Hass-Ge­setz

SCREENGUIDE - - Inneres - TEXT: Jan Ka­den

Ein Blick aufs Netz­werk­durch­set­zungs­ge­setz

Face­book-Posts oder Youtube-Vi­de­os, die mit Hass­re­den, Ver­leum­dun­gen und Be­lei­di­gun­gen ge­gen Recht und Ge­setz ver­sto­ßen, sol­len schnell aus dem Web ver­schwin­den. Da­für sorgt nach dem Wil­len des Jus­tiz­mi­nis­ters das Netz­werk­durch­set­zungs­ge­setz (Net­zDG). Man­che Kri­ti­ker mei­nen, dass mit dem Ge­setz auch die Mei­nungs­frei­heit aus dem Web ver­schwin­den wird. An­de­re hal­ten es für ju­ris­tisch nicht aus­ge­go­ren. Was ist dran an der neu­en Vor­schrift?

Das seit dem 1. Ok­to­ber letz­ten Jah­res gel­ten­de Netz­werk­durch­set­zungs­ge­setz (Net­zDG) ist ge­gen Hass­bot­schaf­ten im Web ge­dacht. Seit sei­ner Ver­ab­schie­dung hat es aber sei­ner­seits ei­ne Men­ge Hass auf sich ge­zo­gen. Der Me­di­en­recht­ler Pro­fes­sor Marc Lie­sching von der Hoch­schu­le Leip­zig spricht in ei­nem Kom­men­tar vom „Mei­nungs­frei­heits­be­kämp­fungs­ge­setz” [goo.gl/tAu1yi], Ver­tre­ter des Deut­schen Jour­na­lis­ten­ver- bands von ei­ner „Ga­ga-Vor­schrift” [goo.gl/aFc4Lq]. Es gibt ei­ne „De­kla­ra­ti­on für die Mei­nungs­frei­heit” ge­gen das Ge­setz, die un­ter an­de­rem von be­kann­ten Or­ga­ni­sa­tio­nen wie „Re­por­ter oh­ne Gren­zen”, dem IT-Bran­chen­ver­band Bit­com und Wi­ki­me­dia un­ter­schrie­ben wur­de [goo.gl/7xp64e]. Auch von den Ver­ein­ten Na­tio­nen be­kam die Bun­des­re­gie­rung ei­nen Rüf­fel. De­ren Son­der­be­richt­er­stat­ter Da­vid Kaye sieht im Net­zDG ei­nen Ver­stoß ge­gen das Men­schen­recht auf Mei­nungs­frei­heit. Er for­der­te in ei­nem of­fe­nen Brief an die Bun­des­re­gie­rung ei­ne Kor­rek­tur des Ge­set­zes.

Der St­ein des An­sto­ßes: Das Net­zDG schreibt vor, dass so­zia­le Netz­wer­ke ab ei­ner Grö­ße von min­des­tens zwei Mil­lio­nen Nut­zern Ver­fah­ren ein­rich­ten müs­sen, mit de­nen sie „of­fen­sicht­lich rechts­wid­ri­ge In­hal­te” nach ei­ner Mel­dung in­ner­halb von 24 St­un­den lö­schen kön­nen. Ist die Rechts­wid­rig­keit nicht of­fen­sicht­lich, blei­ben Face­book, Twit­ter & Co. sie­ben Ta­ge für die Lö­schung. Die sie­ben Ta­ge kön­nen die Be­trei­ber des Netz­werks zum Bei­spiel nut­zen, um an­geb­lich ver­leum­de­ri­sche Be­haup­tun­gen nach­zu­re­cher­chie­ren.

Soll­ten die Be­trei­ber sich wei­gern, sol­che Struk­tu­ren und Ver­fah­ren ein­zu­rich­ten, dro­hen ih­nen ho­he Geld­bu­ßen

von 500.000 Eu­ro bis sa­ge und schrei­be 50 Mil­lio­nen Eu­ro. Ein Fir­men­sitz im Aus­land ist wahr­schein­lich kein Ret­tungs­an­ker. Die Ju­ris­ten sind sich nicht ganz ei­nig. Ver­mut­lich wird das Ge­setz auch für aus­län­di­sche Fir­men gel­ten.

Die For­mu­lie­rung des Net­zDG ist in ei­ni­gen Fäl­len schwam­mig. So weiß man nicht ein­mal genau, wann die schwe­ren Buß­gel­der ver­hängt wer­den. Sieht man sich den Buß­geld­pa­ra­gra­fen 4 an, sieht es so aus, als ob ein Netz­werk­be­trei­ber oh­ne Stra­fen da­von­kommt, wenn er ein den An­for­de­run­gen des Net­zDG ent­spre­chen­des Be­schwer­de-Ma­nage­ment be­sitzt. Soll­te ein­mal ein ver­däch­ti­ges Pos­ting nicht recht­zei­tig ge­löscht wer­den, führt das dann nicht au­to­ma­tisch zu ei­nem Buß­geld. Be­stimm­te For­mu­lie­run­gen des Buß­geld­Pa­ra­gra­fen 4 kann man je­doch auch so le­sen, dass schon ein ein­zi­ger Ver­stoß zu ei­ner Stra­fe füh­ren kann. Wie das Ge­setz genau an­ge­wen­det wird, wird die Zu­kunft zei­gen.

Im­mer­hin ver­pflich­tet das Net­zDG so­zia­le Netz­wer­ke nicht nur zum kon­se­quen­ten Lö­schen oder Sper­ren. Sie müs­sen den be­trof­fe­nen An­wen­dern und den Be­schwer­de­füh­rern die Ent­schei­dung mit­tei­len und be­grün­den. Au­ßer­dem sind sie ver­pflich­tet, al­le sechs Mo­na­te ei­nen Trans­pa­renz­be­richt her­aus­zu­ge­ben, in dem Lö­schun­gen und Kon­to­sper­run­gen aus­führ­lich do­ku­men­tiert wer­den. Der ers­te Ter­min liegt im Ju­ni 2018.

ERS­TE FÄL­LE

Es gibt schon ers­te Fäl­le, in de­nen das Net­zDG an­ge­wen­det wur­de. Even­tu­ell wur­de so­gar Bun­des­jus­tiz­mi­nis­ter Hei­ko Maas selbst „Op­fer” sei­nes Ge­set­zes. Je­den­falls ver­schwand ein Tweet, in dem er Thi­lo Sar­ra­zin als „Idi­ot” be­zeich­net hat­te, aus dem Web – was auch an den Twit­terNut­zungs­be­din­gun­gen ge­le­gen ha­ben könn­te.

Ei­ne Lö­schung und tem­po­rä­re Twit­ter-Sper­re be­kam die AfD-Ab­ge­ord­ne­te Bea­trix von Storch, weil sie an­läss­lich ei­nes ara­bi­schen Neu­jahrsTweets der Köl­ner Po­li­zei über „mus­li­mi­sche Män­ner­hor­den” la­men­tier­te. Da­zu ka­men noch ei­ne Face­boo­kLö­schung des Zi­tats und ei­ne An­zei­ge der Köl­ner Po­li­zei we­gen Volks­ver­het­zung. Auch ein ent­spre­chen­der Tweet der AfD-Par­tei­kol­le­gin Ali­ce Wei­del wur­de ent­fernt.

Nicht viel bes­ser ging es der Sa­ti­re-Zeit­schrift Ti­ta­nic, die von Storchs Tex­te par­odier­te. Auch die­se Tweets ver­schwan­den, der Ac­count wur­de zwi­schen­zeit­lich ge­sperrt. Das rief den Deut­schen Jour­na­lis­ten-Ver­band auf den Plan, der un­ter an­de­rem we­gen der Ti­ta­nic-Sper­rung ei­ne Ab­schaf­fung des Net­zDG for­der­te.

Wei­te­re Sa­ti­ri­ker und Künst­ler ha­ben die Fol­gen des Net­zDG zu spü­ren be­kom­men. Wo­bei nicht im­mer si­cher ist, ob die Lö­schun­gen oder Ac­coun­tSper­run­gen nicht mit ei­nem Ver­stoß ge­gen Nut­zungs­be­din­gun­gen der Netz­wer­ke zu­sam­men­hän­gen. Zu­min­dest zei­gen die Bei­spie­le die kon­tro­ver­sen Lösch­stra­te­gi­en der so­zia­len Net­ze: Ein Bei­spiel ist die Stree­tart-Künst­le­rin Bar­ba­ra. Un­ter an­de­rem ver­schwan­den ein Stra­ßen­schild mit dem Wort „Ar­sch­loch”, ein mit ei­nem Bar­ba­ra-Spruch über­kleb­tes „Heil-Hit­ler”Graf­fi­ti und ein Ver­kehrs­schild mit ei­nem BH aus Face­book und Ins­ta­gram. Das Ma­ga­zin „Stern” zi­tiert ei­ne Face­boo­kSpre­che­rin, die die­se Lö­schun­gen im Nach­hin­ein be­dau­ert.

Der Deutsch­land­funk be­rich­tet vom Leip­zi­ger Ka­ri­ka­tu­ris­ten Schwar­wel. Die­ser hat­te ein Zi­tat aus ei­nem Tweet des AfD-Po­li­ti­kers Jens Mai­er („Halb­ne­ger”) in ei­ne Ka­ri­ka­tur ein­ge­baut. Prompt ver­schwand die Zeichnung aus Face­book. Nach ei­ni­gen Ta­gen sei aber ei­ne Ent­schul­di­gung von Face­book für die Lö­schung ge­kom­men. Die „Zeit” schließ­lich be­rich­tet von ei­nem ge­lösch­ten Tweet der Jour­na­lis­tin So­phie Pass­mann: „So­lan­ge es hier wei­ter Tra­di­ti­on ist, an Sil­ves­ter Din­ner for One zu gu­cken, kön­nen die Flücht­lin­ge ger­ne her­kom­men und un­se­re Kul­tur ka­putt ma­chen.”

OVERBLOCKING

Die Fäl­le zei­gen ei­ne sehr grad­li­ni­ge Lösch­po­li­tik. Schimpf­wor­te, se­xu­el­le An­spie­lun­gen und ras­sis­ti­sches Vo­ka­bu­lar sind Lösch­kan­di­da­ten, oh­ne Blick auf Kon­text, Iro­nie und künst­le­ri­sche Ab­sich­ten. Da­bei geht es nicht nur um Stil­fra­gen. Das Vor­ge­hen scheint auch ju­ris­tisch zwei­fel­haft zu sein. Die Ber­li­ner Zei­tung leg­te ei­ni­ge ge­lösch­te Bei­trä­ge dem Köl­ner Me­di­en­an­walt Chris­ti­an Sol­me­cke für ei­ne recht­li­che Be­wer­tung vor [goo.gl/4t2m­gA]. Re­sul­tat: Von sie­ben vor­ge­leg­ten Bei­spie­len sah Sol­me­cke nur ein ein­zi­ges als mög­li­che Volks­ver­het­zung be­zie­hungs­wei­se Be­lei­di­gung an.

Die­se Bei­spie­le be­stä­ti­gen of­fen­bar ei­nes der Haupt­ar­gu­men­te der Net­zDG-Kri­ti­ker: Die be­trof­fe­nen so­zia­len Netz­wer­ke nei­gen aus Angst vor ju­ris­ti­schen Pro­ble­men und Buß­gel­dern zum „Overblocking”. Ge­treu dem Mot­to: Für das un­ge­recht­fer­tig­te Lö­schen ei­nes be­an­stan­de­ten Pos­tings sind kei­ne Stra­fen vor­ge­se­hen, für das Ste­hen­las­sen aber schon. Wer wür­de in die­ser Si­tua­ti­on nicht kon­se­quent lö­schen? Das Pro­blem könn­te durch den Ein­satz von Al­go­rith­men, die pro­ble­ma­ti­sche Pos­tings au­to­ma­tisch er­ken­nen und zu­min­dest vor­läu­fig aus dem Netz neh­men, noch ver­schärft wer­den. Denn künst­li­che In­tel­li­gen­zen sind auf dem heu­ti­gen Tech­nik­stand we­der für ih­ren Hu­mor noch für ihr ju­ris­ti­sches Fach­wis­sen be­kannt.

Die Be­trof­fe­nen ste­hen wehr­los da. Denn das Ge­setz sieht kei­nen Weg vor, ei­nen un­schul­di­gen Tweet oder ein im Nach­hin­ein harm­lo­ses Face­book-Fo­to nach der Lö­schung zu­rück­zu­brin­gen. Die Be­trof­fe­nen kön­nen nur ver­su­chen, mit den Netz­wer­ken zu ver­han­deln. Ei­nen Rechts­an­spruch aus dem Net­zDG ha­ben sie nicht.

Pro­fes­sor Marc Lie­sching sieht im Overblocking da­her nicht nur ei­nen Ver­stoß ge­gen die Mei­nungs­frei­heit, son­dern auch ge­gen die ver­fas­sungs­recht­lich ga­ran­tier­te In­for­ma­ti­ons­frei­heit. Wenn le­ga­le Bei­trä­ge aus Angst vor dem Net­zDG aus dem Netz ge­löscht wer­den, ste­hen sie nicht mehr als In­for­ma­tio­nen zur po­li­ti­schen Mei­nungs­bil­dung zur Ver­fü­gung. In­ter­es­sier­ten wird da­mit die Mög­lich­keit ge­nom­men, sich wei­ter­zu­bil­den.

Schel­te be­kommt das Net­zDG zu­sätz­lich, weil durch die Vor­schrift pri­va­te An­bie­ter zu Rich­tern über In­hal­te ge­macht wür­den. Ei­ne Auf­ga­be, die ei­gent­lich ech­ten Rich­tern vor­be­hal­ten ist. Dem Vor­wurf schlie­ßen sich die be­trof­fe­nen Un­ter­neh­men an: „Das Ge­setz macht uns zu Rich­tern, Ge­schwo­re­nen und Voll­stre­ckern, und ich den­ke, das ist ei­ne schlech­te Idee”, zi­tiert dpa Face­books Kom­mu­ni­ka­ti­ons­und Po­li­tik­chef El­li­ot Schrä­ge [goo.gl/8h9g1g]. Ei­ne On­li­nePlatt­form sol­le nicht die po­li­ti­sche De­bat­te in Deutsch­land be­stim­men, so Schrä­ge.

SCHMUTZ MUSS WEG

Das Net­zDG scheint zu­min­dest ei­nes sei­ner Zie­le zu er­fül­len: Der „Schmutz”, soll hei­ßen „rechts­wid­ri­ger In­halt”, wird kon­se­quent ge­löscht. In ei­ner Stu­die von ju­gend­schutz.net war die Si­tua­ti­on vor dem Ge­setz eher durch­wach­sen [goo. gl/Kdo8DG]. Be­an­stan­de­te In­hal­te sei­en nicht von al­len Be­trei­bern kon­se­quent ge­löscht wor­den. Der be­tref­fen­de Test fand An­fang 2017 statt. Da­bei wur­den 540 mut­maß­lich straf­ba­re Bei­trä­ge an Face­book, Twit­ter und Youtube ge­mel­det. Zu­nächst über ein an­ony­mes Stan­dard-User-Kon­to, dann über ein ak­kre­di­tier­tes ju­gend­schutz.net-Kon­to (bei Twit­ter und Youtube). Wur­den die Bei­trä­ge im­mer noch nicht ge­löscht, nutz­ten die Tes­ter ei­nen ei­ge­nen E-Mail-Kon­takt beim je­wei­li­gen Di­enst.

Die gu­te Nach­richt: Nach der E-Mail wur­den bei Youtube und Twit­ter 100 Pro­zent der be­an­stan­de­ten Bei­trä­ge aus dem Web ge­nom­men, bei Face­book im­mer­hin 93 Pro­zent, der Groß­teil in­ner­halb von 24 St­un­den. We­sent­lich schlech­ter sah es für die Mel­dun­gen von Stan­dard-Usern aus: Spit­zen­rei­ter ist hier Youtube. Der Di­enst lösch­te 90 Pro­zent der straf­ba­ren Bei­trä­ge, da­von 82 Pro­zent in­ner­halb von 24 St­un­den. Face­book ent­fern­te da­ge­gen nur 39 Pro­zent der ge­mel­de­ten straf­ba­ren Pos­tings, im­mer­hin 33 Pro­zent in­ner­halb von 24 St­un­den. Da­bei ver­schlech­ter­te sich der Di­enst ge­gen­über ei­nem vor­her­ge­hen­den Test noch um 7 Pro­zent. Schluss­licht blieb mit wei­tem Ab­stand Twit­ter. Der Di­enst nahm nur 1 Pro­zent der be­an­stan­de­ten straf­ba­ren Posts vom Web, kei­nen ein­zi­gen in­ner­halb von 24 St­un­den. Hin­zu kommt laut ju­gend­schutz.net, dass eben­so wie bei Face­book deut­sche Straf­tat­be­stän­de nicht voll­stän­dig in den Be­schwer­de­richt­li­ni­en ab­ge­bil­det sind. Youtube ist auch hier Mus­ter­kna­be: Es gibt ein ei­ge­nes Be­schwer­de­for­mu­lar für den Tat­be­stand der Volks­ver­het­zung.

PO­SI­TI­VE EU-STU­DIE

Doch die Mei­nun­gen über die Lösch­mo­ral der so­zia­len Net­ze sind ge­teilt. We­sent­lich po­si­ti­ver sieht ei­ne Stu­die der EU die Si­tua­ti­on, die im De­zem­ber 2017 durch­ge­führt wur­de. 70 Pro­zent der be­an­stan­de­ten Hass­re­den im Web sei­en von Twit­ter, Youtube und Face­book ge­löscht wor­den. Die Un­ter­neh­men hät­ten ih­re Lösch­quo­te im Ver­gleich zu zwei vor­her­ge­hen­den Stu­di­en (Mai 2017 und De­zem­ber 2016) ver­bes­sert. Von den ge­lösch­ten Hass­re­den sei­en knapp 82 Pro­zent in­ner­halb von 24 St­un­den ent­fernt wor­den. Wei­te­re 10 Pro­zent ver­schwan­den in­ner­halb von 48 St­un­den. In Deutsch­land lag die Lösch­quo­te so­gar bei 100 Pro­zent. Al­ler­dings un­ter­such­ten die EU-For­scher hier auch nur 45 Fäl­le. Ins­ge­samt sei­en in ganz Eu­ro­pa für die Stu­die 2.982 Fäl­le ge­mel­det wor­den, da­von 1.802 als Stan­dard-User. Für die rest­li­chen Be­schwer­den wur­den spe­zi­el­le Ka­nä­le für be­son­ders ver­trau­ens­wür­di­ge An­wen­der be­nutzt.

Zur EU-Stu­die sag­te die EUJus­tiz­kom­mis­sa­rin Ve­ra Jou­ro­vá dem Spie­gel [goo.gl/Gwqzu9]: „Un­ser Ziel war nie, dass die So­ci­al-Me­dia-Platt­for­men 100 Pro­zent der be­an­stan­de­ten In­hal­te lö­schen, das ist ein ent­schei­den­der Un­ter­schied zum deut­schen Ge­setz.” Es ge­be ei­ne fei­ne Un­ter­schei­dung zwi­schen In­hal­ten, die

noch un­ter die Mei­nungs­frei­heit fal­len, und il­le­ga­len In­hal­ten nach dem eu­ro­päi­schen Recht. „Die Ab­schre­ckungs­wir­kung des deut­schen Ge­set­zes funk­tio­niert, aber sie funk­tio­niert viel­leicht zu gut. Ich bin mir nicht si­cher, ob ich mir das für ganz Eu­ro­pa wün­sche”, meint Jou­ro­vá. Di­plo­ma­tisch zeig­te die Kom­mis­sa­rin je­doch Ver­ständ­nis für Jus­tiz­mi­nis­ter Maas’ Ge­setz. Sie ha­be von ih­rem deut­schen Kol­le­gen er­schre­cken­de Zah­len über die Zu­nah­me der Hass­bot­schaf­ten im Web ge­zeigt be­kom­men. Ein gro­ßer Teil der deut­schen Ge­sell­schaft er­war­te jetzt, dass die Bun­des­re­gie­rung et­was da­ge­gen un­ter­neh­me.

KRI­TIK VON JU­RIS­TEN

Nicht al­le be­wer­ten das Net­zDG je­doch so groß­zü­gig. Pro­fes­sor Tho­mas Hoe­ren von der Uni­ver­si­tät Müns­ter sieht z.B. ei­nen Ver­stoß ge­gen das Her­kunfts­land­prin­zip der eu­ro­päi­schen E-Com­mer­ce-Richt­li­nie [goo.gl/OVIt­fW]. Da­nach dür­fen ei­nem Un­ter­neh­men in ei­nem EU-Land kei­ne stren­ge­ren Vor­schrif­ten auf­ge­bür­det wer­den als in sei­nem Her­kunfts­land. Ein­zi­ge Aus­nah­me: Die Maß­nah­men die­nen dem „Schutz der öf­fent­li­chen Ord­nung”, al­so zur Ver­hin­de­rung oder Ver­fol­gung von Straf­ta­ten oder dem Ju­gend­schutz. Au­ßer­dem müs­sen sie in Hin­sicht auf die Ge­fahr ver­hält­nis­mä­ßig sein. Hier liegt das Pro­blem. Denn ne­ben an­de­ren ju­ris­ti­schen Be­den­ken hält Hoe­ren das Ge­setz für nicht ver­hält­nis­mä­ßig. Für den Nut­zen, näm­lich die Lö­schung von rechts­wid­ri­gen Äu­ße­run­gen, sei­en die Aus­wir­kun­gen auf die Mei­nungs­frei­heit zu groß. Ne­ben „Overblocking” ge­be es die „Sche­re im Kopf”: Das heißt, aus Angst vor ju­ris­ti­schen Strei­te­rei­en und Stra­fen ver­zich­te­ten vie­le An­wen­der von vorn­her­ein auf kri­ti­sche Äu­ße­run­gen – ei­ne Ge­fahr für die Mei­nungs­frei­heit.

Lie­sching weist auf wei­te­re ju­ris­ti­sche Pro­ble­me des Ge­set­zes hin. Da gibt es zum ei­nen den Wi­der­spruch mit dem Straf­ge­setz­buch. Da­nach muss ei­ne Straf­tat in Deutsch­land be­gan­gen wor­den sein, um in Deutsch­land rechts­wid­rig zu sein. Im Net­zDG wird aber nicht da­nach un­ter­schie­den, wo der rechts­wid­ri­ge In­halt ins Web ge­langt ist.

Selt­sam er­scheint auch die Be­schrän­kung auf Netz­wer­ke ab zwei Mil­lio­nen An­wen­dern. Der Ver­band Bit­kom kri­ti­siert, dass die Nut­zer­zah­len nicht so leicht zu er­he­ben sei­en. Au­ßer­dem ist frag­lich, ob straf­wür­di­ge Äu­ße­run­gen in klei­ne­ren Netz­wer­ken mit über ei­ner Mil­li­on Nut­zern to­le­riert wer­den sol­len, weil für sie das Net­zDG nicht gilt.

Ei­ne wei­te­re For­de­rung des Ge­set­zes ist, dass die Be­trei­ber der Netz­wer­ke zehn Wo­chen lang ei­ne Ko­pie der ge­lösch­ten In­hal­te auf­be­wah­ren müs­sen. Das füh­re et­wa im Fall von Kin­der­por­no­gra­fie zu ei­ner ab­sur­den Si­tua­ti­on, meint Lie­sching. In Deutsch­land ist näm­lich der Be­sitz ein­schlä­gi­ger Bil­der straf­bar. Das Ge­setz wür­de al­so die Be­trei­ber da­zu zwin­gen, ei­ne straf­ba­re Hand­lung zu be­ge­hen: sprich die il­le­ga­len Bil­der auf ei­nem Ser­ver zu spei­chern.

Ein wei­te­rer Punkt ist in der Dis­kus­si­on fast un­ter­ge­gan­gen. In Ar­ti­kel 2 ist näm­lich ei­ne Än­de­rung des Tele­me­di­en­ge­set­zes ent­hal­ten: Da­nach kön­nen An­wen­der, die durch rechts­wid­ri­ge In­hal­te ge­schä­digt wur­den, die Be­nut­zer­da­ten des Ver­ur­sa­chers vom je­wei­li­gen so­zia­len Netz­werk be­kom­men, um zum Bei­spiel ein zi­vil­recht­li­ches Ver­fah­ren we­gen Be­lei­di­gung ein­zu­lei­ten. Wenn man über­legt, dass die so­zia­len Net­ze of­fen­sicht­lich recht schnell mit der Lö­schung sind, könn­te das ei­ne Ge­fahr für die Pri­vat­sphä­re der An­wen­der dar­stel­len. Im­mer­hin sieht das Ge­setz vor, dass der Aus­kunfts­an­spruch von ei­nem Ge­richt über­prüft wird. Die Zu­kunft wird zei­gen, wie groß­zü­gig die Ge­rich­te mit sol­chen Aus­kunfts­an­sprü­chen um­ge­hen.

KOS­TEN DES GE­SET­ZES

Am En­de kos­tet das Net­zDG ei­ne Men­ge Geld. Die so­zia­len Netz­wer­ke müs­sen Be­schwer­de­be­auf­trag­te ein­stel­len, die Fäl­le be­wer­ten und Be­rich­te schrei­ben. Schließ­lich ist ei­ne In­fra­struk­tur für das Be­schwer­de­ma­nage­ment nö­tig. Im Re­gie­rungs­ent­wurf rech­net man mit 28 Mil­lio­nen Eu­ro jähr­lich für al­le be­trof­fe­nen An­bie­ter zu­sam­men. Für das Net­zDG ist au­ßer­dem ein Be­hör­den-Bud­get von vier Mil­lio­nen Eu­ro jähr­lich vor­ge­se­hen. Da­zu kommt ei­ne ein­ma­li­ge Aus­ga­be von 350.000 Eu­ro für die not­wen­di­ge ITAus­stat­tung.

Der IT-Bran­chen­ver­band Bit­kom kri­ti­siert die­se Schät­zung und rech­net statt­des­sen mit 530 Mil­lio­nen Eu­ro. Al­lein schon für die Er­stel­lung der Be­rich­te sei­en rund 20 Mil­lio­nen Eu­ro im Jahr not­wen­dig. Das lie­ge un­ter an­de­rem dar­an, dass nicht nur zehn Un­ter­neh­men vom Net­zDG be­trof­fen sei­en, man ge­he eher von hun­dert Un­ter­neh­men aus. Für das Be­schwer­de­ma­nage­ment müs­se ein gro­ßes so­zia­les Netz­werk rund 1.000 Mit­ar­bei­ter ein­stel­len. Das be­deu­tet jähr­li­che Kos­ten von 100.000 Eu­ro pro Mit­ar­bei­ter. Da­mit müss­ten die gro­ßen An­bie­ter mit Mehr­kos­ten von 100 Mil­lio­nen Eu­ro im Jahr rech­nen. Auch die Kos­ten für den vom Net­zDG ge­for­der­ten Zu­stel­lungs­be­auf­trag­ten, den An­sprech­part­ner für Be­schwer­den in Deutsch­land, sei­en viel hö­her. Bit­kom spricht von rund 10 Mil­lio­nen Eu­ro. Das lie­ge wie­der­um dar­an, dass we­sent­lich mehr Fir­men von den Re­ge­lun­gen des Net­zDG be­trof­fen sei­en als im Re­gie­rungs­ent­wurf an­ge­nom­men.

Jan Ka­den stu­dier­te zu­nächst Sprach­wis­sen­schaf­ten und stieg dann über ein Ta­ges­zei­tungs­vo­lon­ta­ri­at in den Jour­na­lis­mus ein. Seit 1998 ist er – vor­wie­gend beim PC Ma­ga­zin – ITJour­na­list. Er be­schäf­tigt sich mit Si­cher­heits­the­men und Be­triebs­sys­te­men.

Kom­men­tie­ren: screen­gui.de/38/net­zdg

Abb. 1: Laut taz be­kam auch die Ber­li­ner Rap­pe­rin Soo­kee die Fol­gen des Net­zDG zu spü­ren. Ihr Vi­deo „Zu­sam­men­hän­ge”, das seit 2013 im Web steht, ver­schwand aus Youtube.

(Fo­to: EU)

Abb. 3: Die EU-Jus­tiz­kom­mis­sa­rin Ve­ra Jou­ro­vá strebt zum Schutz der Mei­nungs­frei­heit im Un­ter­schied zum deut­schen Ge­setz kei­ne hun­dert­pro­zen­ti­ge Lösch­quo­te bei Hass­bot­schaf­ten im Netz an.

Abb. 2: Ei­ne Stu­die über die Lösch­quo­ten von Face­book, Twit­ter und Youtube, her­aus­ge­ge­ben von Ju­gend­schutz.net, war ei­ner der An­läs­se für das Net­zDG.

Abb. 4: Youtube er­klärt den Be­nut­zern in der On­li­ne-Hil­fe, was sie tun kön­nen, wenn sie ein Vi­deo mit Hass­re­den ent­de­cken.

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