Bö­se Non­nen

Siegessaeule - - Film -

In „Phi­lo­me­na“von Ste­phen Fre­ars hal­ten sa­dis­ti­sche Or­dens­schwes­tern „ge­fal­le­ne“Mäd­chen in ei­nem ka­tho­li­schen Klos­ter als Ar­beits­skla­ven und ver­scher­beln de­ren un­ehe­lich ge­bo­re­ne Kin­der an die rei­che Ober­schicht

• Die Aus­gangs­si­tua­ti­on die­ser Tra­gi­ko­mö­die liest sich, als hät­te der be­gna­de­te Schmud­del­fink und Un­der­ground-Papst John Wa­ters nun end­gül­tig sein fil­mi­sches Opus ma­gnum vor­ge­legt. Doch die so über­spitzt und kon­stru­iert schei­nen­de Ge­schich­te hat sich im Ir­land der 50er tat­säch­lich er­eig­net. Und auch die Fil­mhel­din Phi­lo­me­na Lee (Ju­di Dench), die sich 50 Jah­re spä­ter auf die Su­che nach ih­rem zwangsa­d­op­tier­ten Sohn be­gibt, ist kei­ne fik­ti­ve Fi­gur. Mit­hil­fe des Jour­na­lis­ten Mar­tin Six­s­mith (Ste­ve Coo­gan) folgt sie ei­ner Spur, die bei­de nach Wa­shing­ton, D.C., führt. Dort wird sie mit der Nach­richt kon­fron­tiert, dass ihr Sohn be­reits vor Jah­ren an den Fol­gen von Aids ver­stor­ben ist. In sei­ner Funk­ti­on als hoch­ran­gi­ger Re­gie­rungs­be­ra­ter der Re­pu­bli­ka­ner war er zu­dem ge­zwun­gen, die Be­zie­hung zu sei­nem Le­bens­ge­fähr­ten ge­heim zu hal­ten. Schlag auf Schlag, manch­mal ge­ra­de­zu en pas­sant reiht die Sto­ry bri­san­te The­men wie Aus­beu­tung und se­xu­el­le Re­pres­si­on durch die Kir­che, in­sti­tu­tio­nel­le Ho­mo­pho­bie in der Po­li­tik und ho­mo­se­xu­el­le Lie­be, die im Ver­bor­ge­nen statt­fin­den muss, an­ein­an­der. Dem­ent­spre­chend woll­te das kon­ser­va­ti­ve Bou­le­vard­blatt Ne­wYor­kPost in „Phi­lo­me­na“nur ei­ne auf an­dert­halb St­un­den ge­dehn­te Hass­ti­ra­de auf Ka­tho­li­ken und Re­pu­bli­ka­ner ent­de­cken. Doch so ein­fach macht es sich Ste­phen Fre­ars’ Film nicht! Sei­ne tra­gi­sche Ge­schich­te nutzt er nicht für ein har­sches, emo­tio­nal auf­peit­schen­des Me­lo­dram, son­dern über­ra­schen­der­wei­se für ei­ne fein­sin­ni­ge, weit­ge­hend leicht­fü­ßi­ge Ko­mö­die. In de­ren Zen­trum steht ein wun­der­bar ge­gen­sätz­li­ches Paar. Ju­di Dench bril­liert als stoi­sche, zu­tiefst gläu­bi­ge Phi­lo­me­na, die durch­aus be­reit ist, der kirch­li­chen In­sti­tu­ti­on das Ver­bre­chen an ihr zu ver­ge­ben. Ihr zur Sei­te steht Coo­gan als zy­ni­scher Jour­na­list und ve­he­men­ter Kir­chen­kri­ti­ker, der aber auch mit En­gels­ge­duld Phi­lo­me­nas de­tail­lier­te Na­cher­zäh­lun­gen ha­ne­bü­che­ner Schund­ro­ma­ne er­trägt. Hier stimmt die Che­mie zwi­schen den tol­len Haupt­dar­stel­lern. Aber vor al­lem ge­fällt die ide­en­rei­che Ins­ze­nie­rung, die bei­den Fi­gu­ren und Le­bens­ent­wür­fen mit gro­ßer Sym­pa­thie be­geg­net und ih­re so un­ter­schied­li­chen Po­si­tio­nen zwi­schen An­kla­ge und Ab­so­lu­ti­on nie als star­re, un­ver­han­del­ba­re Kon­struk­te auf­ein­an­der­pral­len lässt. Na­tür­lich be­kom­men die Non­nen trotz­dem ihr Fett weg, nicht nur die teuf­li­schen „Pin­gui­ne“von da­mals, son­dern auch ih­re Nach­fol­ge­rin­nen: sanf­te Klos­ter­en­gel, die mit dia­bo­li­scher Freund­lich­keit Tee und Ku­chen ser­vie­ren und Phi­lo­me­na da­bei aus­zu­re­den ver­su­chen, die Ver­gan- gen­heit auf­zu­wüh­len. Köst­lich, mit wel­chem Un­be­ha­gen Coo­gan in das kre­denz­te Früch­te­brot beißt, als wä­re es ver­gif­tet. Hier glänzt der Film mit tro­cke­nem, bri­ti­schem Hu­mor, der schon Fre­ars’ bis­si­gen Blick auf das eng­li­sche Kö­nigs­haus in „The Queen“(2006) zu ei­nem Ge­nuss wer­den ließ. „Phi­lo­me­na“läuft zu ähn­li­cher Höchst­form auf, wenn er mit ei­nem ge­wis­sen Schalk im Na­cken aus ei­nem fins­te­ren Ka­pi­tel Kir­chen­ge­schich­te bit­ter­sü­ßes wie lie­be­vol­les Wohl­fühl­ki­no zau­bert.

An­dre­as Scholz

Groß­ar­tig: Ju­di Dench als Phi­lo­me­na Lee und Ste­ve Coo­gan als Jour­na­list Mar­tin Six­s­mith

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