Urs­li Pfis­ter ali­as Chris­toph Mar­ti

Siegessaeule - - Titel - Auf­ge­zeich­net von Frank Her­mann

• Mein ers­ter Ein­druck von Jo­an Cra­w­ford wa­ren, glau­be ich, die­se Ver­ach­tung, die sie aus­strahlt, und gleich­zei­tig das Be­gehrt­wer­den-Wol­len. Da ist auch im­mer so was im Blick: „Ich will gar nicht. Ich brau­che nichts und will nichts.“Sie scheint sich zur Ver­fü­gung zu stel­len und ver­wei­gert sich gleich­zei­tig. Wenn es, was ich has­se, ei­ne Rang­lis­te gä­be, müss­te Jo­an Cra­w­ford auf Platz eins sein mit ih­rem Big­ger-than-li­fe-Gla­mourFac­tor. Von ihr gibt es auch die­se wahn­sin­ni­gen Por­träts, ge­nau wie von der Dietrich, die ja ei­ne Meis­te­rin des Lichts war. Die klas­sischs­te Gestalt der Di­va zeig­te sich in den 30er-Jah­ren und am stärks­ten ma­ni­fes­tiert sie sich in der Fo­to­gra­fie. Durch das per­fek­te Aus­leuch­ten ent­steht der Ein­druck – und das ist es, was dem Aspekt des Gött­li­chen am nächs­ten kommt –, dass die­se Per­son aus Licht be­steht. Das ließ sie so un­er­reich­bar und ent­rückt wir­ken. Bei al­lem Ent­rückt­sein: Ein gro­ßer An­teil des­sen, was die Di­va letz­ten En­des aus­macht, sind Dis­zi­plin und das Er­ken­nen und Er­fül­len ei­ner Er­war­tungs­hal­tung. Und das ist to­tal un­gla­mou­rös, näm­lich Ar­beit! In dem Film „Mom­mie Dea­rest“mit Faye Du­na­way als Jo­an Cra­w­ford sieht man au­ßer „No Wi­re Han­gers“eben noch was ganz an­de­res: Sie ist ih­re ei­ge­ne Fir­ma, sie ist gleich­zei­tig die Che­fin und das Pro­dukt. Ein One-Wo­man-Be­trieb. Hin­ter die­sem Gla­mour steckt ei­ne Wahn­sinn­sa­cke­rei, und du musst auf so viel ver­zich­ten, da­mit du am nächs­ten Tag wie­der die sein kannst, mit der die Leu­te zu­frie­den sind. Ih­re Stär­ke hat ihr die­se lan­ge Kar­rie­re er­mög­licht. Sie war ja schon Stummfilmstar, und als sie spä­ter we­ni­ger ge­dreht hat, hat sie vor­über­ge­hend im Auf­sichts­rat von Pep­si Co­la ge­ses­sen. Der letz­te Film von Jo­an Cra­w­ford ist „Trog“von 1970, so ein Fran­ken­stein-Hor­ror­film. Und am letz­ten Dreh­tag, als sie schon Ab 08.03. ist er – na­tür­lich ge­mein­sam mit den an­de­ren Ge­schwis­tern Pfis­ter – in Ni­co Dostals Ope­ret­te „Cli­via“an der Ko­mi­schen Oper zu se­hen. Mit uns sprach er über sei­ne per­sön­li­che Di­va Jo­an Cra­w­ford wuss­te, das ist es jetzt für sie, muss­te sie in der letz­ten Ein­stel­lung von der Ka­me­ra weg­lau­fen. Und als der Re­gis­seur „Cut“ge­ru­fen hat, ist sie ein­fach im­mer wei­ter­ge­lau­fen und wei­ter und wei­ter. So hat sie ih­re Film­kar­rie­re be­en­det. Durch die­se Art von Dra­ma­tik und das stän­di­ge Over the top ist sie eben ge­ra­de bei Schwu­len be­liebt. Es ist ein­fach al­les too much. Das ge­fällt mir und kommt dem ent­ge­gen, was wir mit den Ge­schwis­tern Pfis­ter ma­chen, wo ja auch die Über­trei­bung ein wie­der­keh­ren­des Stil­mit­tel ist. Stil­voll muss es sein, aber über­trie­ben. Jo­an Cra­w­ford hat­te so groß­ar­ti­ge Rol­len. Was ich so ir­re fin­de, ist, dass sie in „Men­schen im Ho­tel“aus­ge­rech­net die Se­kre­tä­rin Flämm­chen spielt, da ist sie noch nicht die „Kin­des­miss­hand­le­rin“, son­dern die Schreib­da­me, die sich hoch­tippt. Es wür­de mir schwer­fal­len zu sa­gen, was mei­ne Lieb­lings­rol­le von ihr ist. Sie war toll in „The Wo­men“na­tür­lich, der aber ja ein En­sem­ble­film ist. „Mild­red Pier­ce“viel­leicht, wo sie gleich am An­fang auf der Po­li­zei­wa­che in ih­rem Nerz­cape und mit Ju­we­len be­hängt beim Ver­hör sitzt. Aber auch „What ever Hap­pe­n­ed to Baby Ja­ne?“mit Bet­te Da­vis ist ge­ni­al. Wer wä­re heu­te ei­ne Di­va? Das ist ex­trem schwie­rig, weil ja ei­nen Teil der Di­va aus­macht, was wir al­les nicht wis­sen. Über wen aus dem öf­fent­li­chen Le­ben wis­sen wir denn nicht al­les? An­ge­li­na Jo­lie zum Bei­spiel ist heu­te schon fast da, wo La­dy Dia­na war, so oft fo­to­gra­fiert, so oft ab­ge­bil­det, dass es egal ist, wel­che Rol­le sie spielt, ich neh­me sie im­mer wahr als die­ses Ro­te-Tep­pichGe­sicht, als das UNICEF-Ge­sicht. Frü­her war das Bild et­was Sel­te­nes, die Leu­te ha­ben sich die Fo­tos ih­rer Di­ven aus den Fil­mil­lus­trier­ten aus­ge­schnit­ten und ge­rahmt, weil die so iko­nen­haft wa­ren.

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