Azu­bis ver­geb­lich ge­sucht

Deut­sche Be­trie­be be­kla­gen un­be­setz­te Lehr­stel­len – Kri­tik an Aus­län­der­be­hör­den

Schwaebische Zeitung (Wangen) - - WIRTSCHAFT - Von To­bi­as Schmidt

BERLIN (dpa) - Fast ein Drit­tel der Un­ter­neh­men in Deutsch­land fin­den kei­ne Azu­bis mehr. Bis zu 100 000 Aus­bil­dungs­plät­ze kön­nen in die­sem Jahr nicht be­setzt wer­den. Der Fach­kräf­te­man­gel sei „zum Kon­junk­tur­ri­si­ko Num­mer 1“ge­wor­den, schlug der Prä­si­dent des Deut­schen In­dus­trie­und Han­dels­kam­mer­ta­ges (DIHK), Eric Schweit­zer, ges­tern bei der Vor­stel­lung des DIHK-Aus­bil­dungs­be­richts Alarm. 10500 Be­trie­be ha­ben sich an der Um­fra­ge be­tei­ligt. Wie dra­ma­tisch ist die Si­tua­ti­on? Was sind die Ur­sa­chen? Wie kann ge­gen­ge­steu­ert wer­den? Die Hin­ter­grün­de zum DIHK-Aus­bil­dungs­be­richt 2016.

Wel­che Be­stands­auf­nah­me hat der DIHK vor­ge­legt?

Von den 190 000 Aus­bil­dungs­be­trie­ben kön­nen 31 Pro­zent ih­re Plät­ze nicht be­set­zen. Das sind dop­pelt so vie­le wie vor zehn Jah­ren. Fast je­der zehn­te Be­trieb er­hielt im ver­gan­ge­nen Jahr kei­ne ein­zi­ge Be­wer­bung, das wa­ren 1500 mehr als im Vor­jahr. DIHK-Prä­si­dent Schweit­zer spricht von ei­ner „ge­fähr­li­chen Ab­wärts­spi­ra­le“. Nach An­ga­ben der Bun­des­agen­tur für Ar­beit wa­ren En­de letz­ten Jah­res 40 000 Stel­len un­be­setzt. Der DIHK schätzt die tat­säch­li­che Zahl der of­fe­nen Aus­bil­dungs­plät­ze auf 100 000.

Was sind die Grün­de der Kri­se?

Die Zahl der Be­wer­ber ist bin­nen zehn Jah­ren um 200 000 ein­ge­bro­chen. Das liegt zum ei­nen dar­an, dass we­gen der ge­bur­ten­schwä­che­ren Jahr­gän­ge die Zahl der Schul­ab­gän­ger um 150 000 zu­rück­ge­gan­gen ist. Zugleich hält der Run auf die Hoch­schu­len an – 2016 ha­ben mehr als ei­ne hal­be Mil­li­on jun­ger Men­schen ein Stu­di­um be­gon­nen, die Zahl der Stu­die­ren­den stieg um zwei Pro­zent ge­gen­über 2015 an.

Wie ist ge­gen­zu­steu­ern?

Der DIHK wirbt mas­siv um Schul­ab­gän­ger, um sie für ei­ne be­trieb­li­che Aus­bil­dung zu ge­win­nen. Die Ar­gu­men­te: Si­cher­heit – die Ar­beits­lo­sig­keit bei Fach­ar­bei­tern und hö­her qua­li­fi­zier­ten Fach­kräf­ten liegt bei 1,8 Pro­zent – und gu­te Be­zah­lung, oft hö­her als für Aka­de­mi­ker. Wie sinn­voll es für vie­le Abitu­ri­en­ten ist, den Aus­bil­dungs­be­ruf ernst­haft in Be­tracht zu zie­hen, zeigt die enorm ho­he Zahl von Stu­di­en­ab­bre­chern – 160 000 im ver­gan­ge­nen Jahr. Und 43 Pro­zent von ih­nen ent­schie­den sich im ers­ten hal­ben Jahr nach der Ex­ma­tri­ku­la­ti­on für ei­ne be­trieb­li­che Aus­bil­dung – der An­teil ver­dop­pel­te sich ge­gen­über 2008.

Was soll die Po­li­tik tun?

Von der Re­gie­rung und den Län­dern for­dert der DIHK, die Be­rufs­ori­en­tie­rung an Schu­len – ins­be­son­de­re an Gym­na­si­en – zu ver­bes­sern, da­mit sich die Abitu­ri­en­ten für ei­ne Aus­bil­dung statt fürs Stu­di­um ent­schei­den. Fer­ner sol­len Be­rufs­schu­len für das Zeit­al­ter der Di­gi­ta­li­sie­rung ge­rüs­tet wer­den. Ge­ra­de in länd­li­chen Re­gio­nen ma­chen Be­rufs­schu­len dicht, weil es we­ni­ger Schü­ler gibt. Um län­ge­re We­ge zu ver­mei­den, müss­ten di­gi­ta­le Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel und Lern­for­ma­te auf­ge­baut wer­den.

Kön­nen die Flücht­lin­ge den Fach­kräf­te­man­gel ent­schär­fen?

Es gibt Fort­schrit­te bei der In­te­gra­ti­on der Flücht­lin­ge, aber das Po­ten­zi­al ist der DIHK-Um­fra­ge zu­fol­ge viel hö­her, wird je­doch häu­fig von den Aus­län­der­be­hör­den blo­ckiert. 15 000 jun­ge Flücht­lin­ge be­fin­den sich der­zeit in ei­ner IHK-Aus­bil­dung. 15 Pro­zent der Un­ter­neh­men bie­ten über­dies Ein­stiegs­qua­li­fi­zie­run­gen und Prak­ti­ka an. Das Pro­blem: Die im In­te­gra­ti­ons­ge­setz ver­an­ker­te Re­ge­lung, wo­nach Flücht­lin­ge bei ei­nem Aus­bil­dungs­platz drei Jah­re lang nicht ab­ge­scho­ben wer­den und bei an­schlie­ßen­der Über­nah­me zwei wei­te­re Jah­re in Deutsch­land blei­ben dür­fen, wer­den von den Be­hör­den nach An­ga­ben des DIHK oft nicht re­spek­tiert. „Ich ha­be den Ein­druck, die Be­hör­den ar­bei­ten ge­gen mich und wis­sen nicht Be­scheid“, zi­tiert die Stu­die ei­nen Un­ter­neh­mer. So kom­me es im­mer wie­der zu Ab­schie­bun­gen aus Aus­bil­dun­gen her­aus. „Aber kein Un­ter­neh­men stellt ei­nen Flücht­ling ein, wenn es be­fürch­ten muss, dass er nicht lan­ge blei­ben kann“, er­klär­te Schweit­zer. Der DIHK for­dert, dass Be­hör­den ih­re Er­mes­sens­spiel­räu­me „im Sin­ne der Ge­flüch­te­ten und Un­ter­neh­men nut­zen“. Zu­dem sol­le der Ab­schie­be­schutz für die­je­ni­gen gel­ten, die vor der Aus­bil­dung ei­ne Ein­stiegs­qua­li­fi­zie­rung ab­sol­vie­ren.

FO­TO: DPA

Ein Aus­zu­bil­den­der im Tisch­ler­hand­werk bohrt ein Loch. Deutsch­land­weit blie­ben 2016 rund ein Drit­tel al­ler Lehr­stel­len in Aus­bil­dungs­be­ru­fen un­be­setzt.

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