No Kis­ses

Das Bio­pic „The Imi­ta­ti­on Ga­me“leis­tet Ab­bit­te für das tra­gi­sche Schick­sal des schwu­len bri­ti­schen Ma­the­ma­ti­kers Alan Tu­ring

Siegessaeule - - Film -

> Ei­ne Zeit lang schien es, als wür­de der Abräu­mer der Os­car-Sai­son 2015 be­reits fest­ste­hen. Ein strin­gent er­zähl­tes Bio­pic über ein tra­gi­sches Ge­nie wie Alan Tu­ring, meis­ter­haft ge­spielt von Hol­ly­woods neu­es­ter Tro­phäe Be­ne­dict Cum­ber­batch, der so­zi­o­pa­thi­sche Gen­tle­men­fi­gu­ren wie Vic­tor Fran­ken­stein, Sher­lock Hol­mes oder Tu­ring nur so aus dem Är­mel schüt­telt – da­für wur- den die Aca­de­my Awards doch qua­si ins Le­ben ge­ru­fen. Fünf Gol­denG­lo­be-No­mi­nie­run­gen spä­ter mischt sich in den Ju­bel al­ler­dings Kri­tik. Ent­zün­det hat sie sich vor al­lem an dem we­nig of­fen­si­ven Um­gang des Films mit Tu­rings Ho­mo­se­xua­li­tät. Des­sen Ge­nie­sta­tus be­ruht auf der Ent­wick­lung der Tu­ring­ma­schi­ne. Ei­ne Art Pro­to­com­pu­ter, der ihn zum Be­grün­der der mo­der­nen In­for­ma­tik wer­den ließ und mit des­sen Hil­fe er auch die deut­schen Funk­sprü­che im Zwei­ten Welt­krieg ent­zif­fer­te. Doch die­ser Held, der maß­geb­lich den Aus­gang des Krie­ges be­ein­fluss­te, wur­de nicht ge­fei­ert, son­dern in den 50ern we­gen Ho­mo­se­xua­li­tät ver­ur­teilt, che­misch kas­triert und mit 41 in den Selbst­mord ge­trie­ben. Nun ver­schweigt der Film we­der des­sen se­xu­el­le Iden­ti­tät noch die­sen Fakt. Im Ge­gen­teil! Was wir auf der Lein­wand se­hen, ist ein ein­zi­ger be­trof­fe­ner Ablass­brief für die­ses Ver­bre­chen. Aber Tu­rings Ho­mo­se­xua­li­tät ist mit über­ra­schend alt­mo­di­scher Zu­rück­hal­tung in­sze­niert. Kei­ne Af­fä­ren, kei­ne Bett­sze­ne, nicht ein­mal ein Kuss, al­les spielt sich in Dia­lo­gen, Bli­cken und An­deu­tun­gen ab – fast wie in ei­nem Hol­ly­wood­film der 60er-Jah­re, als man vor­sich­tig be­gann an­de­re For­men der Se­xua­li­tät beim Na­men zu nen­nen. In­dem „The Imi­ta­ti­on Ga­me“sich auch sonst sti­lis­tisch an das Kino die­ser Zeit an­lehnt, re­pro­du­ziert er auf ei­gen­wil­lig au­then­ti­sche Wei­se Tu­rings Epo­che, in der die­se Din­ge weit­ge­hend dis­kret ver­han­delt wer­den muss­ten. Ge­gen En­de wer­den noch mal schwe­re Ge­schüt­ze auf­ge­fah­ren: Da gibt Tu­ring sei­ner Ma­schi­ne zärt­lich den Na­men Chris­to­pher, und hin­ter der ma­ni­schen Be­ses­sen­heit für sein Werk, das ei­ni­ge der wich­tigs­ten zeit­ge­schicht­li­chen Um­brü­che des 20. Jahr­hun­derts mit sich brach­te, wird das Lei­den an ei­ner gro­ßen, tra­gisch ge­en­de­ten Ju­gend­lie­be sicht­bar. Doch wer schon die Kla­via­tur des Me­lo­drams der­art be­müht, soll­te sie nicht nur lei­se an­schla­gen, son­dern sich auch trau­en sie kon­se­quent zu En­de zu spie­len. < Andre­as Scholz

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