Pfef­fer­les Open Web

SCREENGUIDE - - Inneres - TEXT: Matthias Pfef­fer­le

Ko­lum­ne: JSONFeed statt RSS?

RSS ist bis heu­te der De-fac­to-Stan­dard, um di­gi­ta­le Neu­ig­kei­ten zu abon­nie­ren. Ob­wohl der Web-Feed seit neun Jah­ren re­gel­mä­ßig für tot er­klärt wird, hat es bis­her kein an­de­res For­mat ge­schafft, RSS ab­zu­lö­sen. Mit JSONFeed gibt es nun ei­nen wei­te­ren Her­aus­for­de­rer: ein sim­ples JSON-Do­ku­ment mit dem Fo­kus auf Blog­ging und Mi­cro­blog­ging. Der ers­te mir be­kann­te Ar­ti­kel, der das En­de von RSS pro­phe­zei­te, stammt aus dem Mai 2009. Ste­ve Gill­mor be­schrieb auf Tech­crunch un­ter dem Ti­tel „Rest in Pe­ace, RSS”, war­um er Twit­ter als den neu­en „Ri­ver of News” se­he und dass RSS ein­fach nicht mehr zeit­ge­mäß sei [goo.gl/3W3KrK]. Spä­tes­tens seit die­sem Ar­ti­kel er­lei­det RSS je­des Jahr ei­nen neu­en „Schick­sals­schlag”. 2010 ent­schied sich die Ac­tivi­ty­S­treams Com­mu­ni­ty, von RSS/Atom auf JSON zu wech­seln [goo.gl/J9qPCn], 2011 ent­fern­ten die po­pu­lä­ren Browser das RSS Icon [goo. gl/4FSuJS], 2012 er­klär­te Ro­bert Sco­b­le RSS und das kom­plet­te Open Web für über­holt [goo.gl/7zni­hK], und 2013 kün­dig­te Goog­le an, den Goog­le-Re­a­der ein­zu­stel­len [goo.gl/MC7cS5]. Der Goog­le-Re­a­der war lan­ge Zeit der po­pu­lärs­te Web-RSS Re­a­der, oh­ne nen­nens­wer­te Kon­kur­renz. Das En­de des Goo­gleRe­a­ders war für vie­le auch das En­de von RSS. Po­pu­lä­re RSS-Apps wie Ree­der [goo.gl/34q5Jv] oder Fee­dDe­mon [goo.gl/TNGvjW] nutz­ten den Goog­le-Re­a­der für zen­tra­le Fea­tu­res wie z.B. Lo­gin oder Sync. Bei der Ree­der App war lan­ge nicht klar, wie ei­ne Ver­si­on oh­ne Goog­le aus­se­hen könn­te, und Fee­dDe­mon-Ent­wick­ler Nick Brad­bu­ry ent­schied sich, den Lo­gin/Sync zwar aus­zu­bau­en, stell­te aber die Wei­ter­ent­wick­lung des Fee­dDe­mon ein. Der Weg­fall des Goog­le-Re­a­ders hat­te auch ei­nen po­si­ti­ven Ef­fekt: Durch das feh­len­de Mo­no­pol ent­stand ei­ne gan­ze Rei­he an Web­ser­vices wie z.B. Feed­ly, Feed­bin oder Mi­ni­mal Re­a­der. Und auch Apps wie z.B. Ree­der pro­fi­tie­ren von der neu­en Viel­falt an Web­ser­vices und po­ten­zi­el­len Sync-Mecha­nis­men (Abb. 1).

JSONFEED

JSONFeed [jsonfeed.org] stammt von Man­ton Reece (der Kopf hin­ter Mi­cro.blog) und Brent Sim­mons (der Ent­wick­ler von Ne­tNewsWi­re, ei­nem po­pu­lä­ren Feed-Re­a­der für Mac und iOS). Die „Recht­fer­ti­gung” für JSONFeed lässt sich fol­gen­der­ma­ßen zu­sam­men­fas­sen: JSON ist bes­ser als XML. Im Prin­zip kann man das auch genau so ste­hen las­sen. JSONFeed ist nicht mehr und nicht we­ni­ger als ei­ne ein­fa­che JSON-Struk­tur für „Feeds”. Der ein­fa­che Auf­bau po­la­ri­siert die in­ter­es­sier­te Web­ge­mein­de. Das sim­ple For­mat mo­ti­viert Ent­wick­ler, JSONFeeds für ei­ne Rei­he von Con­tent-Ma­nage­ment-Sys­te­men und Li­bra­ries in al­len gän­gi­gen Spra­chen zu schrei­ben, und die „Co­de”-Lis­te auf jsonfeed.org wächst kon­ti­nu­ier­lich [goo.gl/zM8­tyg]. Man­ton Reece

„Es ist Zeit, sich kom­plett von RSS zu be­frei­en und auf Twit­ter zu wech­seln. RSS kann ein­fach nicht mehr mit­hal­ten.“Ste­ve Gill­mor, Tech­crunch, 2009

hat es au­ßer­dem ge­schafft, sein For­mat gut zu ver­mark­ten und An­bie­ter von Feed-Re­a­dern wie NewsBlur [goo.gl/pYB8YA] und Feed­bin [goo.gl/njoN­be] an Bord zu ho­len. Auf der an­de­ren Sei­te sor­gen Man­ton Reece und Brent Sim­mons aber auch für Frus­tra­ti­on. Ein mas­si­ver Vor­wurf an JSONFeed ist die feh­len­de Be­reit­schaft, auf Feed­back ein­zu­ge­hen. Seit der Ver­öf­fent­li­chung am 14. Mai wur­den aus­schließ­lich klei­ne Ver­bes­se­run­gen an der Do­ku­men­ta­ti­on vor­ge­nom­men, nicht aber am In­halt oder am JSONFeed-For­mat [goo.gl/brn5qz]. Vor al­lem die Com­mu­ni­tys rund um Ac­tivi­ty­S­treams [ac­tivi­ty­strea.ms] und Sche­ma.org/JSON-LD [goo.gl/K22x3n] füh­len sich mas­siv über­gan­gen. Ro­bin Ber­jon, Edi­tor der W3C-HTML5-Spe­zi­fi­ka­ti­on, schreibt auf Git­Hub: „I un­der­stand and re­spect the fact that work went in­to this pri­or to its re­lease. But this is a for­mat for the who­le big Web and pres­u­m­a­b­ly meant to last, don’t you agree that it could do with mo­re re­view? I’m not say­ing ye­ars, but may­be one month?” [goo.gl/qpa­gCG]. Mit der Ver­öf­fent­li­chung der Spe­zi­fi­ka­ti­on und mit dem Vor­an­trei­ben der Li­bra­ries, der Plug­ins für CMS und der In­te­gra­ti­on in po­pu­lä­re Feed-Re­a­der ha­ben sich Man­ton Reece und Brent Sim­mons ein wei­te­res Pro­blem ge­schaf­fen. Das For­mat hat zwar ei­ne ge­wis­se Po­pu­la­ri­tät er­langt, es ist aber na­he­zu un­mög­lich, et­was Grund­le­gen­des an JSONFeed zu ver­än­dern, oh­ne bis­he­ri­ge Im­ple­men­tie­run­gen zu zer­stö­ren. Die kur­ze Ent­wick­lungs­zeit bzw. die Ent­wick­lungs­zeit im Ge­schlos­se­nen hat au­ßer­dem da­zu ge­führt, dass an­de­re Stan­dards zwar be­nutzt, aber nicht ver­stan­den und falsch re­fe­ren­ziert wur­den. We­bSub [goo.gl/yCZeZ5] (frü­her Pu­bSu­bHub­bub) ist ei­ne W3C Can­di­da­te Re­com­men­da­ti­on, um bei­spiels­wei­se Fee­dRe­a­der über neue Blog-Posts zu in­for­mie­ren. We­bSub wur­de ur­sprüng­lich für Atom bzw. RSS ent­wi­ckelt, un­ter­stützt in sei­ner letz­ten Ver­si­on aber auch JSON und an­de­re For­ma­te. Um nicht für je­des neue For­mat ei­ne neue Syn­tax zu bau­en, ar­bei­tet We­bSub mit HTTP-He­a­dern [goo.gl/9o9BcW]. Die­ses Vor­ge­hen macht We­bSub voll­kom­men un­ab­hän­gig vom Do­ku­ment und lässt sich auch oh­ne An­pas­sung auf JSONFeed an­wen­den. Statt den mög­li­chen HTTP-He­a­der zu nut­zen, „er­fand” Man­ton Reece ei­ne ei­ge­ne We­bSub-Im­ple­men­tie­rung für JSON [goo.gl/ rnuUcc]. Auch hier wird die schnel­le Ver­brei­tung von JSONFeed zu ei­nem Pro­blem. Ob­wohl We­bSub oh­ne An­pas­sun­gen von JSONFeed mög­lich ge­we­sen wä­re [goo.gl/AjL922], muss Reece sei­ne Spe­zi­fi­ka­ti­on ver­tei­di­gen und ver­su­chen, sei­ne „In­ter­pre­ta­ti­on” in den We­bSub-Stan­dard zu be­kom­men [goo.gl/FZ9wNW].

MI­CRO.BLOG UND NE­TNEWSWI­RE

Je län­ger ich mich mit JSONFeed be­schäf­ti­ge, um­so mehr wun­de­re ich mich, war­um die­se Idee ge­ra­de von Man­ton Reece und Brent Sim­mons kam. Reece hat im Fe­bru­ar 2017 über ei­ne Kick­star­ter-Kam­pa­gne knapp 87.000 US-Dol­lar für sein Mi­cro.blo­gPro­jekt ge­sam­melt. Mi­cro.blog ist ei­ne de­zen­tra­le Mi­cro­blog­ging-Platt­form, die auf RSS und an­de­ren OpenWeb-Stan­dards auf­ge­baut ist [mi­cro.blog]. Liest man die About-Sei­te des Pro­jekts, dann taucht acht­mal das Wort „RSS” auf, das ist ein „RSS” pro Ab­satz [goo.gl/zaf1D5]. Ich ha­be das Pro­jekt aus genau die­sen Grün­den un­ter­stützt und hof­fe, dass Reece sich nicht da­zu ent­schei­det, RSS durch JSONFeed ab­zu­lö­sen. Auch die Be­tei­li­gung von Brent Sim­mons hat mich ver­wun­dert. Sim­mons hat ei­nen Groß­teil sei­ner Ar­beit in Feed-Re­a­der ge­steckt und ist eng mit Da­ve Wi­ner (dem Er­fin­der von RSS) be­freun­det [goo.gl/xV1hSt]. Sim­mons selbst be­schreibt in ei­nem Blog­post über JSONFeed, dass er sich bis zu dem Tag der Ver­öf­fent­li­chung nicht si­cher war, ob das For­mat ei­ne gu­te Idee sei [goo.gl/4DcZQ3]. Er be­zieht sich bei sei­ner Selbst­kri­tik auf das – von Da­ve Wi­ner ver­öf­fent­lich­te – Ma­ni­fes­to: „Ru­les for stan­dards-ma­kers” [goo.gl/ng­hx­kV]. In sei­nen Au­gen hät­ten sie ein paar Din­ge durch­aus rich­tig ge­macht, aber ge­gen die „Fe­wer for­mats is bet­ter”-Re­gel ver­sto­ßen. Sim­mons fin­det ge­gen En­de des Ar­ti­kels lei­der auch nur im JSON-For­mat ein Ar­gu­ment für sein JSONFeed.

FA­ZIT

Die ers­te Ver­si­on von RSS wur­de 1999 ent­wi­ckelt. Wor­dPress, Dru­pal, Joom­la und vie­le an­de­re Soft­ware-Her­stel­ler ge­ne­rie­ren von Haus aus RSS-Feeds. Feed-Re­a­der un­ter­stüt­zen RSS in al­len er­denk­li­chen Ver­sio­nen. Es gibt et­li­che Li­bra­ries, die das In­ter­pre­tie­ren von RSS über­neh­men. War­um soll­te man ein so be­währ­tes For­mat er­set­zen wol­len? Da­ve Wi­ner selbst hat 2012 oh­ne nen­nens­wer­ten Er­folg ver­sucht, sei­nen ei­ge­nen Stan­dard in JSON ab­zu­bil­den [goo.gl/Vw­kiBd]. Selbst Matt Mul­len­weg von Wor­dPress hat Hem­mun­gen, RSS leicht­fer­tig durch ei­ne JSON-Al­ter­na­ti­ve zu er­set­zen [goo.gl/gVrQmC]. JSONFeed (zu­min­dest in sei­ner ers­ten Ver­si­on) ist in mei­nen Au­gen nur ein Schnell­schuss. Das JSON-For­mat ist zwar sim­pel und passt si­cher­lich sehr gut auf spe­zi­fi­sche An­wen­dungs­fäl­le, für ei­ne ech­te Al­ter­na­ti­ve zu RSS reicht es aber nicht.

Bis zum nächs­ten Mal!

Matthias Pfef­fer­le ist Webent­wick­ler, be­schäf­tigt sich seit vie­len Jah­ren mit dem Open- bzw. In­dieWeb und ver­sucht, mit sei­ner Ko­lum­ne und sei­nem We­b­log das The­ma spe­zi­ell in Deutsch­land vor­an­zu­trei­ben [no­tiz.blog].

Abb. 1: Ree­der wech­sel­te von Goog­le Re­a­der Lo­gin/Sync auf ei­ne Viel­zahl von un­ter­schied­li­chen Re­a­der-Ser­vices.

Abb. 2: Das ist ein Bei­spiel für JSONFeed-Mi­cro­blog­ging.

Twit­ter: @pfef­fer­le Kom­men­tie­ren: screen­gui.de/36/openweb

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