Sven Ratz­ke

Ab April spielt er end­lich auch in Ber­lin sein neu­es Pro­gramm „Di­va Di­va’s“, das be­reits in den Nie­der­lan­den Pre­mie­re hat­te. Dar­in wür­digt er zehn gro­ße Di­ven der 60erJah­re. Mit da­bei ist auch Hil­de­gard Knef, über die er mit uns sprach

Siegessaeule - - Titel - Auf­ge­zeich­net von Chris­ti­na Rein­thal

• Ich be­geg­ne­te Hil­de­gard Knef zum ers­ten Mal in ih­rer Woh­nung. Da hat sie uns erst mal ein Büch­sen­bier auf­ge­macht. Für den Do­ku­men­tar­film „A Wo­man and a Half“soll­te ich ei­nen Song von ihr in­ter­pre­tie­ren. Das war 2001. Da­mals hat­te ich ge­ra­de an­ge­fan­gen, mei­ne ers­ten Shows im Grü­nen Sa­lon zu ge­ben. In dem Film woll­ten sie zei­gen, wie jun­ge Künst­ler ih­re Lie­der be­ar­bei­ten, und die Knef hat­te wohl mich da­für aus­ge­sucht, „Der Tag holt Luft“zu sin­gen. Ich war na­tür­lich be­geis­tert. Von ihr ging ei­ne un­glaub­li­che Kraft aus, ob­wohl sie im Roll­stuhl saß, es war kurz vor ih­rem Tod. Da­mals bin ich ein­ge­so­gen wor­den in die knef­sche Welt. In den 60er- und 70er-Jah­ren war sie die ein­zi­ge Frau, die ei­ge­ne Tex­te schrieb. Und das ist das, was mich bei ihr am meis­ten be­ein­druckt. Ich hab ja im­mer Songs von ihr in mei­nen Pro­gram­men. Zum Bei­spiel „Die Welt ging un­ter am Zü­rich­see bei 30 Grad im Schat­ten“– al­lei­ne der Ti­tel ist ja schon toll. Das sind un­glaub­lich schö­ne Sa­chen. Ih­re Fä­hig­keit zu tex­ten fand ich, ab­ge­se­hen von ih­rer Er­schei­nung als Di­va und ih­rer Ar­beit als Schau­spie­le­rin und der „in­ter­na­tio­na­len“Kar­rie­re, ein­fach groß­ar­tig. „Knef“, ih­re Plat­te von 1970, hat mich am nach­hal­tigs­ten ge­prägt. Auf­grund des ro­ten Co­vers nen­nen vie­le das Al­bum „Die ro­te Knef“. Da sind Lie­der drauf wie „Die Her­ren der Welt“, „Im 80. Stock­werk“, „Der Tag holt Luft“, nur Sa­chen, die sie selbst ge­schrie­ben hat. Auch der Sound ist ein­fach to­tal geil: groo­vy, un­ter­bro­chen von die­sem Chan­son­stil. Das hat mich in mei­nem künst­le­ri­schen Schaf­fen sehr be­ein­flusst. Vie­le ih­rer Lie­der sind so gut, dass man sich schon sehr gut über­le­gen muss, war­um man sie über­haupt neu auf­neh­men soll­te, schließ­lich sind sie be­reits per­fekt in­ter­pre­tiert. Es ist im­mer ei­ne Hom­mage an sie, wenn ich was von ihr sin­ge. Zum Bei­spiel „Ich bin zu mü­de, um schla­fen zu ge­hen“, das ist ein Text, den ich als so wahr emp­fin­de. Ich kom­me so oft so spät nach Hau­se, kann nicht schla­fen und den­ke: Ich bin zu mü­de, um schla­fen zu ge­hen. Oder auch „Das Glück kennt nur Mi­nu­ten, der Rest ist War­te­raum“. Das sind un­glaub­lich schö­ne Sät­ze, aber oh­ne so ei­ne Hal­tung: „Guck mal, ich mach jetzt Poe­sie, die kanns­te dir an die Wand schrei­ben.“Wie vie­le Di­ven hat­te auch sie ein ver­ruch­tes Image, das si­cher auch durch den Film „Die Sün­de­rin“ver­stärkt wur­de. Die­ses Ver­ruch­te ge­hört ja auch im­mer zu ei­ner Di­va da­zu. Da­bei hat­te sie gar nicht so vie­le Af­fä­ren wie zum Bei­spiel die Dietrich. Bei der Knef kam das Ver­ruch­te auch durch ih­re Un­an­ge­passt­heit. Sie hat ein­fach ge­tan, wor­auf sie Lust hat­te, und sich nicht drum ge­küm­mert, was die Leu­te dar­über den­ken. Und ge­nau das ist es, was ich so toll an ihr fin­de. Da­mals, als ich sie in ih­rer Woh­nung traf, fühl­te ich mich wie der klei­ne Jun­ge. Sie hat­te un­heim­lich viel Po­wer und ein un­glaub­li­ches Know-how. Sie war ja noch von der al­ten Schu­le, hat­te mit Co­le Por­ter ge­ar­bei­tet und so wei­ter. Die wuss­te ein­fach, wie Tex­te ge­sun­gen wer­den müs­sen. Ganz klar. Als wir an der Auf­nah­me ge­ar­bei­tet ha­ben, gab sie auch vie­le Kom­men­ta­re, sag­te im­mer zu mir: „Das braucht noch mehr, das braucht noch mehr.“Das ist jetzt über zehn Jah­re her. Aber die­se Be­geg­nung hat für mich über die Jah­re im­mer mehr an Be­deu­tung ge­won­nen. Wenn ich sie noch ein­mal tref­fen könn­te, wür­de ich mit ihr ein Lied auf­neh­men wol­len. Ich fin­de es scha­de, dass ich sie jetzt nicht mehr wie­der­se­hen kann, denn jetzt bin ich na­tür­lich ein biss­chen wei­ser als da­mals. Ich glau­be, wir könn­ten groß­ar­ti­ge Ge­sprä­che füh­ren.

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