Pfef­fer­les Open Web

SCREENGUIDE - - Inneres - TEXT: Mat­thi­as Pfef­fer­le

Ko­lum­ne: Mas­to­don als Al­ter­na­ti­ve zu Twit­ter

Twit­ter hat in den letz­ten Jah­ren ei­ni­ge Fehl­ent­schei­dun­gen ge­trof­fen: von der Li­mi­tie­rung der API über die durch Al­go­rith­men ge­steu­er­te Ti­me­li­ne bis hin zur kürz­li­chen Um­stel­lung der Re­plys. Da­von pro­fi­tiert ins­be­son­de­re der de­zen­tra­le Mi­cro­blog­ging-Di­enst Mas­to­don. In den Ta­gen nach der Um­stel­lung der Twit­ter-Re­plys stieg die Zahl der An­mel­dun­gen bei Mas­to­don in­ner­halb von 24 St­un­den um 70 Pro­zent. Mas­to­don funk­tio­niert recht ähn­lich wie Twit­ter. Die wich­tigs­ten Un­ter­schie­de sind erst ein­mal, dass die Nach­rich­ten bis zu 500 Zei­chen lang sein dür­fen und nicht ge­sam­melt un­ter ei­ner Do­main lau­fen – son­dern de­zen­tral auf ver­schie­de­ne Ser­ver und Do­mains ver­teilt sind, die aber mit­ein­an­der kom­mu­ni­zie­ren kön­nen. Mas­to­don stammt von Eu­gen Roch­ko, ei­nem 24­jäh­ri­gen Soft­ware­Ent­wick­ler aus Deutsch­land [goo.gl/zbx9­te]. Vor fast ge­nau ei­nem Jahr star­te­te Roch­ko die Ar­beit an dem Mi­cro­blog­ging­Di­enst als klei­nes Pro­jekt ne­ben dem Stu­di­um. Trei­ben­de Kraft war zum ei­nen die Fas­zi­na­ti­on an Twit­ter und zum an­de­ren die stei­gen­de Un­zu­frie­den­heit mit der jüngs­ten Ent­wick­lung des Di­ens­tes. Trotz des de­zen­tra­len An­sat­zes er­kennt man viel Ge­mein­sam­kei­ten mit Twit­ter. Der Kern von Mas­to­don ist ei­ne simp­le API, die so­wohl vom Web­front­end als auch von ver­schie­de­nen an­de­ren Cli­ents be­nutzt wer­den kann [goo.gl/2QYhxX] [goo. gl/ESZB6h]. Auch bei der gra­fi­schen Ober­flä­che hat sich Eu­gen Roch­ko an Twit­ter ori­en­tiert. Das Spal­ten­lay­out äh­nelt, in Auf­bau und Farb­set, sehr dem po­pu­lä­ren Twit­ter­Cli­ent Tweet­deck [tweet­deck.twit­ter.com]. Aus Frus­tra­ti­on über Twit­ters Um­ge­stal­tung der Re­plys und durch Emp­feh­lun­gen, un­ter an­de­rem auch von Ind.ie­Grün­der Aral Bal­kan (fast 40.000 Fol­lo­wer), er­fuhr Mas­to­don in den letz­ten Ta­gen ei­nen re­gel­rech­ten An­sturm [goo.gl/mL3r­bx]. Roch­ko muss­te die An­mel­dun­gen für sei­ne In­stanz Mas­to­don.so­ci­al kurz­zei­tig so­gar de­ak­ti­vie­ren, da sie die An­zahl an Neu­Re­gis­trie­run­gen nicht mehr ver­ar­bei­ten konn­te. Ak­tu­ell hat Mas­to­don.so­ci­al fast 60.000 Nut­zer, die bis­her weit mehr als 1,7 Mil­lio­nen Bei­trä­ge ver­öf­fent­licht ha­ben [mas­to­don.so­ci­al/about] [mas­to­don.so­ci­al/ about/mo­re]. Das gan­ze Mas­to­don­Uni­ver­sum be­steht laut „Mas­to­don In­stan­ces” aus wei­te­ren über 1.600 In­stan­zen mit rund 653.600 Nut­zern (Stand: 21.5.2017, goo.gl/UV5HBd).

WAR­UM MAS­TO­DON?

Eu­gen Roch­ko hat­te si­cher­lich Glück, mit Mas­to­don ei­nen Nerv und den rich­ti­gen Mo­ment zu tref­fen, aber es wä­re ein Feh­ler, den Er­folg nur auf die­se Um­stän­de zu re­du­zie­ren. Im Ge­gen­satz zu El­lo, App.net oder Micro.blog ist der Qu­ell­code von Mas­to­don öf­fent­lich [goo.gl/ZfRH2n]. Je­der kann an dem Pro­jekt mit­ent­wi­ckeln oder sei­ne ei­ge­ne In­stanz be­trei­ben. Die Sys­tem­an­for­de­run­gen sind mit „Ru­by on Rails” zwar et­was exo­tisch, aber die Kri­tik, die Dia­spo­ra für die glei­che Ent­schei­dung er­hielt [goo.gl/bveN96], blieb bei Mas­to­don bis­her aus. Dank Con­tai­ner­Lö­sun­gen wie Do­cker soll­te der Auf­bau ei­ner Web­An­wen­dung heu­te kein Pro­blem mehr dar­stel­len. Die Tren­nung zwi­schen Front­end und Backend und die Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen bei­den über ei­ne API ma­chen Mas­to­don sehr fle­xi­bel und las­sen ei­ne Rei­he von ver­schie­de­nen Cli­ents zu. Ak­tu­ell lis­tet das of­fi­zi­el­le GitHub Re­po­si­to­ry 22 Apps für Win­dows, iOS, An­dro­id und di­ver­se an­de­re Sys­te­me [goo.gl/0AAwxF]. Vie­le de­zen­tra­le Netz­wer­ke wie z.B. gnu.so­ci­al (frü­her iden­ti. ca bzw. sta­tus.net) sind sehr Tech­nik­ge­trie­ben und le­gen nur we­nig Wert auf Usability und De­sign. Mas­to­don hat da­ge­gen ei­nen kla­ren Auf­bau und lässt sich auch oh­ne Vor­kennt­nis­se mit de­zen­tra­len Netz­wer­ken be­nut­zen. Di­rekt nach der An­mel­dung star­tet ei­ne klei­ne Ein­füh­rung, in der er­klärt wird, wie Ihr ei­ge­ner „Hand­le” (de­zen­tra­ler Be­nut­zer­na­me) aus­sieht, wie Sie Nach­rich­ten schrei­ben und wie Sie Nut­zern auf an­de­ren Ser­vern fol­gen.

Auch bei der Mo­ne­ta­ri­sie­rung un­ter­schei­det sich Mas­to­don von Dia­spo­ra, El­lo oder App.net. Eu­gen Roch­ko be­treibt das Pro­jekt im­mer noch im Stil ei­nes pri­va­ten Ne­ben­pro­jekts. Die Fi­nan­zie­rung läuft über die Platt­form Pa­t­re­on, über die er mitt­ler­wei­le mehr als 3.000 US-Dol­lar im Mo­nat ein­nimmt [goo.gl/4C8KP8], und er lehnt Ven­ture-Ca­pi­tal strikt ab [goo.gl/2R95qY]. Twit­ter fo­kus­siert sich auf freie Mei­nungs­äu­ße­rung und schränkt nur bei il­le­ga­len, kri­mi­nel­len oder be­läs­ti­gen­den In­hal­ten ein [goo.gl/UlHDev]. Roch­ko setzt da­ge­gen kla­re Re­geln auf sei­ner Mas­to­don-In­stanz. Un­ter­sagt sind ras­sis­ti­sche und se­xis­ti­sche In­hal­te, Stal­king und Dis­kri­mi­nie­rung jeg­li­cher Art [goo.gl/7vSpqb]. Mas­to­don bie­tet dar­über hin­aus di­ver­se Pri­va­cy-Ein­stel­lun­gen auf ver­schie­de­nen Ebe­nen. Nach­rich­ten, bei Mas­to­don „Toots” ge­nannt, las­sen sich glo­bal ein­stel­len, kön­nen aber für je­den In­halt noch ein­mal ex­pli­zit über­steu­ert wer­den. Über den Punkt „CW” (Con­tent Warning oder In­halts­war­nung) kön­nen In­hal­te zu­sätz­lich mit ei­ner War­nung ver­se­hen und erst über ei­nen Klick sicht­bar ge­macht wer­den (sie­he Abb. 3).

WAR­UM OSTATUS?

Der wirk­lich in­ter­es­san­te Aspekt an Mas­to­don ist aber das Fe­de­ra­ti­on Pro­to­col, al­so das Protokoll, das die de­zen­tra­le Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen ver­schie­de­nen Mas­to­don-In­stan­zen steu­ert. In ei­nem In­ter­view er­zählt Roch­ko, dass ihn vor et­li­chen Jah­ren ein Freund auf Iden­ti.ca (spä­ter sta­tus.net und jetzt gnu.so­ci­al) auf­merk­sam mach­te [goo.gl/U56wQz]. Da­mals hat­te ihn we­der das Sys­tem noch die Tech­nik wirk­lich in­ter­es­siert. Als die Un­zu­frie­den­heit über Twit­ter aber im­mer grö­ßer wur­de und sich Roch­ko über Al­ter­na­ti­ven in­for­mier­te, kam er wie­der auf gnu.so­ci­al. Im In­ter­view meint Roch­ko, dass er sich in­for­mie­ren woll­te, wie sich der „fe­dera­ted stuff” mitt­ler­wei­le ent­wi­ckelt ha­be, und er fand ihn in ei­nem „trau­ri­gen Zu­stand”. Im­mer­hin hat ihn die Idee mo­ti­viert, Mas­to­don zu ent­wi­ckeln. Als ich von Mas­to­don ge­le­sen ha­be, war ich über­rascht, dass ein jun­ges Pro­jekt auf OStatus auf­baut. OStatus ist das Protokoll, das da­mals für Iden­ti.ca ent­wi­ckelt wur­de und bis heu­te der zen­tra­le Kern von gnu.so­ci­al ist. Die letz­te Ver­si­on der Spe­zi­fi­ka­ti­on ist von 2010 und wur­de seit­her nicht ak­tua­li­siert [goo.gl/M0s5F2]. Hin­zu kommt, dass die of­fi­zi­el­le Sei­te ostatus.org seit ei­ni­gen Jah­ren nicht mehr er­reich­bar ist. Als Roch­ko sein Pro­jekt vor vier Mo­na­ten auf Ha­cker News prä­sen­tier­te, er­hielt er ähn­li­ches Feed­back [goo.gl/DBUUgs]. Wie­so soll­te man sich mit ei­nem sie­ben Jah­re al­ten For­mat be­schäf­ti­gen, statt sich neu­en Ide­en und Tech­no­lo­gi­en zu wid­men? Die Ant­wort ist ei­gent­lich re­la­tiv ein­fach. Trotz des al­ten For­mats wird es im­mer noch von di­ver­sen Pro­jek­ten ein­ge­setzt. Ne­ben Gnu.so­ci­al sind auch Fri­en­di­ca und, bis zu ei­nem ge­wis­sen Grad, Dia­spo­ra kom­pa­ti­bel. Auf Wikipedia fin­den sich au­ßer­dem noch sie­ben an­de­re Pro­jek­te [goo.gl/xa­d7mS], und GitHub lis­tet über 50 Libs und Plug­ins auf [goo.gl/xo8UmP]. OStatus ist ein re­la­tiv ein­fa­ches Sys­tem, das rund um RSS/Atom ge­baut ist. Mas­to­don und gnu.so­ci­al ha­ben das ur­sprüng­li­che For­mat ad­ap­tiert, aber die ein­zel­nen Baustei­ne mo­der­ni­siert. Das heißt, dass bei­de Sys­te­me zwar im­mer noch die ei­gent­li­che Spe­zi­fi­ka­ti­on er­fül­len, aber zu­sätz­lich auch mo­der­ne­re Ver­sio­nen der ein­zel­nen Tech­no­lo­gi­en ein­set­zen. Statt OStatus ist streng ge­nom­men jetzt gnu. so­ci­al die Re­fe­renz-Im­ple­men­tie­rung bzw. der „Li­ving Stan­dard”.

FA­ZIT

Ich ha­be mich in­ten­siv mit Mas­to­don be­schäf­tigt, und mir ist auf­ge­fal­len, wie sta­bil OStatus im­mer noch funk­tio­niert. Sie kön­nen pro­blem­los gnu.so­ci­al-Pro­fi­le hin­zu­fü­gen, Nach­rich­ten wer­den na­he­zu in Echt­zeit aus­ge­tauscht. Es war so­gar mög­lich, mein Blog über ein sechs Jah­re al­tes Plug-in mit Mas­to­don zu ver­bin­den. In den Me­di­en wird Mas­to­don schon als „Ret­tung der de­zen­tra­len Netz­wer­ke” ge­fei­ert. Wahr­schein­lich ist es nicht so – aber es macht Spaß, sich mit Mas­to­don zu be­schäf­ti­gen, und bringt mal wie­der et­was fri­schen Wind in die OStatus-Com­mu­ni­ty. Bis zum nächs­ten Mal!

Abb. 1: Mas­to­don.so­ci­al sieht recht ver­traut aus

Abb. 2: Die Ein­füh­rung auf Mas­to­don.so­ci­al

Abb. 3: Op­tio­nen für die Pri­vat­sphä­re

Mat­thi­as Pfef­fer­le ist Webent­wick­ler, be­schäf­tigt sich seit vie­len Jah­ren mit dem Open- bzw. In­dieWeb und ver­sucht, mit sei­ner Ko­lum­ne und sei­nem We­b­log das The­ma spe­zi­ell in Deutsch­land vor­an­zu­trei­ben [no­tiz.blog].

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