„Mit mei­nem Bein ver­lor ich auch al­len Le­bens­mut… “ Ei­ne Schick­sals­ge­schich­te, die Mut macht

Was für ei­ne be­we­gen­de Ge­schich­te: Nach ei­ner tra­gi­schen Am­pu­ta­ti­on und jah­re­lan­gem Lei­den fin­det Jaque­line die Kraft, die Al­pen zu über­que­ren. Auf nur ei­nem Bein. Hier er­zählt die 31-Jäh­ri­ge, war­um ihr Glau­be an sich selbst heu­te stark ist wie nie

SHAPE (Germany) - - Inhalt / Juni -

SSchwer at­mend bleibt Jaque­line ste­hen, lehnt sich über die Geh­stüt­zen nach vorn. Ihr Herz rast! Das schweiß­nas­se T-Shirt klebt am Rü­cken, die Hän­de tun weh. Trotz­dem ist sie glück­lich. Denn vor ihr liegt, schein­bar zum Grei­fen nah, das Ta­ges­ziel: die Zug­spit­ze, mit 2.962 Me­tern Deutsch­lands höchs­ter Berg. „Bald ste­he ich da oben auf dem Gip­fel“, sagt sie lei­se und lä­chelt. Dass die 31-Jäh­ri­ge nach ih­rer Bein­am­pu­ta­ti­on je­mals wie­der Sport ma­chen wür­de, ge­schwei­ge denn die Al­pen über­que­ren – das hät­te sie noch vor ein paar Jah­ren für un­mög­lich ge­hal­ten … Was be­deu­tet Sport für dich? „Er hat schon im­mer ei­ne gro­ße Rol­le ge­spielt. Als Ju­gend­li­che tanz­te ich auf Pro­fi-Ni­veau Bal­lett. Doch mit 15 hat­te ich dann ei­nen Bän­der­riss, der mein Le­ben für im­mer ver­än­der­te.“ Was ist da­mals ge­nau pas­siert? „Als Fol­ge der Ope­ra­ti­on am rech­ten Knö­chel be­kam ich ei­ne Ner­ven­ent­zün­dung, die nie wie­der ver­schwand. Die nächsten acht Jah­re ver­brach­te ich größ­ten­teils in Kli­ni­ken, un­ter­zog mich ver­schie­dens­ten Be­hand­lungs­me­tho­den. An Sport war nicht mehr zu den­ken – mei­ne nor­ma­le Ju­gend da­mit vor­bei. Doch es kam noch schlim­mer! Mit 23 sag­ten die Ärz­te, der Un­ter­schen­kel müs­se am­pu­tiert wer­den.“ Wie geht man mit so ei­ner Hi­obs­bot­schaft um? „Ich woll­te es nicht wahr­ha­ben. Ha­be mich ge­wei­gert. Klar, heu­te weiß ich, dass es die rich­ti­ge Ent­schei­dung war. Aber da­mals woll­te ich lie­ber ster­ben. Zum Glück ha­be ich fan­tas­ti­sche Freun­de, die mich am En­de über­zeugt ha­ben, es doch zu tun. Doch auch nach der Am­pu­ta­ti­on konn­te ich nicht mit dem Ge­dan­ken um­ge­hen, ein Bein we­ni­ger zu ha­ben. Ich gab mich auf, wur­de ab­hän­gig von dem Schmerz­mit­tel Mor­phin.“ Wie kamst du aus die­sem Tief wie­der raus? „In der Ent­zugs­kli­nik wur­de mir klar: Wenn ich so wei­ter­ma­che wie bis­her, kann ich mich auch gleich um­brin­gen. Da ent­schied ich mich zu kämp­fen. Ha­be mein Le­ben von ­ei­nem Tag auf den an­de­ren um­ge­krem­pelt. Ich zog von zu Hau­se aus, kauf­te mir ein Au­to, schrieb mich an der Uni ein – und fand so Stück für Stück mit ei­ser­nem Wil­len und kla­rem Kopf in den All­tag zu­rück.“

Jaque­line, Lai­la und Hund Loui wan­dern 30 Ta­ge am Stück. Von Gar­misch über die Zug­spit­ze bis nach Meran in Süd­ti­rol. 320 Ki­lo­me­ter und 3.500 Hö­hen­me­ter le­gen die drei da­bei zu­rück.

Was half dir da­bei am meis­ten? „Sport! Ich ha­be bei Freun­den in Bay­ern das Wan­dern trai­niert. Je­den Tag ein paar Me­ter wei­ter, hö­her. Ir­gend­wann ha­be ich es ge­schafft, mit mei­nen Leu­ten auf ei­ne Hüt­te zu wan­dern. Das war ein un­be­schreib­li­cher Glücks­mo­ment – und ich war an­ge­fixt. Ich mel­de­te mich zum Klet­ter­kurs an und war ir­gend­wann so gut, dass ich Klet­ter­stei­ge ge­hen konn­te. Und der ex­tre­me Sport hat noch ei­nen Vor­teil: Seit ich klet­te­re, ha­be ich kaum mehr Phan­tom­schmer­zen, konn­te mei­ne Me­di­ka­men­te re­du­zie­ren. Wenn ich mei­nen Kör­per re­gel­mä­ßig an sei­ne Gren­zen brin­ge, hat er für so was wie Schmer­zen näm­lich kei­ne Zeit.“Wan­dern und Klet­tern ist ei­ne Sa­che. Aber wie­so die Al­pen über­que­ren? „Weil ich es kann – auch auf ei­nem Bein. Das woll­te ich mir be­wei­sen. Und da­mit auch an­de­ren Mut ma­chen. Al­so zog ich im Au­gust 2016 mit der Fo­to­gra­fin Lai­la und mei­nem Misch­ling Loui los.“

Das war be­stimmt nicht ein­fach …

„Es gab de­fi­ni­tiv Tief­punk­te: als der Grat nach neun St­un­den Wan­de­rung zu schmal wur­de und wir um­keh­ren muss­ten, um die Rou­te neu zu pla­nen. Als mei­ne Krü­cken in den Schnee­fel­dern wie­der und wie­der ein­ge­bro­chen sind. Oder als ich auf al­len vie­ren über ei­nen Glet­scher krab­beln muss­te, weil die Krü­cken­auf­sät­ze ge­fro­ren wa­ren und ich die Spi­kes nicht be­fes­ti­gen konn­te. Nach dem Ab­stieg hat­te ich über der gan­zen Hand­flä­che ei­ne Bla­se, die sich ent­zün­de­te. Ich be­kam Fieber. Ja, da sind schon Trä­nen ge­flos­sen!“

Was hat die Stra­pa­zen wett­ge­macht?

„In der Na­tur schätzt man klei­ne Din­ge wie­der mehr. Ich freu­te mich über Blu- men, Mur­mel­tie­re, glit­zern­de St­ei­ne. Auch die Be­geg­nun­gen mit Men­schen sind in­ten­si­ver. Ein­mal traf ich ei­ne krebs­kran­ke Frau, die so er­grif­fen war von mei­ner Ge­schich­te, dass sie wei­nen muss­te. Ich hät­te ihr neuen Mut ge­ge­ben. Das hat mich glück­lich ge­macht. Denn ge­nau das ist es, was ich will: den Men­schen zei­gen, dass es sich im­mer lohnt zu kämp­fen.“

Heu­te hält Jaque­line Vor­trä­ge in Re­ha-Zen­tren. Ih­re Mes­sa­ge: „Nur weil ein Teil von euch fehlt, seid ihr trotz­dem noch der glei­che Mensch!“

Es geht ber­ga uf Die Gra­fik-De­si­gne­rin ist über sich selbst hin­aus­ge­wach­sen: „Ich will zei­gen, dass es sich lohnt, nie auf­zu­ge­ben!“

im­mer wei­ter Ob­wohl Eis und Schnee auf Krü­cken be­son­ders schwer zu be­wäl­ti­gen sind, will Jaque­line es un­be­dingt über die Al­pen schaf­fen

Best Bud­dy … und Frau­chens gan­zer Stolz. Der zwei­jäh­ri­ge Loui mo­ti­viert Jaque­line, ge­mein­sam ihr gro­ßes Ziel zu er­rei­chen

Glück am we­ges­rand Es sind die klei­nen Din­ge – wie ein Schluck Berg­quell­was­ser – die ihr un­ter­wegs Mut und Ener­gie schen­ken

Gip­fel­stür­me­rin­nen Wäh­rend der Al­pen­Über­que­rung wur­den Jaque­line und Fo­to­gra­fin Lai­la (l.) Freun­din­nen

Ab­stieg Vor al­lem ber­gab wird es auf Krü­cken an­stren­gend – und oft schmerz­haft

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