­tio­niert. So wol­len Po­li­tik und Wirt­schaft dro­hen­de Fahr­ver­bo­te in den Städ­ten ver­hin­dern. „Das Ziel ist sau­be­re Luft und nicht Fahr­ver­bo­te“, mach­te Kret­sch­mann am Don­ners­tag noch ein­mal deut­lich. Der Ver­band der Au­to­mo­bil­in­dus­trie (VDA) hat­te kürz­lich an­ge­kün­digt, das drei Mil­lio­nen äl­te­re Fahr­zeu­ge der Schad­stoff­norm Eu­ro 5 mit ei­nem Soft­ware-Up­date nach­ge­rüs­tet wer­den kön­nen.

Of­fen ist noch, wer da­für zur Kas­se ge­be­ten wird. Die Hersteller wol­len bis­her nur für das Soft­ware-Up­date, nicht je­doch für den fäl­li­gen Werk­statt­be­such ge­ra­de­ste­hen. Die Po­li­tik ver­langt da­ge­gen ei­ne vol­le Kos­ten­über­nah­me durch die Au­to­her­stel­ler. Auf die Fra­ge, wer für die Nach­rüs­tung auf­kom­men sol­le er­klär­te Kret­sch­mann: „Die Mi­nis­ter­prä­si­den­ten der Au­to­mo­bil­län­der ge­hen davon aus, dass das die Au­to­mo­bil­in­dus­trie fi­nan­ziert und nicht die Kun­den.“

Der Grü­nen-Frak­ti­ons­vi­ze Oli­ver Kri­scher hält den Gip­fel für „Bu­den­zau­ber“kurz vor der Bun­des­tags­wahl. Auch von der nun an­ge­kün­dig­ten Nach­prü­fung der Daim­ler-Mo­to­ren er­war­tet der Ver­kehrs­ex­per­te we­nig. „Da kommt wieder nichts her­aus“, ver­mu­tet er. Ei­ner der An­trie­be sei beim KBA schon 2016 we­gen zu ho­her Mess­wert­ab­wei­chun­gen auf­ge­fal­len, oh­ne dass dar­auf ei­ne Re­ak­ti­on er­folgt sei.

FO­TO: DPA

Zen­tra­le der Daim­ler AG: Am Frei­tag hat sich der Kon­zern erst­mals zu den Ma­ni­pu­la­ti­ons­vor­wür­fen ge­äu­ßert und die­se in schar­fer Form zu­rück­ge­wie­sen.

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