Blog­ging won’t sa­ve the world

SCREENGUIDE - - Inneres - TEXT: Fre­de­ric Hem­ber­ger Fre­de­ric Hem­ber­ger ist selbst­stän­di­ger Webent­wick­ler und Be­ra­ter aus Köln. Seit 1996 ist er in die­sem In­ter­net un­ter­wegs, ein Jahr spä­ter bau­te er sei­ne ers­te Web­site. Seit­dem hat ihn die Fas­zi­na­ti­on des Webs nicht mehr los­ge­lass

Kolumne: Wie das Web sei­nen Ur­sprungs­geist ver­lo­ren hat

Der De­si­gner Oli­ver Rei­chen­stein schreibt in sei­nem Blog, wie das Web für ihn sei­nen Ur­sprungs­geist ver­lo­ren ha­be: Es feh­le das „Web”, die Ver­net­zung von ver­teil­ten In­hal­ten sei an vie­len Stel­len den Da­ten-Si­los von Goog­le, Face­book und Ama­zon ge­wi­chen – für ihn mo­no­ton und lang­wei­lig [goo.gl/1m1c­jp]. Ein Er­klä­rungs­ver­such.

Als Mit­te der 1990er-Jah­re erst­mals die Zahl der pri­va­ten In­ter­net-Nut­zer die der wis­sen­schaft­li­chen Nut­zer über­stieg, ver­dräng­ten zu­se­hends Such­ma­schi­nen und Por­ta­le die zum Teil hän­disch ge­pfleg­ten Link-Lis­ten und „We­brin­ge”. Die ers­ten On­li­ne-Shops folg­ten kurz dar­auf. Heute ist für Goog­le die Su­che le­dig­lich ei­ner von vie­len Ge­schäfts­be­rei­chen. Aus dem Buch­händ­ler Ama­zon wur­de ei­ne Ver­triebs­platt­form für fast sämt­li­che Wa­ren und di­gi­ta­len Me­di­en. Und über Face­book, den haus­ei­ge­nen Mes­sen­ger und Whats­App kom­mu­ni­zie­ren heute Mil­lio­nen Men­schen täg­lich. Al­le die­se Platt­for­men ha­ben ei­nes ge­mein­sam: Sie bie­ten ei­ne ge­rin­ge Ein­stiegs­hür­de. Ein Ac­count ist ent­we­der be­reits vor­han­den oder schnell kos­ten­los er­stellt. Wer al­so oh­ne­hin schon mal da ist, nutzt ger­ne die zu­sätz­li­chen An­ge­bo­te. Bei so­zia­len Me­di­en greift da­zu noch der Netz­wer­kEf­fekt: Nut­zer ent­schei­den sich für die Platt­form, auf der sich auch Freun­de und Be­kann­te tum­meln. Die­se an­ge­neh­me Be­quem­lich­keit ist aber nicht frei von Pro­ble­men: Die Vi­si­on der Ur­vä­ter des In­ter­nets war es, durch frei­en Zu­gang zu Wis­sen und In­for­ma­tio­nen ei­ne gleich­be­rech­tig­te Teil­nah­me an ei­nem brei­te­ren ge­sell­schaft­li­chen Dis­kurs zu er­mög­li­chen, Trans­pa­renz soll­te ein of­fe­nes und de­mo­kra­ti­sches Mit­ein­an­der för­dern. Heute gel­ten aber in­ner­halb der „um­zäun­ten Gär­ten” der gro­ßen Platt­for­men auch de­ren Spiel­re­geln: Wel­che In­hal­te ich zu se­hen be­kom­me oder selbst ver­öf­fent­li­chen kann, liegt letz­ten En­des in ih­rer Hand. Es gibt da­her vie­le Leu­te, die ver­stärkt zu ei­nem of­fe­nen, ver­teil­ten Netz zu­rück­möch­ten, in dem we­der An­bie­ter noch Al­go­rith­men über die In­hal­te und ih­re Sicht­bar­keit be­stim­men. Die­ser wie­der auf­kei­men­de Pio­nier­geist bie­tet ei­ne gu­te Ge­le­gen­heit, wie­der mehr mit neu­en For­ma­ten und In­hal­ten zu ex­pe­ri­men­tie­ren, weg­zu­kom­men von rein auf­merk­sam­keits­ge­trie­be­nem, kli­ck­op­ti­mier­tem Con­tent. Es wird wie­der Zeit für Ent­de­cker, Neu­land zu er­kun­den, wie­der ak­tiv ei­ge­ne Ni­schen zu schaf­fen und sich wie­der neu mit an­de­ren zu ver­net­zen. Der dar­aus ent­ste­hen­de Plu­ra­lis­mus der Qu­el­len und der Wunsch nach mehr Di­ver­si­tät er­mög­li­chen es auch bis­her lei­sen Stim­men, neu ge­hört zu wer­den. Das Netz wird wie­der mehr ei­ne kom­ple­xe Samm­lung vie­ler un­ter­schied­li­cher In­ter­es­sen, ge­sell­schaft­li­cher und kul­tu­rel­ler Wer­te und Vor­stel­lun­gen. Wir als Nut­zer müs­sen uns aber die­ser In­ter­es­sen und Hin­ter­grün­de stets be­wusst sein, denn nicht je­der Mit­spie­ler meint es gut. Die rei­ne Tech­nik be­freit nie­man­den vom SelbstNach­den­ken und kri­ti­schen Hin­ter­fra­gen. Im Ge­gen­teil. Wie wir mit In­for­ma­tio­nen um­ge­hen, ih­re Qu­el­len be­wer­ten und sie sinn­voll in ei­nen Ge­samt­kon­text ein­ord­nen, ist die ele­men­ta­re Gr­und­fer­tig­keit der In­for­ma­ti­ons­ge­sell­schaft, in der wir heute le­ben. Es wä­re leicht­fer­tig, die­se Beur­tei­lun­gen an­de­ren zu über­las­sen und es sich in der ei­ge­nen Fil­ter­bla­se be­quem zu ma­chen. Das In­ter­net wird sich – genau wie un­se­re Art, es zu be­nut­zen – ste­tig wei­ter­wan­deln, so­dass wir kon­ti­nu­ier­lich ler­nen müs­sen, wie dar­in un­ter­schied­li­che In­ter­es­sen ne­ben­ein­an­der ko­exis­tie­ren kön­nen. Oli­ver Rei­chen­stein zieht für sich selbst dar­aus die Kon­se­quenz, wie­der mehr auf sei­ner ei­ge­nen Web­site blog­gen zu wol­len, auch wenn er weiß, dass Blog­gen al­lein nicht die Welt ret­ten wird: „Blog­ging won’t sa­ve the world” – aber schlecht sein kann die­se Idee schon mal nicht. Vie­len Dank an Ni­co Brün­jes, auf des­sen Couch­blog die ers­ten Ge­dan­ken zu die­sem Text ent­stan­den sind [goo.gl/yTh­fFk].

Twit­ter: @fhem­ber­ger Kom­men­tie­ren: screen­gui.de/38/blog­ging

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