„Von Ster­ben­den fürs Le­ben ler­nen“

Ho­s­piz­ar­beit: Eh­ren­amt­li­che schnup­pern über Lan­des­gren­zen hin­weg

Schwaebische Zeitung (Wangen) - - OBERSCHWABEN - Von Clau­dia Flas­sak

RA­VENS­BURG - Ma­ria Na­gel-Hoff­bau­er (55) hat lan­ge Jah­re ih­re El­tern ge­pflegt und möch­te, nach­dem die Kin­der aus dem Haus sind, mit ih­rer Er­fah­rung Schwer­kran­ken und Ster­ben­den ei­ne Hil­fe sein. Im Ja­nu­ar be­gann sie ei­ne Aus­bil­dung in der am­bu­lan­ten Ho­s­piz­grup­pe Ra­vens­burg. Der­zeit hos­pi­tiert sie im Ho­s­piz Schus­sen­tal.

Sie traf sich dort an ei­nem Abend pro Wo­che und an sechs Wo­che­n­en­den, um sich in­ten­siv mit be­stimm­ten Themen aus­ein­an­der­zu­set­zen: Krank­heit, Ster­ben, Trau­er, Selb­stund Fremd­wahr­neh­mung, ethi­sche, spi­ri­tu­el­le und ju­ris­ti­sche Fra­gen am En­de des Le­bens. Vor­aus­ge­gan­gen war ein aus­führ­li­ches Ge­spräch mit der Ko­or­di­na­to­rin über ih­re Mo­ti­va­ti­on für die Ster­be­be­glei­tung. Ob­wohl sie in ei­ner am­bu­lan­ten Ho­s­piz­grup­pe mit­ar­bei­tet, macht sie der­zeit ein Prak­ti­kum im Ho­s­piz Schus­sen­tal der St.-Eli­sa­beth-Stif­tung in Ra­vens­burg.

Prak­ti­kan­tin ist auch die Ös­ter­rei­che­rin An­ne­ma­rie Sut­ter­lü­ty (61) aus Bre­genz, wo in Kür­ze ein sta­tio­nä­res Ho­s­piz ent­ste­hen soll. Zu­sam­men mit dem Ein­rich­tungs­lei­ter Tho­mas Ra­dau sit­zen die bei­den Frauen im Raum der Stil­le des hel­len, mo­dern ein­ge­rich­te­ten Sei­ten­flü­gels des ehe­ma­li­gen St.-Ni­ko­laus-Kin­der­kran­ken­hau­ses. Hier wer­den bis zu acht schwerst­kran­ke und ster­ben­de Men­schen be­glei­tet, für die ei­ne Be­hand­lung im Kran­ken­haus nicht mehr sinn­voll ist, die aber nicht zu Hau­se le­ben kön­nen.

Das Pro­fi­team um Tho­mas Ra­dau ist dank­bar für die Eh­ren­amt­li­chen. Sie le­sen den Kran­ken vor, ma­chen Spa­zier­gän­ge, Bo­ten­gän­ge oder hö­ren ein­fach zu. An­ne­ma­rie Sut­ter­lü­ty, So­zi­al­ar­bei­te­rin und Be­wäh­rungs­hel­fe­rin aus Vor­arl­berg, merkt man die Er­fah­rung im Um­gang mit Men­schen an. Auf die Fra­ge, wie sie mit Schwer­kran­ken Kon­takt auf­nimmt, lä­chelt sie: „Manch­mal neh­me ich Be­zug zu Fo­tos oder Zeich­nun­gen am Bett. Dann spü­re ich ein Leuch­ten oder ein Lä­cheln. Mit­un­ter deu- ten die Kran­ken aber auch an, dass man ge­hen soll.“

Sie stimmt der deut­schen Ho­s­piz­be­glei­te­rin zu, die sagt: „Ich emp­fin­de die Ar­beit in der Ho­s­piz­grup­pe als Ge­schenk, sie ist ei­ne Be­rei­che­rung für mich. In Vor­arl­berg gibt es die Ein­rich­tung Ho­s­piz noch nicht so lan­ge. Su­per, dass ich in Deutsch­land ein Prak­ti­kum ma­chen kann.“Sie kommt für ihr Prak­ti­kum vier Ta­ge lang je fünf St­un­den ins Ho­s­piz Schus­sen­tal; für Tho­mas Ra­dau ein gu­tes Bei­spiel, wie eng ver­netzt die Haupt­be­ruf­li­chen und die Eh­ren­amt­li­chen in der ge­sam­ten Re­gi­on sind.

Aus­tausch fin­det auch Ma­ria Na­gel-Hoff­bau­er wich­tig: „Wir ler­nen schon im Kurs, auch auf un­se­re Be­dürf­nis­se zu ach­ten. Das kann man üben. Manch­mal ver­ar­bei­tet man in der Grup­pe ei­ge­ne Pro­ble­me. Wo­bei wir die­se nicht ans Bett des Ster­ben­den tra­gen.“Bei­de Frauen ha­ben ei­ne christ­li­che Mo­ti­va­ti­on. „Oh­ne spi­ri­tu­el­len Hin­ter­grund ist die Ar­beit schwie­ri­ger“, pflich­tet Tho­mas Ra­dau bei. Gleich­zei­tig sei ei­ne rein re­li­giö­se Mo­ti­va­ti­on auch fehl am Platz. „Druck durch mis­sio­na­ri­sches Auf­tre­ten wün­schen sich un­se­re Gäs­te nicht. Sehr hilf­reich hin­ge­gen ist für vie­le, dass sie mit den Eh­ren­amt­li­chen in Ru­he re­den kön­nen. Ver­dräng­te Kon­flik­te wer­den the­ma­ti­siert, sehr gu­te Ge­sprä­che kom­men in Gang.“

Pfle­ger sind rund um die Uhr für die Gäs­te im Ho­s­piz da, be­treu­en und lin­dern Schmer­zen. Eh­ren­amt­li­che Frauen und Män­ner ste­hen stun­den­wei­se be­reit: hel­fen, trös­ten, be­glei­ten. Bei der am­bu­lan­ten Be­glei­tung be­su­chen sie die Kran­ken zu Hau­se oder im Pfle­ge­heim, manch­mal bis zu ei­nem Jahr lang. „Hier im Ho­s­piz ha­ben sie das Team der Haupt­amt­li­chen, das in schwie­ri­gen Si­tua­tio­nen un­ter­stützt. Eh­ren­amt­li­che, die nicht ganz so viel Nä­he zu­las­sen wol­len, schät­zen das. Sie ha­ben auch das Ge­fühl, im Ho­s­piz nicht so viel Ver­ant­wor­tung über­neh­men zu müs­sen wie bei der am­bu­lan­ten Be­glei­tung“, er­klärt Tho­mas Ra­dau.

Die bei­den Frauen stim­men zu. Ne­ben An­ne­ma­rie Sut­ter­lü­ty steht ein Korb mit St­ei­nen. Auf je­dem ist der Name ei­nes im Ho­s­piz ver­stor­be­nen Gas­tes ge­schrie­ben. Sie nimmt ei­nen in die Hand und streicht fast zärt­lich über den Schrift­zug. „Mich be­rührt, was für Ge­schich­ten und Er­leb­nis­se die Men­schen mit mir tei­len“, sagt sie. „Von Ster­ben­den kann man ler­nen, was im Le­ben wich­tig ist.“Ähn­lich geht es Ma­ria Na­gelHoff­bau­er: „Oft emp­fin­de ich die­se Be­geg­nun­gen als Ge­schenk. Wenn mich Freun­de oder Be­kann­te fra­gen, war­um ich mir so et­was an­tue, sa­ge ich: Ich möch­te et­was fürs Le­ben ler­nen.“

Die St.-Eli­sa­beth-Stif­tung be­treibt ne­ben dem Ho­s­piz Schus­sen­tal in Ra­vens­burg das Ho­s­piz Haus Ma­ria in Bi­be­rach. www.st-eli­sa­beth-stif­tung.de

FO­TO: ANDREA RECK/ ST.- ELI­SA­BETH- STIF­TUNG

An­ne­ma­rie Sut­ter­lü­ty aus Bre­genz ge­nießt ih­re Schnup­per­ta­ge im Ho­s­piz Schus­sen­tal.

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