Gro­ße Welt im klei­nen Land

Die Stadt Lu­xem­burg ist viel welt­ge­wand­ter als die trut­zi­ge Ver­gan­gen­heit ah­nen lässt. Ein Kul­tur­spa­zier­gang durch das Herz Eu­ro­pas

Siegessaeule - - Reise - Phi­lip Ei­cker

• Nach der Zwi­schen­lan­dung in Saar­brü­cken ist das Flug­zeug auf dem Weg von Ham­burg nach Lu­xem­burg fast leer: Nur drei Gäs­te flie­gen bis ins Groß­fürs­ten­tum. Da­bei ist Lu­xem­burg ei­ne klei­ne Welt­stadt. Der Bus ins Zen­trum rast auf sechs­spu­ri­gen Stra­ßen über das Kirch­berg-Pla­teau, vor­bei am mo­der­nen st­ei­nern-wei­ßen Eu­ro­pa­vier­tel und gro­ßen Bank­pa­läs­ten. Be­ein­dru­ckend: die Phil­har­mo­nie von 2005, de­ren mehr als 800 schlan­ke wei­ße Säu­len so dicht ste­hen, dass die Ge­bäu­de­front im Vor­bei­fah­ren zu flim­mern scheint. In der Alt­stadt be­geg­net ei­nem ein Mix von Men­schen und Spra­chen: Lu­xem­bur­gisch und Deutsch sind zu hö­ren, Fran­zö­sisch, da­zu Eng­lisch, Por­tu­gie­sisch und Spa­nisch. Die An­ge­stell­ten der in­ter­na­tio­na­len Fir­men und EU-Be­hör­den ver­stär­ken den Ba­bel-Sound. Zwei Drit­tel der Ein­woh­ne­rin­nen und Ein­woh­ner ha­ben kei­nen Lu­xem­bur­ger Pass. Was für Rei­sen­de be­quem ist, sei für die quee­re Sze­ne ein Pro­blem, sagt Clau­de Neu: „Die Men­schen hier sind so in­ter­na­tio­nal, dass al­le Schwu­len ir­gend­wann weg­ge­hen und wo­an­ders Kar­rie­re ma­chen.“Neu ist ge­blie­ben. In den 80ern war er bei RTL, im Kom­mu­nal­ra­dio hat er ei­ne schwul-les­bi­sche Kul­tur­sen­dung mo­de­riert. Vie­le Jah­re war er Pres­se­spre­cher des Groß­her­zogs. Heu­te ar­bei­tet er als Jour­na­list, zu­letzt ist er mit ei­nem fran­zö­si­schen TV-Sen­der durch die Alt­stadt ge­bum­melt. Schwer­punkt: mo­der­ne Kul­tur. „Ich mag es nicht, wenn Lu­xem­burg als Kuh­dorf ge­zeigt wird“, sagt er und schwärmt von den drei­spra­chi­gen Thea­tern der Stadt. Im Grand Théât­re ist in der ak­tu­el­len Spiel­zeit der „Faust“genau­so zu er­le­ben wie das Ro­ko­kostück „Les Faus­ses Con­fi­den­ces“mit Isa­bel­le Hup­pert. Ein­ge­klemmt zwi­schen Frank­reich, Bel­gi­en und Deutsch­land nimmt sich Lu­xem­burg das Bes­te, was die Kul­tu­ren Eu­ro­pas zu bie­ten ha­ben. Frü­her hat­ten die Men­schen statt­des­sen ver­sucht, Ein­dring­lin­ge ab­zu­weh­ren. Bis ins 19. Jahr­hun­dert galt die Fe­s­tung auf dem Bock­fel­sen als un­ein­nehm­bar. Im 17. Jahr­hun­dert be­gan­nen die da­mals herr­schen­den Spa­nier ein Höh­len­sys­tem in den Berg un­ter der Ober­stadt zu schla­gen. Stei­le, roh be­haue­ne Trep­pen füh­ren in ein feuch­tes La­by­rinth. Die Schieß­schar­ten bie­ten ei­nen Pan­ora­ma­blick über Grund und Clau­sen, die einst ver­ru­fe­nen Un­ter­städ­te Lu­xem­burgs. Heu­te wer­den die Ver­tei­di­gungs­an­la­gen fried­lich ge­nutzt. In Thün­gen, ei­nem der 15 Forts, ent­stand das Mu­se­um für mo­der­ne Kunst, kurz MUDAM. „Als Ar­chi­tek­ten woll­te das Land un­be­dingt I. M. Pei“, er­zählt Clau­de Neu und lacht. „Da­nach war kein Geld mehr für die Ver­si­che­rung ge­frag­ter Kunst­wer­ke üb­rig. Das ist der Grö­ßen­wahn der klei­nen Län­der.“Des­halb zei­ge das MUDAM jun­ge, noch be­zahl­ba­re Kunst, es sei „mehr La­bor als Mu­se­um“. Mitt­woch­abends legt ein DJ auf – zeit­ge­nös­si­sche Sa­kral­mu­sik für die dort in­stal­lier­te Ka­pel­le von Wim Del­voye. Fi­li­gra­ne Stahl­rah­men um­fas­sen bun­te Glas­fens­ter. Die Mo­ti­ve fal­len erst beim zwei­ten Blick auf. Es sind Rönt­gen­auf­nah­men, dar­un­ter ein küs­sen­des Män­ner­paar. Die de­zen­te schwu­le Ero­tik im Sti­le der flä­mi­schen Go­tik passt zum Ort. „Lu­xem­burg ist sehr ka­tho­lisch“, sagt Clau­de Neu. „Hier hängt kei­ner sei­ne se­xu­el­le Ori­en­tie­rung an die gro­ße Glo­cke. War­um auch? Das Land ist so klein, al­le wis­sen so­wie­so al­les über die Nach­barn.“

Die Ober­stadt Lu­xem­burgs galt jahr­hun­der­te­lang als un­ein­nehm­bar. Heu­te die­nen die Fe­s­tun­gen auch als Aus­stel­lungs­ort für de­zent quee­re Kunst

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.