Die Welt zu Be­such

To­ron­tos les­bisch-schwu­le Sze­ne ist viel­fäl­tig, selbst­be­wusst und un­kom­pli­ziert. Die größ­te Stadt Ka­na­das freut sich auf den World Pri­de im Ju­ni

Siegessaeule - - Reise - Chris­ti­na Rein­thal/Ca­me­ron McCool

• Ein lau­ter, aber fröh­li­cher Schrei si­chert uns in der erns­ten At­mo­sphä­re der Flug­zeug­ka­bi­ne und dank des ein­tö­ni­gen, so­no­ren Brum­mens der Mo­to­ren so­fort die Bli­cke der an­de­ren Pas­sa­gie­re. Was Ca­me­ron und ich her­aus­ge­fun­den ha­ben, ist an sich gar nicht so spek­ta­ku­lär: Wir ha­ben bei­de am sel­ben Tag Ge­burts­tag, am 21. Ju­ni. Schon auf der letz­ten Sta­ti­on un­se­rer Pres­se­rei­se, in Ot­ta­wa, hat­ten wir uns gut ver­stan­den. Aber jetzt sind der sym­pa­thi­sche schwu­le Jour­na­list aus Aus­tra­li­en und ich bei­na­he un­zer­trenn­lich. Ge­mein­sam er­kun­den wir die ka­na­di­sche Pro­vinz On­ta­rio rund ein Jahr vor dem World Pri­de 2014 in To­ron­to. We­nig spä­ter lan­det un­se­re Ma­schi­ne auf ei­ner In­sel im On­ta­rio­see, dem kleins­ten der fünf gro­ßen Se­en Nord­ame­ri­kas, an des­sen nord­west­li­ches Ufer sich To­ron­to schmiegt. Nicht nur die La­ge be­ein­druckt an die­ser Stadt, von der ich mir vor der Rei­se kei­ne rech­ten Vor­stel­lun­gen ma­chen konn­te. 2,6 Mil­lio­nen Men­schen le­ben hier, die les­bisch-schwu­le Sze­ne To­ron­tos ist in ganz Ka­na­da be­rühmt. Doch erst vor Ort wird wirk­lich klar, war­um. Ca­me­ron und ich fah­ren zur Church Street, der Haupt­stra­ße des quee­ren Kie­zes. Die sieht aus, als wä­re ei­ne rie­si­ge re­gen­bo­gen­far­be­ne Bom­be ex­plo­diert: übe­r­all Fah­nen, Luft­bal­lons, Wind­rä­der, Schir­me und Gir­lan­den im Mus­ter der Re­gen­bo­gen­fah­ne. Und das nicht nur wäh­rend des zehn­tä­gi­gen Pri­de Fes­ti­vals, das ge­ra­de statt­fin­det: Die Stra­ßen­schil­der sind stets mit Re­gen­bo­gen ge­schmückt. „Pri­de“wird hier ganz wört­lich ge­nom­men. Man ist stolz auf sei­ne Iden­ti­tät und auf das, was man er­reicht hat. Ka­na­da hat­te als ei­nes der ers­ten Län­der der Welt 2005 die Ehe für gleich­ge­schlecht­li­che Paa­re ge­öff­net. In Sa­chen LGBTI-Rech­te macht den Ka­na­die­rin­nen und Ka­na­di­ern so schnell nie­mand et­was vor. Am Nach­mit­tag tren­nen sich un­se­re We­ge: Ich blei­be im Kiez, um mir den Dy­ke March an­zu­schau­en, Ca­me­ron nimmt sich ein Ta­xi zum Ha­fen. Er geht, wie er glaubt, zu ei­ner Pool­par­ty auf ei­ner der In­seln im On­ta­rio­see. Am Start­punkt des Dy­ke Mar­ches war­ten un­ter­des­sen je­de Men­ge Dy­kes on Bi­kes – und auf das Si­gnal zum Start. Als es end­lich los­geht, ma­chen die knapp hun­dert schwe­ren Ma­schi­nen or­dent­lich Lärm. Die Men­ge auf den Bür­ger­stei­gen ju­belt, ap­plau­diert, grüßt auch die den Dy­kes fol­gen­de rie­si­ge Fuß­grup­pe und die Fahr­rad­fah­re­rin­nen zum Ab­schluss. Der Dy­ke March, ei­nen Tag vor dem gro­ßen To­ron­to

Pri­de, ist das Fest der les­bi­schen Com­mu­ni­ty. In al­lem, was die Teil­neh­me­rin­nen zei­gen und sa­gen, ma­chen sie ih­re Haupt­for­de­rung deut­lich: ein Auf­be­geh­ren ge­gen he­te­ro­nor­ma­ti­ve Ste­reo­ty­pen und Sys­te­me. Vie­le De­mons­tran­tin­nen zei­gen Haut, man­che auch Brust, und kei­ne küm­mert sich dar­um, ob sie ir­gend­wel­chen Schön­heits­idea­len ent­spricht. Ich fol­ge mit mei­ner Ka­me­ra dem Zug und ver­lie­be mich in so ziem­lich je­de Teil­neh­me­rin. Al­lein schon des­we­gen, weil kei­ne ein­zi­ge Angst vor mei­ner Ka­me­ra hat. Wäh­rend ich in Deutsch­land oft den Spruch „Bit­te kei­ne Fo­tos“zu hö­ren be­kom­me, lau­fen hier die Frau­en auf mich zu, stel­len sich in Po­se, be­dan­ken sich so­gar, dass ich sie fo­to­gra­fie­re. So geht Sicht­bar­keit! Am nächs­ten Mor­gen er­zäh­le ich Ca­me­ron von all den läs­si­gen tol­len Frau­en, die ich ge­se­hen ha­be, und er­kun­di­ge mich nach der Pool­par­ty. „Es war gar kei­ne Pool­par­ty“, sagt Ca­me­ron, „es war nur ei­ne Par­ty in ei­nem Park auf der In­sel.“Doch ob­wohl fast kei­ner der Gäs­te sein Shirt aus­ge­zo­gen hat, wie Ca­me­ron ent­täuscht fest­stellt, ist er ganz auf­ge­regt. Denn auf ei­ner an­de­ren Par­ty am spä­te­ren Abend hat­te Ca­me­ron ein be­son­de­res Er­leb­nis – er wur­de ge­spankt. Auf sei­nem Han­dy zeigt er mir die Fo­tos, auf de­nen zu se­hen ist, wie Por­no­star Col­by Kel­ler das Pad­del schwingt. Ich ver­zich­te dar­auf, mir das Er­geb­nis vor­füh­ren zu las­sen, und glau­be ihm un­be­se­hen, dass sein Po weh­tut. Nach dem Früh­stück fah­ren wir zu­sam­men zur Pri­de Pa­ra­de, die eben­falls mit den Dy­kes on Bi­kes be­ginnt. Der rie­si­ge Zug ist bunt, bun­ter, am bun­tes­ten, ver­knüpft po­li­ti­sche For­de­run­gen mit aus­ge­las­se­ner Stim­mung. Wie beim Dy­ke March – und an­ders als auf Ca­me­rons Par­ty – wird Haut ge­zeigt, er­staun­lich vie­le Teil­neh­me­rin­nen und Teil­neh­mer sind so­gar ganz nackt. Ver­wun­dert ob der recht gro­ßen Frei­zü­gig­keit spre­che ich mit Ke­vin Be­au­lieu, dem Ge­schäfts­füh­rer des To­ron­to Pri­de. „Nor­ma­ler­wei­se ist es nicht er­laubt, in der Öf­fent­lich­keit nackt zu sein“, er­klärt er, „aber so­lan­ge es in­ner­halb der Pa­ra­de pas­siert, ist es ab­so­lut le­gal.“Der Zug en­det mit ei­nem Truck, der auf den World Pri­de im Ju­ni 2014 hin­weist. Nach­dem der World Pri­de in Lon­don 2012 nur als De­sas­ter be­zeich­net wer­den kann – nicht ein­mal die Teil­neh­me­rin­nen und Teil­neh­mer wuss­ten, dass die Lon­do­ner Pa­ra­de zu­gleich der World Pri­de war –, scheint man in To­ron­to des­sen Or­ga­ni­sa­ti­on sehr ernst zu neh­men. Der Ver­ein To­ron­to Pri­de blickt of­fen­bar weit vor­aus und hat Spaß dar­an, et­was Be­son­de­res auf die Bei­ne zu stel­len. Ca­me­ron und ich sind be­geis­tert von der Pa­ra­de. „Sie sind hier al­le so se­xy!“, sagt Ca­me­ron und schießt ein Fo­to nach dem an­de­ren. Am Abend schlen­dern wir über das Pri­de Fes­ti­val auf der Church Street, das sich dem Stra­ßen­um­zug an­schließt. An zahl­rei­chen Stän­den wer­den Sou­ve­nirs, Auf­kle­ber und T-Shirts ver­kauft, auch vie­le LGBTI-Or­ga­ni­sa­tio­nen stel­len sich vor. Ca­me­ron und ich ge­nie­ßen die ent­spann­te At­mo­sphä­re, die Beats der Mu­sik, die fröh­li­chen Men­schen un­ter­schied­li­cher Haut­far­ben, die zu­sam­men aus­ge­las­sen fei­ern und la­chen. Wir ver­su­chen, al­le Büh­nen des Fes­ti­vals ab­zu­klap­pern, stel­len uns in die joh­len­den, wip­pen­den und tan­zen­den Men­gen, die sich da­vor sam­meln, bis uns die Stim­mung mit­reißt und auch wir tan­zen, bis die Fü­ße schmer­zen. Wie wä­re es ei­gent­lich, fra­gen wir uns eu­pho­ri­siert, wenn wir un­se­ren nächs­ten Ge­burts­tag zu­sam­men fei­ern wür­den? Nicht ir­gend­wo, son­dern hier in To­ron­to, wäh­rend des World Pri­de Fes­ti­vals, das am 20. Ju­ni be­ginnt? Ge­mein­sam an­sto­ßen und tan­zen in­mit­ten ei­ner so viel­fäl­ti­gen und of­fen­her­zi­gen Men­schen­men­ge? Wie­der krei­schen wir auf, lie­gen uns in den Ar­men, be­ju­beln un­se­re Idee. Nur dass hier, auf der fröh­li­chen Church Street, an­ders als im Flug­zeug, nie­mand von uns No­tiz nimmt.

Vie­le wei­te­re In­fos zu To­ron­to und zum World Pri­de vom 20. bis 29. Ju­ni 2014 gibt es on­line un­ter queer-tra­vel.net

Die Re­cher­che wur­de er­mög­licht durch ei­ne Rei­se auf Ein­la­dung von Tou­rism On­ta­rio

Ca­me­ron McCool und Chris­ti­na Rein­thal sind bei­de am 21. Ju­ni ge­bo­ren, was bei Ca­me­ron in Aus­tra­li­en der kür­zes­te und bei Chris­ti­na in Ber­lin der längs­te Tag des Jah­res ist. Zu­sam­men er­kun­den sie das quee­re To­ron­to

Fast wie ein Re­gen­bo­gen leuch­ten die Lich­ter To­ron­tos, der größ­ten Stadt Ka­na­das, über den On­ta­rio­see. Zu Recht: Die Sze­ne ist groß und viel­fäl­tig Auf dem To­ron­to Pri­de zei­gen Les­ben und Schwu­le Ge­sicht: von städ­ti­schen An­ge­stell­ten über Sport­ler bis zur Po­li­zei De­mons­trie­ren­de ver­bin­den auf dem Pri­de po­li­ti­sche For­de­run­gen mit aus­ge­las­se­ner Stim­mung. Dy­kes on Bi­kes er­öff­nen Pri­de und Dy­ke March

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