In­ter­view mit Bar­ba­ra Fi­scher, Pro­jekt­lei­te­rin von „Co­ding da Vin­ci”

SCREENGUIDE - - Hackathon | Kreation -

Wie kam die Idee zu­stan­de, ei­nen Hacka­thon zur in­ter­dis­zi­pli­nä­ren Ar­beit von Kul­tur­schaf­fen­den, Kul­tur­in­sti­tu­tio­nen und Ent­wick­lern mit of­fe­nen Da­ten zu ver­an­stal­ten?

Es gab 2014 schon welt­weit ein­zel­ne Hacka­thons aus­schließ­lich mit Kul­tur­da­ten, aber noch kein For­mat in Deutsch­land. Die Idee ent­stand zwi­schen der Open Know­ledge Foun­da­ti­on und mir am Ran­de der re:pu­bli­ca. Wir ha­ben dann noch zwei Part­ner, die Deut­sche Di­gi­ta­le Bi­b­lio­thek und die Ser­vice­stel­le Di­gi­ta­li­sie­rung Ber­lin, ins Boot ge­holt. Schnell wur­de dar­aus ein spe­zi­el­ler Hacka­thon mit Kick-off, Sprint und Preis­ver­lei­hung. Ein at­trak­ti­ver Rah­men für die Zu­sam­men­ar­beit zwi­schen Mu­se­ums­leu­ten und Co­dern.

Kön­nen Sie den An­teil der Pro­jek­te nen­nen, die schon vor dem Kick-off-Event ge­plant wur­den und es dann bis zum En­de des Sprints und da­mit zum Pro­jekt­ab­schluss schaff­ten?

Mei­nes Wis­sens sind al­le Pro­jekt­ide­en erst auf dem Kick-off ent­stan­den. Dort fan­den die Teil­neh­mer auch erst zu den Teams zu­sam­men. Von 25 Pro­jekt­ide­en beim Pro­jekt­pitch/ Hack­da­sh ha­ben 15 bis zur Preis­ver­lei­hung durch­ge­hal­ten.

Was war Ihr schöns­tes oder auch fas­zi­nie­rends­tes Er­leb­nis wäh­rend des nun ab­ge­schlos­se­nen Hacka­thons?

„Marbles of Re­mem­bran­ce”: Auf ei­ner Fach­ta­gung für Ar­chi­va­re be­rich­te­te ei­ne In­sti­tu­ti­on von Co­ding da Vin­ci, an der sie 2016 oder 2015 mit­ge­macht hat­te. Das hör­te ei­ne Kol­le­gin des In­ter­na­tio­nal Tra­c­ing Ser­vice Bad Arolsen Ar­chiv, in­for­mier­te sich, be­geis­ter­te ih­re Lei­tung und mel­de­te sich mit ei­nem Satz Me­t­a­da­ten als da­ten­ge­ben­de In­sti­tu­ti­on bei Co­ding da Vin­ci an. Die ei­gent­lich op­tisch nicht so span­nen­den Da­ten fas­zi­nier­ten gleich zwei Pro­jekt­teams auf dem Kick-off. Sie re­kla­mier­ten je­doch die Dürf­tig­keit der Me­t­a­da­ten. Noch auf dem Kick-off (am Wo­che­n­en­de!) er­wirk­ten die Mit­ar­bei­ter ei­ne er­wei­ter­te Frei­ga­be der Da­ten von der Ar­chiv­lei­tung. Im Sprint bau­te ein Team die Pro­jekt­idee in Zu­sam­men­ar­beit mit dem Ar­chiv wei­ter aus, in­dem es die Da­ten mit wei­te­ren Da­ten­sät­zen ver­knüpf­te. Her­aus kam ein ge­lun­ge­nes Stück Ge­denk­kul­tur zu den Ver­bre­chen der Na­zi­zeit mit den Mit­teln mo­derns­ter Tech­no­lo­gie, ei­nem Chat­bot, der dem Ver­ges­sen an­heim­ge­fal­le­ne jü­di­sche Mit­men­schen beim Durch­strei­fen der Stadt Ber­lin in die Ge­gen­wart holt. Die Ju­ry zeich­ne­te das Pro­jekt in der Ka­te­go­rie „out of com­pe­ti­ti­on” aus.

Sie kön­nen mitt­ler­wei­le auf vier Jah­re Er­fah­rung zu­rück­bli­cken, 2018 folgt er­neut ein re­gio­na­les Hacka­thon in Leip­zig als „Co­ding da Vin­ci Ost”. Wie be­ur­tei­len Sie die bis­he­ri­ge

Ent­wick­lung der Re­zep­ti­on und Ak­zep­tanz im Kul­tur­be­reich: Wur­den und wer­den die Ver­an­stal­tun­gen und die kon­kret ge­ne­rier­ten Pro­jek­te aus­rei­chend wahr­ge­nom­men und ge­wür­digt?

Was ist schon ge­nug? Doch ja, wir sind sehr zu­frie­den mit dem, was wir bis heute er­reicht ha­ben. Ins­be­son­de­re in den bei­den Ziel­grup­pen Co­der und Kul­tur­in­sti­tu­tio­nen sind wir in­zwi­schen ganz gut ein­ge­führt. Lei­der feh­len uns die per­so­nel­len und zum Teil auch die fi­nan­zi­el­len Mit­tel, um die Pro­jekt­teams in der Zu­sam­men­ar­beit mit den Kul­tur­ein­rich­tun­gen so ef­fek­tiv un­ter­stüt­zen zu kön­nen, dass die Pro­jek­te auch nach der Preis­ver­lei­hung wei­ter­ent­wi­ckelt wer­den und fes­te Plät­ze in den Häu­sern be­kom­men. Dar­an ar­bei­ten wir zur­zeit.

Bis vor et­wa zehn Jah­ren reich­te es aus, wenn Lei­ter von Kul­tur­in­sti­tu­tio­nen im In­ter­net re­cher­chie­ren so­wie E-MailAn­hän­ge öff­nen und ver­schi­cken konn­ten. Heute müs­sen sie weit­rei­chen­de Ent­schei­dun­gen über ver­schie­de­ne So­ci­alMe­dia-Kam­pa­gnen, Stra­te­gi­en zu di­gi­ta­ler Kul­tur- und Kunst­ver­mitt­lung oder den zeit­ge­mä­ßen Re­launch ei­ner Web­site tref­fen. Se­hen Sie Co­ding da Vin­ci auch hier in ei­ner Vor­rei­ter­rol­le, um Be­den­ken oder fal­sche Scheu im Um­gang mit di­gi­ta­len Stra­te­gi­en ei­ner „Kul­tur 4.0” ab­zu­bau­en?

Ab­ge­se­hen da­von, dass wir im Kul­tur­be­reich von 4.0 noch weit ent­fernt sind (2.0 ist ja noch für vie­le Neu­land), bin ich zu­ver­sicht­lich, dass Co­ding da Vin­ci sehr wich­tig ist, um Ent­schei­dern in den Kul­tur­ein­rich­tun­gen zu ver­an­schau­li­chen, wel­ches Po­ten­zi­al den Mög­lich­kei­ten des Re-Use von di­gi­ta­li­sier­tem Kul­tur­gut in­ne­wohnt. Zu­gleich ver­mit­teln wir den Wert von frei­en Li­zen­zen und schaf­fen Kon­takt zu Co­dern.

Vie­le Kul­tur­be­rei­che tun sich nach wie vor schwer mit ei­nem un­ge­zwun­ge­nen Um­gang be­züg­lich Di­gi­ta­li­sie­rung, dem Selbst­ver­ständ­nis von of­fe­nen Da­ten und ei­ner sich kom­plett ver­än­dern­den Me­dien­land­schaft. Gab es klar er­kenn­ba­re Un­ter­schie­de bei der Ak­zep­tanz auch ku­rio­ser oder wit­zi­ger Pro­jek­te bei den ver­schie­de­nen Trä­gern und Ent­schei­dern in­ner­halb ei­ner he­te­ro­ge­nen Kul­tur­land­schaft?

Es wird mit den Jah­ren et­was leich­ter. Die Deut­sche Di­gi­ta­le Bi­b­lio­thek hilft und auch die vir­tu­el­le Bi­b­lio­thek Eu­ro­pea­na. Auch dass vie­le Häu­ser heute ei­ge­ne Apps ha­ben oder sich zu­min­dest wün­schen und da­her auch wis­sen, was die­se kos­ten, trägt da­zu bei, das In­ter­es­se an Co­ding da Vin­ci zu för­dern. Na­tür­lich sind An­wen­dun­gen wie der „zzZwit­sch­er­we­cker” oder Zeit­blick gu­te Tür­öff­ner, weil sie leicht zu er­klä­ren sind und man sie auf dem Han­dy zei­gen kann [goo.gl/1J7niq] [goo.gl/ k9p­z5U]. Wä­ren al­le Pro­jek­te wie „Ex­plo­ring the Hid­den Kos­mos”, wür­de ih­re Kom­ple­xi­tät, glau­be ich, für Un­ver­ständ­nis oder Un­glau­ben sor­gen. Aber an­sons­ten spielt die ein­zel­ne An­wen­dung nicht so ei­ne gro­ße Rol­le. Eher die Fre­quenz, mit der auf Fach­kon­fe­ren­zen Co­ding da Vin­ci als tol­les Pro­jekt ge­nannt wird.

Ei­ni­ge Kul­tur- und vor al­lem Kun­st­in­sti­tu­tio­nen be­har­ren noch im­mer auf Da­ten­ho­heit und Nut­zungs­rech­ten. Se­hen Sie Co­ding da Vin­ci dies­be­züg­lich auch als wich­ti­ge Ant­wort auf die Fra­ge, wem das Wis­sen und die Da­ten ge­hö­ren sol­len?

Ja, na­tür­lich. Ei­nes un­se­rer Zie­le mit Co­ding da Vin­ci ist es, für die Ver­wen­dung von frei­en Li­zen­zen zu wer­ben. Pu­b­li­cDo­main-Kul­tur­gut soll­te im Di­gi­ta­len open by de­fault sein.

Was bei der Auf­lis­tung der Pro­jek­te so­fort auf­fällt, ist die im Ver­gleich zu an­de­ren IT-Events recht ho­he Be­tei­li­gung von Frau­en. Kann Co­ding da Vin­ci hier ei­ne Vor­bild­funk­ti­on ha­ben?

Viel­leicht spielt hier im Ver­gleich zu bei­spiels­wei­se Ver­kehrs­da­ten der Bahn ei­ne hö­he­re Af­fi­ni­tät der Frau­en für Kul­tur­the­men ei­ne Rol­le. Es hat sich aber auch her­um­ge­spro­chen, dass Co­ding da Vin­ci kei­ne Män­ner­do­mä­ne ist, so fällt es viel­leicht zö­gern­den Frau­en leich­ter, sich da­für zu ent­schei­den. In­ter­es­sant fand ich aber gera­de 2017 die schein­ba­re Leich­tig­keit, mit der sich Teams fan­den. Gen­der, Na­tio­na­li­tät oder Al­ter schie­nen nicht so re­le­vant ge­we­sen zu sein.

Man­che Ent­wick­ler be­die­nen das Kli­schee in­di­vi­du­el­ler Ei­gen­bröt­ler, wäh­rend Kul­tur­schaf­fen­de in der Re­gel als team­freu­di­ge und auf­ge­schlos­se­ne Netz­wer­ker gel­ten. Wie ge­stal­te­te sich die Zu­sam­men­ar­beit in­ner­halb der Pro­jekt­grup­pen zu Co­ding da Vin­ci?

Das sind, glau­be ich, Kli­schees, de­nen man bei Co­ding-daVin­ci-Teams eher nicht be­geg­net. Grund­sätz­lich ha­ben wir die Er­fah­rung ge­macht, dass es wich­tig ist, Or­te der Be­geg­nung zu schaf­fen – wie den Kick-off, aber auch die an­schlie­ßen­den Meet-ups, die zu­min­dest von 20 % der Teams re­gel­mä­ßig zur Ar­beit im „re­al Li­fe” ge­nutzt wur­den. Au­ßer­dem be­stim­men die Teams ja selbst, was sie ar­bei­ten wol­len. Sie be­kom­men kei­ne Vor­ga­ben von den Kul­tur­ein­rich­tun­gen. Sie sind Frei­wil­li­ge. Fast al­le Ar­bei­ten sind Team­ar­bei­ten.

Wie möch­ten Sie das Po­ten­zi­al von Co­ding da Vin­ci in den nächs­ten Jah­ren wei­ter­ent­wi­ckeln?

Das ist auch ei­ne Fra­ge des Gel­des. Als Grün­der möch­ten wir gern zwei Hacka­thons im Jahr mit lo­ka­len Ver­an­stal­ter­teams wie jetzt in Leip­zig aus­rich­ten und ei­ne Struk­tur be­reit­stel­len, die die Nach­hal­tig­keit bes­ser ge­währ­leis­ten kann. Es wä­re wun­der­voll, wenn es uns mit For­ma­ten wie Co­ding da Vin­ci ge­län­ge, das Kul­tur­er­be Eu­ro­pas nicht nur für die Be­trach­ter, son­dern auch für die krea­ti­ve Nach­nut­zung zu öff­nen.

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