PDF Uni­ver­sal Ac­ces­si­bi­li­ty

Wer sich mit bar­rie­re­frei­en PDFs be­schäf­tigt, kommt nicht dar­um her­um, sich mit ei­ni­gen Tech­ni­ken, Vor­ga­ben und Stan­dards aus­ein­an­der­zu­set­zen. Wir ge­ben Ih­nen ei­nen Über­blick dar­über, was es mit PAC, PDF-UA, Mat­ter­horn­pro­to­koll oder auch ISO 14289 auf sic

SCREENGUIDE - - Inneres - TEXT: Jörg Mors­bach

Stan­dards und Tech­ni­ken zur Bar­rie­re­frei­heit

Wenn es um die Bar­rie­re­frei­heit di­gi­ta­ler Me­di­en in Deutsch­land geht, dann ist die Bar­rie­re­freie-In­for­ma­ti­ons­tech­nik-Ver­ord­nung (kurz: BITV) die zen­tra­le Re­fe­renz [goo.gl/I0P2Zv]. Wer tie­fer in die Ma­te­rie ein­steigt, wird aber schnell mit wei­te­ren Tech­ni­ken und Stan­dards kon­fron­tiert. Dann drin­gen Be­grif­fe wie PAC, PDF-UA, Mat­ter­horn­pro­to­koll oder auch die ISO 14289 in Ih­ren Or­bit. Das PDF-For­mat wur­de be­reits 1993 von Ado­be ent­wi­ckelt und fei­ert 2018 sein fünf­und­zwan­zig­jäh­ri­ges Be­ste­hen. Zu­nächst wur­de es als platt­for­mun­ab­hän­gi­ges Da­ten-Aus­tausch­for­mat ge­schaf­fen (zu Be­ginn für die Druck­vor­stu­fe). In kür­zes­ter Zeit hat es sich, dank kos­ten­lo­ser PDV-Vie­wer und Brow­ser-Plug­ins so­wie teil­wei­se kos­ten­lo­ser Er­stel­lungs­soft­ware, zum in­ter­na­tio­na­len Stan­dard ent­wi­ckelt. Vor al­lem das In­ter­net hat für das PDF-For­mat als Tur­bo ge­wirkt. Phil Ydens (Ad­o­bes Vice Pre­si­dent En­gi­nee­ring for Do­cu­ment Cloud) schätz­te En­de 2015 die Ge­samt­zahl an PDF-Do­ku­men­ten welt­weit auf bis zu 2.500 Mil­li­ar­den, und es wer­den je­den Tag mehr [goo. gl/X8eUq2]. Vor al­lem die Ei­gen­schaft, dass PDF-Do­ku­men­te nicht ver­än­der­bar sind (zu­min­dest nicht oh­ne Fach­kennt­nis­se), hat dem For­mat so­wohl in der Wirt­schaft und im öf­fent­li­chen Sek­tor als auch im pri­va­ten Be­reich die Ak­zep­tanz ver­schafft, die es heu­te hat.

VERBREITET JA – BARRIEREFREI NEIN

Je wei­ter die Ver­brei­tung des PDF-For­mats fort­schritt, des­to of­fen­sicht­li­cher (und drän­gen­der) wur­de al­ler­dings ein Pro­blem: Über vie­le Jah­re wa­ren PDF-Do­ku­men­te für zahl­rei­che Men­schen, ins­be­son­de­re je­ne, die auf Screen­re­a­der an­ge­wie­sen wa­ren, so gut wie un­zu­gäng­lich. Das ist nicht wei­ter ver­wun­der­lich, denn das PDF-Do­ku­ment war in ers­ter Li­nie für die stan­dar­di­sier­te und un­ver­än­der­ba­re vi­su­el­le Prä­sen­ta­ti­on von In­hal­ten er­schaf­fen wor­den. Struk­tur und Se­man­tik oder gar Ve­rän­der­bar­keit der An­sicht (zum Bei­spiel zur li­nea­ren Darstel­lung im Re­flow-Mo­dus, ähn­lich der Re­a­de­ran­sicht von Web­sei­ten auf mo­bi­len End­ge­rä­ten) für Men­schen mit star­ker Seh­be­hin­de­rung wa­ren ein­fach im Kon­zept nicht vor­ge­se­hen. Al­ler­dings hat Ado­be die­ses Pro­blem selbst be­reits 2001 er­kannt und mit PDF-Ver­si­on 1.4 und Ado­be Acro­bat 5 erst­mals Tags zur se­man­ti­schen Aus­zeich­nung der PDF-In­halts­struk­tur ein­ge­führt. 2004 wur­de dann ei­ne Ar­beits­grup­pe ins Le­ben ge­ru­fen, die von AIIM (the As­so­cia­ti­on for In­for­ma­ti­on and Image Ma­nage­ment, aiim.org) ge­lei­tet wur­de. Ziel die­ser Ar­beits­grup­pe war es, ei­nen uni­ver­sel­len (al­so in­ter­na­tio­na­len) Stan­dard für ein bar­rie­re­frei­es PDF zu ent­wi­ckeln – den Uni­ver­sal Ac­ces­si­ble PDF Stan­dard, in der kur­zen Fas­sung auch als PDF/ UA be­kannt.

BITV, WCAG, PDF/UA, ISO, DIN USW.

Die PDF/UA sind al­so auf die in­ter­na­tio­na­le Ver­ein­heit­li­chung aus­ge­rich­tet. Jetzt wer­den Sie viel­leicht fra­gen, was denn mit den Web Con­tent Ac­ces­si­bi­li­ty Gui­de­li­nes des W3C ist [goo.gl/QkGqEN]. Die­se WCAG, auf de­nen auch die deut­sche BITV ba­siert, wur­den ja eben­falls mit dem Ziel ge­schaf­fen, ei­nen in­ter­na­tio­na­len Stan­dard zu eta­blie­ren. Und sie ent­hal­ten eben­falls Tech­ni­ken für bar­rie­re­freie PDF [goo.gl/XVjVYC]. Letzt­end­lich lich­tet sich das Dun­kel schnell, wenn Sie die his­to­ri­sche Zeit­schie­ne be­trach­ten. Dann wird näm­lich deut­lich, dass es sich um par­al­le­le Ent­wick­lun­gen han­delt, die im Lau­fe der Zeit auch wie­der Ver­knüp­fungs­punk­te ge­fun­den ha­ben [goo.gl/y5Y9eP]: • 1993: Ado­be Sys­tems ver­öf­fent­licht PDF 1.0 • 1999: Richt­li­ni­en für bar­rie­re­freie We­bin­hal­te 1.0 (WCAG 1.0) • 2001: Sec­tion 508 tritt in Kraft (US-Equi­va­lent zum deut­schen Bun­des­gleich­stel­lungs­ge­setz BGG) • 2001: PDF 1.4 – Ado­be in­te­griert erst­mals Tags • 2002: Bun­des­gleich­stel­lungs­ge­setz BGG • 2002: Bar­rie­re­freie In­for­ma­ti­ons­tech­nik-Ver­ord­nung 1.0 • 2004: Start des PDF/UAPro­jekts, Ko­or­di­na­ti­on durch AIIM • 2008: PDF 1.7 wird als ISONorm (ISO 32000) ver­öf­fent­licht • 2008: UN-Be­hin­der­ten­rechts­kon­ven­ti­on tritt in Kraft • 2008: Richt­li­ni­en für bar­rie­re­freie We­bin­hal­te 2.0 (WCAG 2.0) • 2009: ISO über­nimmt das PDF/UA-Pro­jekt als ISO/NWI 14289 • 2011: Bar­rie­re­freie-In­for­ma­ti­ons­tech­nik-Ver­ord­nung 2.0 • 2012: ISO ver­öf­fent­licht

PDF/UA (ISO 14289-1) • 2014: Up­date der ISO

14289-1:2014 • 2014: deut­sche Über­set­zung der ISO 14289-1 als DINNorm • 2016: AIIM und ANSI ver­öf­fent­li­chen PDF/UA als „Ame­ri­can Na­tio­nal Stan­dard” Sie müs­sen al­so die un­ter­schied­li­chen Strän­ge als in­ter­na­tio­na­le Ent­wick­lung be­trach­ten, die sich ge­gen­sei­tig re­fe­ren­zie­ren und un­ter­stüt­zen sol­len. Die 22-sei­ti­ge DIN ISO 14289-1 Norm bei­spiels­wei­se, mit dem voll­stän­di­gen Ti­tel „Do­ku­men­ten­ma­nage­men­t­an­wen­dun­gen – Ver­bes­se­rung der Bar­rie­re­frei­heit für das Da­tei­for­mat von elek­tro­ni­schen Do­ku­men­ten – Teil 1: An­wen­dung der ISO 32000-1 (PDF/UA-1)”, be­zieht sich aus­drück­lich auch auf den ISOStan­dard 32000-1:2008 (PDF 1.7) und die Web Con­tent Ac­ces­si­bi­li­ty Gui­de­li­nes (WCAG) 2.0. Und wenn Sie die zu­vor er­wähn­ten PDF-Tech­ni­ken für die WCAG 2.0 be­mü­hen, wer­den Sie fest­stel­len, dass der PDF-1.7-ISO-Stan­dard (ISO 32000-1) so­wie der PDF/UA (ISO 14289-1:2014) re­fe­ren­ziert wer­den.

DURCHEINANDER ODER NICHT?

Die ver­schie­de­nen Nor­men, Richt­li­ni­en, Tech­ni­ken und Stan­dards kön­nen ver­wir­rend und de­mo­ti­vie­rend wir­ken. Al­ler­dings soll­ten Sie sich vor Au­gen füh­ren, dass die ein­gangs ge­nann­te Lis­te der Stan­dards nur den deut­schen und den ame­ri­ka­ni­schen Markt um­reißt. Auch Ka­na­da, Aus­tra­li­en, In­di­en, Ja­pan und vie­le wei­te­re Län­der rund um den Glo­bus ha­ben ih­re Ge­set­ze, Richt­li­ni­en und Ver­ord­nun­gen, um die Bar­rie­re­frei­heit di­gi­ta­ler In­for­ma­tio­nen zu ver­bes­sern [goo.gl/Zh­chLj]. In ei­ner glo­ba­li­sier­ten Welt wol­len/kön­nen aber nun die gro­ßen Soft­ware-Her­stel­ler ih­re Pro­duk­te nicht mit je­dem Lan­des­ge­setz ab­glei­chen. Des­halb sind von Fir­men an­ge­trie­be­ne Kon­sor­ti­en zur Her­stel­lung von in­ter­na­tio­na­len Stan­dards gang und gä­be. Aus der par­ti­ku­lä­ren Sicht der je­wei­li­gen Län­der schei­nen der­ar­ti­ge Nor­men dann manch­mal ei­ne Dop­pe­lung dar­zu­stel­len. Und oft­mals ge­nie­ßen na­tür­lich un­ab­hän­gi­ge Kon­sor­ti­en, wie das W3C (WCAG), grö­ße­res Ver­trau­en als die Zu­sam­men­schlüs­se von Fir­men, de­nen man ge­ge­be­nen­falls Ei­gen­in­ter­es­sen un­ter­stel­len kann. Aber letzt­end­lich stellt sich hier gar nicht die Hen­neEi-Fra­ge, denn im­mer wenn Fir­men-Kon­sor­ti­en ISO-Stan­dards ent­wi­ckeln, wa­ren sie zu­vor mit ei­ner zer­fa­ser­ten Richt­li­ni­en-Land­schaft auf in­ter­na­tio­na­ler Ebe­ne kon­fron­tiert. Den­noch den Über­blick zu be­hal­ten, ist gar nicht so ein­fach. Und rich­tig pro­ble­ma­tisch wird es, wenn Kun­den bar­rie­re­freie PDF-Do­ku­men­te an­fra­gen und da­bei un­ter­schied­li­che Stan­dards als Ver­trags­grund­la­ge her­an­zie­hen (in der Re­gel aus Un­wis­sen­heit). Dann stellt sich dem Auf­trag­neh­mer die Fra­ge, ob die For­de­rung nach PDF/ UA-Kon­for­mi­tät das Glei­che be­deu­tet wie WCAG-2-Kon­for­mi­tät oder BITV-2-Kon­for­mi­tät – und was die DIN ISO 142891 da­mit zu tun hat. Da Kun­den in der Re­gel über die­sen Wust an In­for­ma­tio­nen ge­nau­so ir­ri­tiert sind wie Sie, ver­langt der Kun­de der Ein­fach­heit hal­ber, dass Sie ein we­nig Licht ins Dun­kel brin­gen und ge­ge­be­nen­falls al­le An­for­de­run­gen glei­cher­ma­ßen be­rück­sich­ti­gen. Lei­der sind aber nicht al­le In­for­ma­tio­nen zu den Nor­men und Richt­li­ni­en frei zu­gäng­lich. Die DIN 14289-1 bei­spiels­wei­se kos­tet et­wa 80 Eu­ro und kann nur über den deut­schen Beuth-Ver­lag be­zo­gen wer­den. An­de­re Do­ku­men­te sind kos­ten­los ver-

“PDF/UA is a tech­ni­cal stan­dard at the co­de le­vel gi­ving re­qui­re­ments for how you im­ple­ment co­de for PDF re­a­ders li­ke Ado­be Acro­bat, PDF wri­ters li­ke Word, as well as as­sis­ti­ve tech­no­lo­gies li­ke JAWS.” Shan­non Kel­ly

füg­bar, lie­gen aber teil­wei­se nur in eng­li­scher Spra­che vor [goo.gl/1iRaIQ].

PDF/UA ERGÄNZT DIE WCAG

Aber was ist denn jetzt der Stand der Din­ge? Kurz ge­sagt, PDF/UA (PDF Uni­ver­sal Ac­ces­si­bi­li­ty) ist der in­of­fi­zi­el­le Na­me für die ISO 14289, und die DIN ISO 14289-1 ist die deut­sche Über­set­zung. Es ist al­so das Glei­che. Das Mat­ter­horn-Pro­to­koll wie­der­um ist ei­ne Über­set­zung des ISOStan­dards 14289 in 31 Prüf­punk­te mit 136 Feh­ler­be­din­gun­gen und wur­de vom PDF/ UA Com­pe­tence Cen­ter der PDF As­so­cia­ti­on aus­ge­ar­bei­tet. Die PDF/UA rich­tet sich da­bei in ers­ter Li­nie an Soft­wareHer­stel­ler, um die Au­to­ren­soft­ware (Ado­be Inde­sign, Ado­be Li­veCy­cle De­si­gner, MS Word, OpenOf­fice, Li­breOf­fice und der­glei­chen mehr) bes­ser zu ma­chen und von vorn­her­ein bar­rie­re­freie Do­ku­men­te zu er­mög­li­chen, da­mit die­se auch mit as­sis­ti­ven Tech­no­lo­gi­en, wie Screen­re­a­der, Ver­grö­ße­rungs­soft­ware, Joy­sticks und an­de­ren al­ter­na­ti­ven Tech­ni­ken, na­vi­gier­bar und zu­gäng­lich sind. Die PDF/UA de­fi­nie­ren zu­dem auch die Re­geln, nach de­nen as­sis­ti­ve Tech­no­lo­gi­en und PDF-Re­a­der PDFDo­ku­men­te ver­ar­bei­ten sol­len. Denn auch da­für braucht es in­ter­na­tio­na­le Stan­dards. Die PDF/UA sind al­so kein Er­satz für die WCAG (Web Con­tent Ac­ces­si­bi­li­ty Gui­de­li­nes). Duff John­son – Exe­cu­ti­ve Di­rec­tor der PDF As­so­cia­ti­on [goo.gl/UDgKVT] – sagt da­zu: „PDF/UA was not de­si­gned to re­place or sub­sti­tu­te for WCAG 2.0. As sta­ted in the In­tro­duc­tion to ISO 14289: ‚PDF/UA is in­ten­ded as a com­pa­ni­on stan­dard, to be used in con­junc­tion with […] other stan­dards as may ap­p­ly for the pur­po­se of achie­ving ac­ces­si­bi­li­ty.’” Auch die­se Aus­sa­ge ist im Kon­text in­ter­na­tio­na­ler Stan­dar­di­sie­rungs­be­mü­hun­gen zu se­hen. Ei­nen aus­führ­li­chen Bo­gen schlägt Duff John­son in ei­nem Blog-Be­trag: „Why Sec­tion 508 nee­ds PDF/UA” [goo.gl/ lR78xq]. Die Sec­tion 508 ist grob ge­sagt das US-ame­ri­ka­ni­sche Pen­dant zur BITV. Mehr da­zu fin­den Sie auf der Sei­te sec­tion508.gov.

KRI­TIK AN DEN PDF/UA-STAN­DARDS

Wie das im­mer so ist mit Stan­dards und Richt­li­ni­en – Kri­tik und Lü­cken fol­gen schnell auf dem Fu­ße. Ei­ne Haupt­kri­tik ist, dass PDF/UA be­zie­hungs­wei­se das Prüf­tool PAC Do­ku­men­te nur auf for­ma­le Bar­rie­re­frei­heit prü­fen kön­nen. Auch wenn mit­hil­fe der Stan­dards be­reits vie­le Hin­wei­se auf Zu­gäng­lich­keits­pro­ble­me er­fol­gen und Feh­ler auf­ge­deckt wer­den kön­nen (un­ter an­de­rem ge­tagg­ter In­halt, Al­ter­na­tiv­tex­te, Da­ten-Ta­bel­len, Do­ku­men­ten­spra­che, Über­schrif­ten­rei­hen­fol­ge, Kon­tras­te, Me­t­a­da­ten), so bleibt ein Prüf­tool am En­de doch im­mer be­schränkt. Ins­be­son­de­re auf in­halt­li­cher Ebe­ne las­sen sich Pro­ble­me oder feh­ler­haf­te Um­set­zun­gen nicht oder kaum auf­de­cken. Da­zu zäh­len bei­spiels­wei­se Ab­kür­zun­gen, Sprach­wech­sel auf Wort­ebe­ne, schlech­te oder fal­sche Al­ter­na­tiv­tex­te, feh­ler­haft ge­tagg­te In­hal­te (zum Bei­spiel Ar­ti­fact – wich­ti­ge In­hal­te sind für Screen­re­a­der und im Um­flie­ßen-Mo­dus un­sicht­bar) und der­glei­chen mehr. PDF/UA be­inhal­tet aber auch kei­ne Vor­ga­ben in Be­zug auf Schrift­ar­ten und de­ren Les­bar­keit. Und auch die Nut­zung von Lay­ou­tTa­bel­len lässt sich nur ma­nu­ell über­prü­fen. Ma­the­ma­ti­sche For­meln ma­chen eben­falls Pro­ble­me. Für For­meln gibt es zwar prin­zi­pi­ell mit LaTeX (TEX) ei­ne ma­schi­nen­les­ba­re Darstel­lungs­mög­lich­keit, al­ler­dings be­steht nach ak­tu­el­lem Stand kei­ne öko­no­mi­sche Tech­nik, die­se auch in bar­rie­re­freie PDF-Do­ku­men­te ein­zu­brin­gen. Auch das kann PAC nicht prü­fen. Ei­ne ma­the­ma­ti­sche For­mel­samm­lung kann al­so auf der ei­nen Sei­te PDF/UA-kon­form sein und den PAC-Test schaf­fen und auf der an­de­ren Sei­te voll­kom­men un­zu­gäng­lich sein. Aber auch se­man­ti­sche Schwä­chen oder Feh­ler kön­nen PAC und PDF/ UA nicht au­to­ma­tisch tes­ten. Wenn bei­spiels­wei­se Lis­ten nur als Ab­satz ge­taggt wer­den, dann kön­nen Sie das nur durch ma­nu­el­le Über­prü­fung her­aus­fin­den. Und auch wenn die Über­schrif­ten­struk­tur feh­ler­haft oder nur teil­wei­se kor­rekt aus­ge­zeich­net wur­de, fällt das nur ei­nem mensch­li­chen Prü­fer auf. PDF/UA-kon­form al­so mit Bar­rie­re­frei­heit gleich­zu­set­zen, wä­re fahr­läs­sig und falsch. Aber wie ge­sagt, die PDF/UA er­gän­zen die WCAG – und oh­ne Ex­per­ten­wis­sen und ma­nu­el­le Qua­li­täts­si­che­rung geht es nicht. Aber die ver­kürz­te Wahr­neh­mung „PDF/UA ist gleich­zu­set­zen mit Bar­rie­re­frei­heit” birgt eben die be­reits ge­nann­ten Ge­fah­ren und er­zeugt teils har­sche Kri­tik, et­wa von Ac­ces­si­bi­li­ty Con­sul­tant Kers­tin Pro­biesch: „Der PDF/UA-Stan­dard ist lei­der nicht der gro­ße Wurf. Er be­rück­sich­tigt ne­ben Aspek­ten der Bar­rie­re­frei­heit, z.B. Aus­zeich­nung von Do­ku­mentstruk­tu­ren, lei­der auch ei­ni­ge rein tech­nisch-for­ma­le Aspek­te, die oft ge­nug bei Nicht-Er­fül­lung je­doch zu kei­nen kon­kret fest­stell­ba­ren Pro­ble­men in as­sis­ti­ven Tech­no­lo­gi­en füh­ren. Nicht im ei­gent­li­chen Stan­dard ent­hal­ten sind lei­der z.B. ver­bind­li­che Vor­ga­ben für Kon­trast­ver­hält­nis­se; die­se wer­den le­dig­lich als An­mer­kung mit Ver­weis auf die WCAG 2.0 er­wähnt.” Und auch in der Er­läu­te­rung zur En­de 2016 ver­öf­fent­lich­ten deut­schen Über­set­zung des Mat­ter­horn-Pro­to­kolls fin­det sich der Pas­sus: „Ein PDF/UA kon­for­mes PDF-Do­ku­ment ist nicht au­to­ma­tisch

barrierefrei” [goo.gl/gfYCBI]. Oder wie es die PDF-Ac­ces­si­bi­li­ty-Ex­per­tin Shan­non Kel­ly for­mu­liert: „It is a tech­ni­cal stan­dard at the co­de le­vel gi­ving re­qui­re­ments for how you im­ple­ment co­de for PDF re­a­ders li­ke Ado­be Acro­bat, PDF wri­ters li­ke Word, as well as as­sis­ti­ve tech­no­lo­gies li­ke JAWS. What PDF/UA is not, is a set of best practices” [goo. gl/PyI7ni].

RE­FLOW-MO­DUS UND UMFLIESSEN-MO­DUS

Ein Streit­punkt un­ter Ex­per­ten ist üb­ri­gens auch der so­ge­nann­te Um­flie­ßen-Mo­dus. In den PDF-Tech­ni­ken der WCAG 2.0 wird fol­gen­de „An­for­de­rung” er­wähnt: „Au­to­ma­tic re­flow of text and as­so­cia­ted gra­phics to fit a pa­ge of a dif­fe­rent si­ze than was as­su­med for the ori­gi­nal lay­out.” Da­bei geht es um die An­for­de­run­gen, dass ein bar­rie­re­frei­es PDFDo­ku­ment auch die An­pas­sung und Ve­rän­de­rung durch as­sis­ti­ve Tech­no­lo­gi­en bis hin zu ei­ner stark ver­grö­ßer­ba­ren, li­nea­ri­sier­ten Darstel­lung oh­ne ho­ri­zon­ta­le Scroll­bal­ken er­lau­ben muss. Ob es sich da­bei ex­pli­zit um den so­ge­nann­ten Um­flie­ßen-Mo­dus han­delt, der in je­dem Ad­o­beRe­a­der be­reits in­te­griert ist, oder um al­ter­na­ti­ve Re­a­der, wie bei­spiels­wei­se den ver­gleichs­wei­se neu­en VIP-Re­a­der von Ac­cess for All [goo.gl/ X09DD5], ist Teil der De­bat­te. Zwei­fels­oh­ne ist aber der Ado­be Re­a­der in­ter­na­tio­na­ler Platz­hirsch. Der VIP bie­tet von Haus aus zwar ei­nen her­vor­ra­gen­den Re­flow-Mo­dus mit di­ver­sen Ein­stel­lungs­mög­lich­kei­ten. Al­ler­dings rich­tet sich der VIP-PDF-Re­a­der an vi­su­ell ori­en­tier­te Com­pu­ter-An­wen­der mit ei­ner Seh­be­hin­de­rung. Er rich­tet sich aber nicht „[…] an blin­de Men­schen, die ein Bild­schirm­le­se­pro­gramm wie NVDA oder JAWS ver­wen­den”, so Ac­cess vor All [goo.gl/ X09DD5]. Die Emp­feh­lung von Ac­cess for All geht so­gar noch wei­ter: „Blin­de Men­schen kön­nen sich PDF-Do­ku­men­te mit ei­nem Bild­schirm­le­se­pro­gramm mit dem ‚nor­ma­len’ PDF-Re­a­der von Ado­be vor­le­sen las­sen”. Stark seh­be­hin­der­te Men­schen, die auf­grund von ei­ner Rest­seh­fä­hig­keit so­wohl die Ver­grö­ße­rungs­funk­ti­on (Li­nea­ri­sie­rung) als auch ei­nen Screen­re­a­der (Vor­le­se­soft­ware) ver­wen­den, sind da­mit voll­stän­dig auf Ado­be Acro­bat Pro an­ge­wie­sen.

FAZIT

Wer sich mit der Her­stel­lung bar­rie­re­frei­er PDF-Do­ku­men­te be­fasst, soll­te die ver­schie­de­nen Richt­li­ni­en und Stan­dards ken­nen. Ins­be­son­de­re, um auch Kun­den dar­über auf­klä­ren und ge­ge­be­nen­falls auf­tre­ten­de Rück­fra­gen sach­lich be­ant­wor­ten zu kön­nen. Es wird, wie in vie­len Be­rei­chen üb­lich, im­mer Ver­tre­ter un­ter­schied­li­cher Po­si­tio­nen ge­ben, die In­ter­pre­ta­ti­ons­spiel­raum (und Lü­cken) der BITV, WCAG und auch der PDF/UA je­weils an­ders be­wer­ten. Dar­an wird auch die­ser Ar­ti­kel nichts än­dern. Aber im­mer­hin schlägt er ei­nen gro­ßen Bo­gen und ver­schafft Ih­nen ei­nen gu­ten Ge­samt­über­blick. Wich­tig ist vor al­lem die Ein­schät­zung der De­bat­te um den Um­flie­ßen-Mo­dus, denn je nach In­ter­pre­ta­ti­on be­deu­tet die Be­rück­sich­ti­gung die­ser Funk­ti­on ei­nen er­heb­li­chen Mehr­auf­wand. Mar­kus Er­le von Axes4 da­zu: „Frü­her war nicht al­les bes­ser – zu­min­dest nicht, wenn es um PDFBar­rie­re­frei­heit geht. Denn in der Zeit vor dem Er­schei­nen von PDF/UA blieb es je­dem selbst über­las­sen, wie die An­for­de­run­gen der WCAG 2 auf PDF-In­hal­te an­zu­wen­den sind. Zu­sätz­lich zum gro­ßen In­ter­pre­ta­ti­ons­spiel­raum fehl­te es an ei­ner ein­fa­chen, schnel­len und ver­läss­li­chen Prüf­bar­keit. Auch Ent­wick­lern von Au­to­ren­pro­gram­men, Kon­ver­tern, PDF-Re­a­dern und as­sis­ti­ven Tech­no­lo­gi­en man­gel­te es an Vor­ga­ben, was ih­re Soft­ware aus Sicht der PDF-Bar­rie­re­frei­heit kön­nen soll­te.” Ob PDF/UA letzt­end­lich ein welt­wei­ter Stan­dard wird, bleibt ab­zu­war­ten. Die fi­na­le Ent­schei­dung liegt bei den ein­zel­nen Län­dern. Für Soft­wareher­stel­ler sind die PDF/ UA ei­ne gu­te Er­gän­zung zu den WCAG. Ein Er­satz für die WCAG kön­nen und wol­len die PDF/UA nicht sein. Das US Ac­cess Bo­ard der Ver­ei­nig­ten Staa­ten hat sich bei­spiels­wei­se ge­gen PDF/UA als Stan­dard (und für die WCAG 2.0) für bar­rie­re­freie PDFDa­tei­en ent­schie­den [goo.gl/ y5kWzr]. Das Haupt­ar­gu­ment lau­tet, die WCAG 2.0 kön­nen als al­lei­ni­ger Stan­dard zur Si­cher­stel­lung von Bar­rie­re­frei­heit in PDF-Do­ku­men­ten her­an­ge­zo­gen wer­den, die PDF/ UA al­lei­ne hin­ge­gen rei­chen da­für nicht aus. Aber auch das US Ac­cess Bo­ard kommt trotz die­ser Ab­sa­ge zu dem Schluss, dass die PDF/UA ge­ra­de für Agen­tu­ren ei­ne gu­te Er­gän­zung dar­stel­len, um ein hö­he­res Maß an Bar­rie­re­frei­heit her­stel­len zu kön­nen. Und ex­pli­zit für Soft­wareher­stel­ler at­tes­tiert das US Ac­cess Bo­ard der Ver­ei­nig­ten Staa­ten den PDF/UA wei­ter­hin die Be­deu­tung ei­nes an­ge­mes­se­nen Stan­dards.

Abb. 2: An­sicht ei­nes bar­rie­re­frei­en PDF im so­ge­nann­ten Um­flie­ßenMo­dus von Ado­be Acro­bat Pro mit mehr­fa­chem Text­zoom

Abb. 1: An­sicht ei­nes bar­rie­re­frei­en PDF in der Screen­re­a­der-Vor­schau des PAC-2.0-Tests

Abb. 3: An­sicht ei­nes bar­rie­re­frei­en PDF in der Le­se­rei­hen­fol­ge-Vor­schau in Ado­be Acro­bat Pro

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