Von Fes­ten und Frei­heit

SCREENGUIDE - - Inneres - TEXT: Mir­ko Lem­me

Ko­lum­ne: Plötz­lich fest an­ge­stellt. Ein Zwi­schen­fa­zit.

Nach bei­na­he zehn Jah­ren selbst­stän­di­ger Tä­tig­keit als Web­wor­ker plötz­lich fest an­ge­stellt. Wie konn­te das pas­sie­ren, und was bringt die­se Ve­rän­de­rung mit sich? Ein sehr per­sön­li­ches Zwi­schen­fa­zit.

Ich ar­bei­te jetzt fest. Nicht als „fes­ter Frei­er”, son­dern so rich­tig mit Ar­beits­ver­trag, Lohn­steu­er und ge­re­gel­tem Ein­kom­men. Bis­lang kann­te ich die­ses Ar­beits­mo­dell nur aus Er­zäh­lun­gen – ein Teil von mir war fast schon da­von über­zeugt, dass die­se Form des Leis­tungs­ver­kaufs für zu­künf­ti­ge Ge­ne­ra­tio­nen schon gar nicht mehr in­fra­ge kommt. Und doch: ei­ne Ber­li­ner Agen­tur hat­te mein Herz ge­won­nen – und ich das ih­re. Und so ver­brin­gen wir die meis­te Zeit des Ta­ges nun ge­mein­sam in ge­gen­sei­tig un­be­fris­te­ter Ab­hän­gig­keit. Trotz­dem war der Schritt kein leich­ter. Lei­den­schaft­li­che Frei­be­ruf­ler ah­nen, was es heißt, die Selbst­stän­dig­keit auf­zu­ge­ben. Freun­de und Be­kann­te gra­tu­lie­ren mir re­flex­ar­tig, wenn sie von mei­nem Wech­sel er­fah­ren. Ich kann mich nicht er­in­nern, ähn­li­chen Re­fle­xen zu Be­ginn mei­ner Selbst­stän­dig­keit be­geg­net zu sein. Viel­leicht sind sie er­leich­tert und ein we­nig dank­bar, dass ich nun auf „nor­ma­len” We­gen wand­le. Auch wenn die meis­ten mei­ner Mit­men­schen nach wie vor nicht wis­sen, was ich genau tue, so hat die­se Tä­tig­keit jetzt ei­nen grif­fi­gen Na­men und ei­ne hip­pe Orts­be­zeich­nung. Ei­ne be­freun­de­te So­zi­al wis­sen schafts stu­den­tin hat­te mir vor ein paar Jah­ren er­klärt, dass in­der Ar­beit­ge­ber-Ar­beit­neh­merBe­zie­hung die Aus­beu­tung per De­fi­ni­ti­on ver­wur­zelt sei. Ein An­ge­stell­ter er­wirt­schaf­te dem Un­ter­neh­men schließ­lich mehr Pro­fit, als er oder sie selbst da­von mit nach Hau­sen eh­men dür­fe. Aber je­der Frei­be­ruf­ler weiß,d ass Aus­beu­tungs mecha­nis­men auch ganz oh­ne Ar­beit­ge­ber ih­ren Weg fin­den. Von ei­nem si­gni­fi­kan­ten Un­ter­schied in Sa­chen In­put-Output kann al­so kaum die Re­de sein. Doch auch wenn nicht gleich al­les an­ders ist, so gibt es doch merk­ba­re Ve­rän­de­run­gen. Ich ha­be neu­er­dings ei­ni­ger­ma­ßen fes­te Ar­beits­zei­ten. Und Kol­le­gen. Die­se Men­schen, die wun­der­ba­rer­wei­se et­was tun, das mei­ner Tä­tig­keit ganz ähn­lich ist. Was bei der Grö­ße der Pro­jek­te auch ab­so­lut not­wen­dig ist. Ge­nau­so wie Mee­tings, Kick-offs, Tel­kos und was al­les da­zu­ge­hört. Ein selt­sa­mes Ge­fühl, Teil von et­was zu sein, das ich nicht zu hun­dert Pro­zent selbst in der Hand ha­be. Doch da Sa­che und Hal­tung stim­men, durch­aus kein schlech­tes. Im Ge­gen­teil, mit zu­neh­men­der Zeit, ge­mein­sa­men Er­fol­gen und Nie­der­la­gen stellt sich ein Ge­fühl für Po­ten­zia­le ein. Wer, wenn nicht wir; wann, wenn nicht jetzt; was, wenn nicht die­se fan­tas­ti­sche Idee. Die Ver­ant­wor­tung für die Din­ge ver­teilt sich auf mehr als zwei Schul­tern. Das för­dert durch­aus auch Mus­ter, die ich so noch gar nicht kann­te. Meh­re­re Ta­ge in Fol­ge kaum An­trieb und Lust? Krank­mel­den könn­te man sich. Ein­fach aus der Ver­ant­wor­tung zie­hen. Na­tür­lich ist das we­der pro­fes­sio­nell noch ziel­füh­rend. Doch dass es die­sen Weg theo­re­tisch gibt, ah­nen die in mir schlum­mern­den nie­de­ren In­stink­te. Selbst­stän­di­ge sind mit dem Be­griff „Ur­laub” oft nicht gut ver­traut. Kei­ne Ar­beit be­deu­tet kein Ein­kom­men und für man­che noch schlim­mer: es be­deu­tet kei­ne Ar­beit; al­so freie Zeit. Für das letzt­ge­nann­te Pro­blem muss je­der ei­ge­ne Stra­te­gi­en ent­wi­ckeln, aber wirk­lich scho­ckiert hat mich die Tat­sa­che, dass mein Ge­halt auch im Ur­laub ge­zahlt wird. Ein­fach so. Geld trotz Frei­zeit. Ver­trag­lich ge­re­gelt. Die sons­ti­gen Än­de­run­gen klin­gen in den Oh­ren mei­ner El­tern­ge­ne­ra­ti­on gut, ha­ben aber ei­gent­lich nur for­ma­len Cha­rak­ter. Rü­ru­pren­te heißt jetzt be­trieb­li­che Al­ters­vor­sor­ge, Ho­no­rar nennt sich Ge­halt, die Ein­kom­men­steu­er geht in den Lohn­ne­ben­kos­ten auf, und die Fra­ge, ob ich mor­gen noch Ar­beit ha­be, be­ant­wor­tet der Markt. Zu­min­dest da­ran hat sich nichts ge­än­dert. Es ist ei­ne al­ter­na­ti­ve Per­spek­ti­ve, mit ganz ei­ge­nen Fürs und Wi­ders. Doch ich weiß, ich fin­de mich – und Men­schen, die ähn­lich ti­cken – hier wie­der. Das ist et­was, das mir auch mein Fre­e­lan­cerNetz­werk und mei­ne liebs­ten Kun­den in Zei­ten der Selbst­stän­dig­keit nicht bie­ten konn­ten: ein kom­pro­miss­lo­ses Mit­ein­an­der, ein Boot, in dem wir al­le ge­mein­sam sit­zen. Al­le Um­stel­lun­gen brau­chen Zeit. Vie­les be­kommt nur ei­nen an­de­ren Na­men, doch eins ist neu: Die Aus­sicht dar­auf, Din­ge zu kre­ieren, an die ich al­lei­ne nicht mal ge­dacht hät­te. Das ist ei­ne neue Form von Frei­heit. Mir­ko Lem­me, Au­to­ren­por­trät auf Sei­te 53 Kom­men­tie­ren: screen­gui.de/36/fes­te-frei­heit

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