Zehn Jah­re Hil­fe für ar­me Men­schen

Der Wan­ge­ner Ta­fel­la­den be­steht seit Au­gust 2007 – Ein Orts­be­such.

Schwaebische Zeitung (Wangen) - - ERSTE SEITE - Von Jan Pe­ter Steppat

WAN­GEN - Die Wan­ge­ner Ta­fel be­steht in die­sen Ta­gen seit zehn Jah­ren. In dem klei­nen La­den­lo­kal am Buch­weg kön­nen seit­her Be­dürf­ti­ge Le­bens­mit­tel zu güns­ti­gen Prei­sen einkaufen, die an­ders­wo zu­vor aus­sor­tiert wor­den sind. Und der La­den läuft. Das ist der Ein­druck bei ei­nem Orts­be­such am Don­ners­tag.

„Ei­gent­lich geht es uns ge­ra­de gut“, sagt Su­san­ne Pfef­fer. Pfef­fer ist Eh­ren­amts­ko­or­di­na­to­rin für meh­re­re Ta­fel­lä­den in der Re­gi­on. Auch für den an der Ecke Buch­weg/Leut­kir­cher Stra­ße. Mit dem Satz be­schreibt sie, dass es der­zeit aus­rei­chend Spen­den gibt – an Wa­re von den Zu­lie­fe­rern, an Geld durch Zu­wen­der und an Zeit, die ins­ge­samt rund 70 eh­ren­amt­li­chen Mit­ar­bei­ter in­ves­tie­ren. Doch die Ko­or­di­na­to­rin weiß: Die­ser Zu­stand kann sich schnell än­dern, manch­mal bin­nen we­ni­ger Ta­ge. Und der Blick in das Re­gal mit den Milch­pro­duk­ten lässt für die­sen Be­reich nichts Gu­tes er­ah­nen: Kä­se gibt es zwar ge­nug, dank der hie­si­gen Kä­se­rei­en. Aber an Milch selbst fehlt es ak­tu­ell.

Ab­hän­gig von Kon­zer­nen

Su­san­ne Pfef­fer kennt den Grund: Ei­ni­ge Dis­coun­ter hät­ten Än­de­run­gen vor­ge­nom­men. Sie ver­kauf­ten Milch jetzt bis zum letz­ten Tag des Min­dest­halt­bar­keits­da­tums. Für die Ta­feln blie­be da nichts üb­rig. Man hän­ge da an der Ent­schei­dung der Kon­zern­zen­tra­len, sagt die Ko­or­di­na­to­rin. An­de­rer­seits: An die­sem Don­ners­tag, es ist Ver­kaufs­tag und ge­nau ein Tag nach dem of­fi­zi­el­len „Ge­burts­tag“der Wan­ge­ner Ta­fel am 9. Au­gust, gibt es Obst und Ge­mü­se in Hül­le und Fül­le. „Wie bei Wild“, sagt Lo­re St­ein­hau­ser mit Blick auf das Fein­kost­ge­schäft in der Wan­ge­ner Alt­stadt. St­ein­hau­ser ar­bei­tet seit An­be­ginn am Buch­weg mit. Sie er­gänzt: „Und wir sind so stolz wie Wild.“

Die Ent­wick­lungs­ge­schich­te des Ta­fel­la­dens dürf­te ein Grund da­für sein: Denn „an­fangs war es ei­ne Bet­te­lei“, er­zählt Il­se Zol­ler, ei­ne der Mit­be­grün­de­rin­nen der Ein­rich­tung. Bei Su­per­märk­ten, Bä­cke­rei­en, an­de­ren Ge­schäf­ten oder re­gio­na­len Pro­du­zen­ten, um an Wa­re zu kom­men. Auch die Zahl der Eh­ren­amt­li­chen war da­mals deut­lich ge­rin­ger als heu­te. Und es gab nur ei­nen statt zwei Ver­kaufs­ta­gen.

Da­zu muss­ten die Mit­ar­bei­ter Über­zeu­gungs­ar­beit bei vie­len fi­nan­zi­ell schlecht ge­stell­ten Men­schen leis­ten. Vor al­lem Rent­ner hät­ten ei­ne Hemm­schwel­le ge­habt, die Tür des Ta­fel­la­dens zu durch­schrei­ten, be­rich­tet Il­se Zol­ler. Aus falsch ver­stan­de­ner Scham – ob­wohl sie zum güns­ti­gen Ein­kauf durch die Wan­gen-Card oder den Ta­fel­la­den be­rech­tigt ge­we­sen sei­en. „Es war vor zehn Jah­ren ei­ne gro­ße Auf­bau­ar­beit“, sagt Su­san­ne Pfef­fer, die meh­re­re Lä­den seit gut drei Jah­ren ko­or­di­niert und in die­ser Rol­le mit ih­rer Teil­zeit­stel­le die ein­zi­ge Haupt­amt­li­che ist. Hin­ter sich hat die Ta­fel auch den Ein­schnitt im Jahr 2015. Sei­ner­zeit ka­men vie­le Flücht- lin­ge neu in Wan­gen an. Die Kun­den­zahl stieg sprung­haft an, und es gab bö­ses Blut zwi­schen „Alt- und Neu­kun­den“, wie Pfef­fer sagt.

Um­stel­lung des Sys­tems

Da­mals half ei­ne Um­stel­lung des Ein­kaufs­sys­tems. Seit­her dür­fen Kun­den nur noch ei­nen der bei­den Ver­kaufs­ta­ge nut­zen. Auch die Ein­kaufs­zei­ten wur­den fest­ge­legt. Nach ei­nem rol­lie­ren­den Sys­tem, da­mit je­der im­mer mal wie­der die Ge­le­gen­heit hat, di­rekt nach der Öff­nung an den bei­den Ver­kaufs­ta­gen (diens­tags und don­ners­tags) die größt­mög­li­che Aus­wahl der je­weils vor­han­de­nen Le­bens­mit­tel zu ha­ben.

Wo­bei das Prin­zip der frei­en Aus­wahl stark von den ge­spen­de­ten Le­bens­mit­teln ab­hängt. „Wenn wir we­nig Wa­re ei­nes Ar­ti­kels ha­ben, wird zu­ge­teilt“, er­klärt Mo­ni­ka Kres­ser, die seit drei Jah­ren mit an Bord ist. Klei­ne Kärt­chen an den Re­ga­len mit ent­spre­chen­den Kenn­zeich­nun­gen zei­gen, was frei ver­füg­bar ist und was nicht. Kri­te­ri­um da­bei ist, wie vie­le Per­so­nen ein Haus­halt hat. Und so be­kommt ei­ne vier­köp­fi­ge Fa­mi­lie mehr als ei­ne Ein­zel­per­son.

Da­bei ist die Kun­denk­li­en­tel bunt ge­mischt. Da­zu zähl­ten al­te Men­schen, die mit ih­rer Ren­te nicht aus­kom­men, aber auch al­lein­er­zie­hen­de Müt­ter oder Vä­ter. Hin­zu kä­men vie­le Jün­ge­re, die psy­chi­sche Pro­ble­me hät­ten, er­zählt Su­san­ne Pfef­fer.

Die Zahl der Flücht­lin­ge un­ter ih­nen sei mitt­ler­wei­le wie­der ge­sun­ken. Und auch das hat Grün­de: „Die Flücht­lin­ge sind nicht un­be­dingt arm“, glaubt Lo­re St­ein­hau­ser. Und auch de­ren Er­war­tun­gen an den Ta­fel­la­den sei­en an­fangs zu hoch ge­we­sen, er­läu­tert Pfef­fer. So hät­ten vie­le nicht ge­wusst, dass es sich beim Ta­fel­la­den nicht um ein „nor­ma­les“Le­bens­mit­tel­ge­schäft han­delt. „Wir muss­ten viel In­for­ma­ti­ons­ar­beit leis­ten: Wer wir sind und wel­ches An­ge­bot wir ha­ben“, er­läu­tert die Ko­or­di­na­to­rin.

Das ist pas­sé. Und längst hat sich die La­ge im La­den wie­der be­ru­higt. Der Blick geht des­halb nach vorn. Denn am 22. Sep­tem­ber soll im Ge­mein­de­zen­trum St. Ul­rich das zehn­jäh­ri­ge Be­ste­hen be­gan­gen wer­den. „Dies ist für uns ein Grund zum Fei­ern und Dan­ke zu sa­gen“, heißt es in der Ein­la­dung an­ge­sichts un­ge­zähl­ter, von den Eh­ren­amt­li­chen ge­leis­te­ten Ar­beits­stun­den. Die­se sind üb­ri­gens mit Elan und Freu­de da­bei. Das ist je­den­falls der Ein­druck beim Be­such am Don­ners­tag. Und da sagt bei­spiels­wei­se Lo­re St­ein­hau­ser: „Der Ta­fel­la­den hat mir auch viel ge­ge­ben.“

FO­TO: STEPPAT

Sind stolz auf zehn Jah­re Wan­ge­ner Ta­fel ( von links): Il­se Zol­ler, Lo­re St­ein­hau­ser, Mo­ni­ka Kres­ser und Su­san­ne Pfef­fer.

FO­TOS: STEPPAT

Don­ners­tag­mor­gen am Buch­weg 6: Vie­le Hän­de sor­tie­ren Le­bens­mit­tel und put­zen Obst und Ge­mü­se.

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