Ist das Web­de­sign, oder kann das ins Mu­se­um?

SCREENGUIDE - - Inneres - TEXT: Nils Poo­ker

Wie sinn­voll sind Web­sites als freie Kun­st­ob­jek­te?

Das Web war von Be­ginn an nicht nur ein Me­di­um für pri­va­te und kom­mer­zi­el­le Web­sites, es war auch ein Me­di­um für die Kunst. Web­sites selbst wer­den da­bei oft als freie Kun­st­ob­jek­te kon­zi­piert und um­ge­setzt. An­ge­sichts der An­for­de­run­gen und Kon­ven­tio­nen im Web­de­sign lohnt ein kri­ti­scher Blick, wel­che Mo­ti­va­ti­on hier zu­grun­de liegt und ob das über­haupt funk­tio­nie­ren kann. Als das Web Mit­te der 1990erJah­re ein ernst zu neh­men­des Mas­sen­me­di­um wur­de, war in der Kunst die Auf­bruch­stim­mung lan­ge vor­bei. Al­les konn­te Kunst sein. Die Mu­se­en zeig­ten ne­ben Al­ten Meis­tern In­stal­la­tio­nen, Per­for­mance- Ar­te­fak­te und Vi­deo­kunst. Gro­ße Künst­ler der Post­mo­der­ne wie Jo­seph Beuys und An­dy War­hol wa­ren be­reits ge­stor­ben, ak­tu­el­le Stars wie Gerhard Rich­ter und Jeff Koons schon eta­bliert. Pro­vo­ka­ti­on ge­hör­te zum Ge­schäft. Rei­ne Com­pu­ter­kunst gab es schon in den 1960er-Jah­ren, doch erst der Sie­ges­zug von PC und In­ter­net er­mög­lich­te es, di­gi­ta­le Krea­tio­nen de­zen­tral zu ver­brei­ten. 1998 gab es be­reits das „Mu­se­um of Web Art”, in ers­ter Li­nie ei­ne Samm­lung von frü­hen Mul­ti­me­dia-An­wen­dun­gen, DHTMLEx­pe­ri­men­ten und un­kon­ven­tio­nel­len De­sign-De­tails. Das zweck­freie Spiel als Ex­pe­ri­ment mit dem Un­kon­ven­tio­nel­len wich im Lau­fe der

fol­gen­den 15 Jah­re stan­dar­di­sier­ten Kon­ven­tio­nen und ei­ner zu­neh­men­den Pro­fes­sio­na­li­sie­rung. Web­stan­dards, Be­nut­zer­freund­lich­keit, Bar­rie­re­frei­heit, nutz­er­zen­trier­tes De­sign und SEO-Aspek­te ver­dräng­ten weit­ge­hend die „freie Web­de­si­gn­kunst” aus dem Main­stream. Nun, nicht ganz. Ei­ne Ni­sche un­beug­sa­mer Web­sites ver­wei­gert sich noch im­mer gel­ten­den Kon­ven­tio­nen und pro­fes­sio­nel­len Stan­dards. Die­se Web­sites sind „an­ders” und ha­ben oft et­was mit Kunst zu tun. Was auf den ers­ten Blick we­nig ver­wun­dert – Kunst darf heu­te eben al­les –, wirft auf den zwei­ten ei­ni­ge Fra­gen auf. Es über­rascht nicht, dass vie­le Künst­ler ih­re On­li­nePrä­sen­zen selbst als Kun­st­ob­jek­te kon­zi­piert, prä­sen­tiert und re­zi­piert se­hen wol­len. Er­staun­lich ist hin­ge­gen, dass auch In­sti­tu­tio­nen die­sen Weg be­schrei­ten, ent­ge­gen al­ler Re­geln des Web­de­signs.

KUNST IM WEB­DE­SIGN

Kunst auf Web­sites un­ter­schei­det sich zu­nächst nicht von ähn­li­chen vi­su­ell kom­mu­ni­zier­ten In­hal­ten. Kon­zep­tio­nell könn­te man Wer­ke der bil­den­den Kunst mit Port­fo­li­os von Food- oder Pro­dukt­fo­to­gra­fen ver­glei­chen, In­stal­la­tio­nen mit der Prä­sen­ta­ti­on von Ma­schi­nen oder an­de­ren In­ge­nieur­pro­duk­ten, Kunst im öf­fent­li­chen Raum mit Do­ku­men­ta­tio­nen von Land­schafts­ar­chi­tek­ten, Per­for­man­ces mit Oper- und Thea­ter-Web­sites und Vi­deo­kunst mit Web­sites zu Ki­no­fil­men. So­wohl in­halt­lich als auch kon­zep­tio­nell war der in­sti­tu­tio­nel­le Kunst­be­reich per­fekt auf das Web vor­be­rei­tet, ku­rio­ser­wei­se ge­hö­ren Mu­se­en und Kunst­samm­lun­gen aber zu den spä­ten Nach­züg­lern. Noch heu­te sind vie­le die­ser Web­sites tech­nisch ver­al­tet, in­halt­lich weit hin­ter ih­ren Mög­lich­kei­ten und be­züg­lich der Samm­lungs­prä­sen­ta­ti­on ge­le­gent­lich so­gar ir­re­le­vant im Ver­gleich zu an­de­ren Quel­len. Im­mer­hin ent­spre­chen na­he­zu al­le Web­sites den Stan­dards und gän­gi­gen Kon­ven­tio­nen. Kein Bei­spiel bricht ra­di­kal mit gel­ten­den Kon­ven­tio­nen des Web­de­signs. Ganz an­ders der in­sti­tu­tio­nel­le Be­reich der Kunst­ver­ei­ne. Die­se vor al­lem im 19. Jahr­hun­dert ent­stan­de­nen Ver­ei­ne bil­de­ten wich­ti­ge Ur­zel­len zahl­rei­cher Mu­se­en und Kunst­samm­lun­gen, mit de­nen sie heu­te oft en­ge Al­li­an­zen bil­den. Hier fin­den sich bei den rund 300 Web­sites na­tür­lich vie­le tech­nisch ver­al­te­te Bei­spie­le. Zwölf die­ser Web­sites fal­len aber ra­di­kal oder in Tei­len aus dem Rah­men jeg­li­cher Stan­dards und Kon­ven­tio­nen. Sie sind weit­ge­hend pro­fes­sio­nell ge­stal­tet, sie wol­len je­doch be­wusst mit gel­ten­den Re­geln bre­chen – kurz ge­sagt: man könn­te sie auch als Kun­st­ob­jek­te wahr­neh­men und be­wer­ten. Soll­te der ver­kürzt, aber oft zi­tier­te Spruch „Je­der Mensch ist ein Künst­ler” von Beuys ab­so­lu­te Gül­tig­keit ha­ben, wür­de das ja auch für je­den Web­de­si­gner gel­ten. Wo­zu al­so ei­ne Dis­kus­si­on? Auf­fal­lend ist, dass sich die­ser Kunst­an­spruch an mo­der­ner Gra­fik und der Kun­s­ta­vant­gar­de ori­en­tiert, die vor et­wa 100 Jah­ren be­gann. Krea­ti­ve Ex­pe­ri­men­te auf Grund­la­ge ak­tu­el­ler Web­tech­ni­ken von CSS3 oder HTML5 wer­den kaum ein­ge­setzt, viel eher trifft man auf Ta­bel­len­lay­outs und je­ne Tech­ni­ken, die auch im er­wähn­ten Web-Mu­se­um von 1998 zu fin­den sind.

WEB­DE­SIGN ALS KUNST

Die­ser dop­pelt ana­chro­nis­ti­sche Be­zug auf die Avant­gar­de und ver­al­te­te Tech­ni­ken hat sei­ne Grün­de. Zu­nächst ein paar Bei­spie­le. Ar­beits­ge­mein­schaft Deut­scher Kunst­ver­ei­ne (ADKV) Die noch ganz fri­sche Web­site vom März 2017 der Da­ch­or­ga­ni­sa­ti­on deut­scher Kunst­ver­ei­ne er­scheint wie die Um­set­zung ei­ner rei­nen, mi­ni­ma­lis­ti­schen Leh­re re­s­pon­siver Gridsys­te­me mit dem An­spruch, min­des­tens zehn­mal mehr Käs­ten auf je­der Sei­te un­ter­zu­brin­gen als Piet Mon­dri­an auf sei­nen Ge­mäl­den (Abb. 2). In­halt­li­che Gestal­tungs­kon­ven­tio­nen wie das Spiel mit Fi­gur und Grund, Weiß­räu­men oder Font­va­ri­an­ten wer­den kom­plett au­ßer Acht ge­las­sen, ne­ben Schwarz und Weiß wird für je­den Haupt­men­über­eich je­weils ei­ne kräf­ti­ge Ak­zent­far­be ein­ge­setzt. [kunst­ver­ei­ne.de] Hei­del­ber­ger Kunst­ver­ein Er­heb­lich bra­ver prä­sen­tiert sich der Hei­del­ber­ger Kunst­ver­ein (Abb. 3). Der De­si­gnan­satz ist ähn­lich: Schwarz und Weiß so­wie Pink als zu­sätz­li­che Ak­zent­far­be. Wahr­neh­mungs­re­le­vant ist hier nicht das Ras­ter­sys­tem, son­dern der har­te Kon­trast zwi­schen do­mi­nan­ter Ty­po und wei­ßem Hin­ter­grund. Den­noch kann sich

das De­sign nicht so ra­di­kal von Kon­ven­tio­nen und Trends ab­set­zen wie die Web­site der ADKV. Das „nur ein we­nig an­de­re” De­sign er­scheint so eher als ge­woll­tes und doch nicht ge­konn­tes De­sign denn als Kunst. [hdkv.de] Kunst­ver­ein Wolfs­burg Der Kunst­ver­ein Wolfs­burg zeigt ei­ne Start­sei­te im OpAr­tS­til mit ei­ner Hin­ter­grund­gra­fik, die beim Ho­vern auf den Aus­stel­lungs­ti­tel ani­miert wird (Abb. 4). Die Web­site ist seit et­wa 2004 in die­sem Lay­out on­li­ne, un­ter der Mo­tor­hau­be wer­kelt ein Ta­bel­len­lay­out mit spa­cer-Gifs. Im­mer­hin setzt die Start­sei­te kon­se­quent auf ei­ne in­di­vi­du­el­le Äs­t­he­tik, der sich auch die Na­vi­ga­ti­on kom­pro­miss­los un­ter­ord­nen muss. [kunst­ver­ein-wolfs­burg.de] Un­ge­wohnt geht es auch wei­ter, wenn Sie dem Link zur Aus­stel­lung fol­gen (Abb. 5). Die Aus­stel­lungs­sei­te un­ter­wirft sich im Lay­out kei­nen Trends und Mo­den, auch vor 13 Jah­ren war das ein un­kon­ven­tio­nel­les Lay­out. Die fast durch­gän­gig 11 Pi­xel klei­ne Cou­rier un­ter­streicht den fu­tu­ris­ti­schen Cha­rak­ter ei­ner wirk­lich un­ge­wöhn­li­chen Web­site, die als ei­gen­stän­di­ges Kunst­werk durch­ge­hen kann. Kunst­ver­ein Leip­zig Der ul­ti­ma­ti­ve Sie­ger im Kunst­wett­be­werb. Im Qu­ell­code der Web­site von 2014 vom Kunst­ver­ein Leip­zig geht es noch schrä­ger und al­ter­tüm­li­cher zu als in Wolfs­burg. Das gilt auch für ein An­ti­de­sign, das al­len­falls über die Ty­po­gra­fie der chro­no­lo­gisch auf­be­rei­te­ten In­hal­te ein Gestal­tungs­ras­ter bil­det (Abb. 6). Der Bruch mit al­len ge­stal­te­ri­schen Kon­ven­tio­nen setzt sich auch be­züg­lich der kon­ven­tio­nel­len Nut­zung ei­ner Web­site fort. Hier lässt sich nichts scan­nen oder schnell er­fas­sen, je­des Tool für He­at­maps wür­de ein Cha­os er­zeu­gen. Statt­des­sen wird die Nut­zung zu ei­ner da­da­is­ti­schen Va­ri­an­te von äs­the­ti­scher Er­fah­rung. Es lohnt sich, Zeit zu in­ves­tie­ren und den Links und Gra­fi­ken zu fol­gen. Klar ist nur, dass Be­grif­fe und Be­wer­tungs­pa­ra­me­ter wie De­sign, Be­nut­zer­ober­flä­che oder Be­nut­zer­freund­lich­keit hier kei­nen Platz ha­ben. [kunst­ver­ein-leip­zig.de]

DER SÜSSE REIZ DER AVANT­GAR­DE

Selbst wenn die Bei­spie­le nur ei­nen Bruch­teil al­ler Kunst­ver­ei­ne be­tref­fen, ist es er­staun­lich, dass sich die Be­trei­ber nicht für mo­der­ne und vor al­lem be­nut­zer­freund­li­che Lö­sun­gen ent­schie­den ha­ben. Noch er­staun­li­cher ist aber, dass es kei­ne groß­ar­ti­ge Kri­tik zu ge­ben scheint, denn die Web­sites ste­hen nicht erst seit ges­tern im Netz. Der Haupt­grund liegt in den noch im­mer vor­han­de­nen Auf­la­dun­gen ei­nes avant­gar­dis­ti­schen Kunst­be­griffs. Heut­zu­ta­ge kann tat­säch­lich al­les Kunst sein. Trotz­dem wird von ihr ver­langt, dass sie wie vor ein­hun­dert Jah­ren pro­vo­ziert, Re­geln bricht, Kon­ven­tio­nen in­fra­ge stellt und im Di­enst der Fort­schritt­lich­keit stets Neu­es schafft. Der An­spruch „Kunst muss weh­tun” bleibt un­ver­ges­sen. Ver­ges­sen wird da­ge­gen schnell, dass vie­le ver­meint­li­che Welt­ver­bes­se­rer der Avant­gar­de le­dig­lich äl­te­re Tra­di­tio­nen auf­bra­chen, oh­ne da­bei au­to­ma­tisch fort­schritt­lich zu den­ken. Franz Marc und Kand­ins­ky lie­ßen sich bei­spiels­wei­se von eso­te­ri­schen und theo­so­phi­schen Strö­mun­gen blen­den. Der Sur­rea­list Dalí, die ita­lie­ni­schen Fu­tu­ris­ten und der Ex­pres­sio­nist Nol­de heg­ten zeit­wei­se gro­ße Sym­pa­thi­en für den Fa­schis­mus, und so­wje­ti­sche Kon­struk­ti­vis­ten fan­den Ge­fal­len an

Vä­ter­chen Sta­lin. Kunst – und das un­ter­schei­det sie grund­sätz­lich von De­sign – wird mit al­len mög­li­chen An­sprü­chen auf­ge­la­den, nur nicht mit den An­sprü­chen der all­täg­li­chen Rea­li­tät. Der­art an­ge­rei­chert über­nimmt Kunst des­halb oft ei­ne pseu­do­re­li­giö­se Funk­ti­on und wird für die ers­ten und die letz­ten Din­ge des Da­seins in­stru­men­ta­li­siert.

KUNST ZU WEB­DE­SIGN ZU KUNST?

Die ge­nann­ten Kunst­ver­ei­ne brin­gen sich mit den avant­gar­dis­ti­schen Auf­la­dun­gen ih­rer Web­sites in ein un­lös­ba­res Di­lem­ma. Je wei­ter sich die Web­sites von Funk­ti­on, Nut­zungs­ori­en­tie­rung und stan­dar­di­sier­ter Kon­ven­ti­on des Web­de­signs ent­fer­nen, um­so sel­te­ner kann das Er­geb­nis von den Nut­zern als Web­site wahr­ge­nom­men wer­den. Um­ge­kehrt wird je­de über ei­ne URL ab­ruf­ba­re Samm­lung von HTML-Do­ku­men­ten mit Hy­per­text­na­vi­ga­ti­on und Links im­mer als Web­site wahr­ge­nom­men – egal, wie sehr sie sich als ei­gen­stän­di­ges Kunst­werk prä­sen­tie­ren möch­te. Die un­lös­ba­re Fra­ge, ob die be­spro­che­nen Web­sites des­halb aus­schließ­lich als Kunst oder als Web­de­sign zu ka­te­go­ri­sie­ren sind, führt zu der eben­so in­ter­es­san­ten Fra­ge, ob das Pro­blem nicht im gel­ten­den Kunst­be­griff selbst liegt. Wä­re die­ser Be­griff nicht so eng ge­fasst, wä­re das er­wähn­te Di­lem­ma nicht vor­han­den. De­sign könn­te Kunst sein und Kunst pro­fes­sio­nel­les Hand­werk. So könn­te die Web­site des Leip­zi­ger Kunst­ver­eins als be­rech­tig­tes Kunst­werk exis­tie­ren und dürf­te gleich­zei­tig ei­ne Web­site blei­ben. An­de­re Web­sites wä­ren kon­ven­tio­nell oder künst­le­risch um­ge­setz­te Lö­sun­gen, ent­we­der vor­ran­gig mit Mit­teln des Web­de­signs oder der Kunst.

IN THE YE­AR 2525 …

Soll­te der Kunst­be­griff sich kom­plett ve­rän­dern und sei­ne hoch ge­steck­ten Über­frach­tun­gen ver­lie­ren, wä­re es den­noch mehr als zwei­fel­haft, dass es zu dem oben be­schrie­be­nen Sze­na­rio der gleich­be­rech­tig­ten Exis­tenz von Kunst-Web­de­sign und Web­de­sign-Kunst kom­men wür­de. Kunst und Wis­sen­schaft sind laut Grund­ge­setz frei, sie müs­sen nur sich selbst ge­gen­über Re­chen­schaft ab­le­gen. Zu­min­dest theo­re­tisch. Stan­dards und Kon­ven­tio­nen im Web­de­sign ba­sie­ren da­ge­gen auf be­währ­ten Pa­ra­me­tern der nutz­er­zen­trier­ten Gestal­tung. Web­de­sign muss ge­gen­über sei­nen Nut­zern Re­chen­schaft ab­le­gen – im­mer und über­all, je­den Tag und mit je­dem Klick, am Smart­pho­ne bei Son­nen­schein und mie­ser Band­brei­te so­wie am Ta­blet oder 27-Zoll-Mo­ni­tor zu Hau­se. Je­der Trend, je­de Mo­de, je­der Hy­pe muss sich die­ser Prü­fung und End­kon­trol­le durch die Nut­zer stel­len. Mit all die­sen Pa­ra­me­tern als Be­wer­tungs­maß­stab wür­de kei­ne der be­spro­che­nen Web­sites ei­ne gu­te No­te ein­fah­ren, auch nicht die ak­tu­el­le Prä­senz der Ar­beits­ge­mein­schaft – und nicht ein­mal un­ter Ver­zicht auf Be­wer­tung des Qu­ell­codes. De­sign ist ein evo­lu­tio­nä­rer Pro­zess, kein re­vo­lu­tio­nä­rer. Je­des De­sign­pro­dukt lebt von ei­ner fort­lau­fen­den Evo­lu­ti­on des pro­fes­sio­nel­len Wett­be­werbs, et­was Gu­tes noch bes­ser zu ma­chen. Die er­wähn­ten Kon­ven­tio­nen und Stan­dards ve­rän­dern sich stän­dig wei­ter, weil sich auch Rah­men­be­din­gun­gen än­dern. Re­s­pon­sive Web­de­sign als bis­her letz­ter evo­lu­tio­nä­rer Schritt ba­sier­te bei­spiels­wei­se nur auf den spe­zi­el­len An­for­de­run­gen völ­lig neu­er Aus­ga­be­rä­te. Ge­ra­de die Web­site des Leip­zi­ger Kunst­ver­eins kann sich al­len de­si­gn­re­le­van­ten Be­wer­tungs­pa­ra­me­tern nur da­durch ent­zie­hen, in­dem sie sich von al­len Kon­ven­tio­nen und Stan­dards ra­di­kal ge­trennt hat. Die Pla­nung, Kon­zep­ti­on und Um­set­zung der neu­en Ver­eins­web­site war so­mit gleich­zei­tig auch ein de­struk­ti­ver Akt. Hier ist die ei­gent­li­che Ver­bin­dung zur Tra­di­ti­on der ra­di­ka­len Avant­gar­de zu su­chen, die al­te Seh­wei­sen zer­stö­ren woll­te. Das Nach­se­hen ha­ben Men­schen, die ih­re ge­lern­ten Ver­hal­tens­wei­sen zur Nut­zung von Web­sites an­wen­den wol­len, um In­for­ma­tio­nen, Ter­mi­ne und Neu­ig­kei­ten rund um den Kunst­ver­ein zu er­hal­ten. Wür­de ih­nen ein ech­tes Sub­sti­tut als Al­ter­na­tiv­ver­si­on an­ge­bo­ten wer­den, das den kon­ven­tio­nel­len Web­de­sign­stan­dards ent­sprä­che, wür­de es für die Nut­zung der ak­tu­el­len Web­site wohl schlecht aus­se­hen. Au­ßer durch die­je­ni­gen, die ein Kunst­er­leb­nis su­chen. Auch Web­de­si­gner er­lie­gen dem ver­füh­re­ri­schen Reiz neu­er und coo­ler Ef­fek­te. Das Er­geb­nis ist dann eben­so ei­ne kurz­le­bi­ge Mo­de. Soll­te es beim nächs­ten Re­launch vor­ab zu ei­ner Um­fra­ge un­ter den Nut­zern kom­men, ist si­cher da­von aus­zu­ge­hen, dass der Leip­zi­ger Kunst­ver­ein ei­ne Web­site er­hält, die mehr mit Web­de­sign zu tun ha­ben wird als mit Kunst. Die ak­tu­el­le Prä­senz wird dann das blei­ben dür­fen, was es auch in der Evo­lu­ti­on der Ar­ten gibt: der Ver­such ei­ner Neu­ori­en­tie­rung, die sich nicht durch­ge­setzt hat.

Abb. 1: Bis heu­te im avant­gar­dis­ti­schen Stil und Web­de­sign der 90er: das Mu­se­um of Web Art [goo.gl/oTcAVX]

Abb. 2: Litt­le Bo­xes in Schwarz-Weiß mit rei­z­ar­mer Ty­po: Start­sei­te der ADKV

Abb. 3: Eher ein re­s­pon­sives Ba­sis­lay­out als pro­fes­sio­nel­les Web­de­sign oder gar Kunst: die Start­sei­te des Hei­del­ber­ger Kunst­ver­eins

Abb. 4: Die Start­sei­te als bun­tes Kunst­werk in ei­nem gra­fi­schen Ras­ter: Start­sei­te des Kunst­ver­eins Wolfs­burg

Abb. 5: Die Li­nie als be­stim­men­des Gestal­tungs­ele­ment mit ei­ner Cou­rier als Kon­tra­punkt: Sei­te zur ak­tu­el­len Aus­stel­lung [goo.gl/JQcLkr]

Abb. 6: Die ra­di­ka­le Ver­nei­nung von Gestal­tungs­re­geln als Rück­be­sin­nung auf die Avant­gar­de: Start­sei­te des Kunst­ver­eins Leip­zig

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