The Ra­ke’s Pro­gress

Die Staats­oper nimmt Stra­wins­kys Oper über den Wer­de­gang des „Wüst­lings“Tom Ra­ke­well wie­der auf

Siegessaeule - - Inhalt - Eck­hard We­ber

Die Staats­oper nimmt Kr­zy­sz­tof War­li­kow­skis Ins­ze­nie­rung von Stra­wins­kys „The Ra­ke’s Pro­gress“wie­der auf – Po­pi­ko­nen wie Spi­der Man und Darth Va­der in­klu­si­ve

> Ei­ne Oper für die be­rühm­te ein­sa­me In­sel? Igor Stra­wins­kys „The Ra­ke’s Pro­gress“! Denn in die­sem Werk, das der Exi­lant Stra­wins­ky in den USA in den Jah­ren nach dem Zwei­ten Welt­krieg kom­po­niert hat, ist al­les drin, fast die gan­ze Opern­ge­schich­te: über­dreh­te An­klän­ge an Mon­te­ver­dis „Or­feo“in der Ou­ver­tü­re, auf­blit­zen­de Qu­er­ver­wei­se auf Mo­zart, Ver­di und Hän­del. Und ei­ne gu­te Por­ti­on Jazz-Ele­men­te gibt es auch. Nur wa­bern­de Wa­gner-Ne­bel moch­te Stra­wins­ky nicht so. Iro­nisch ist das Gan­ze auch noch in vie­len Si­tua­tio­nen, wenn et­wa der to­ben­den Di­va bei ei­ner Wu­ta­rie plötz­lich der Hahn ab­ge­dreht wird. In „The Ra­ke’s Pro­gress“wer­den Opern­kli­schees und mu­si­ka­li­sche Idio­me mut­wil­lig ver­wir­belt und set­zen da­bei un­glaub­lich viel Ener­gie frei. Zu meh­re­ren Num­mern die­ser Oper kann man auch pri­ma tan­zen. Die Ge­schich­te ist ei­ne Art „Faust“-Mo­ri­tat: Der Prot­ago­nist Tom Ra­ke­well hat kei­ne Lust auf die pro­vin­zi­el­le Idyl­le sei­ner Ver­lob­ten An­ne Truel­ove und noch we­ni­ger auf die bie­de­re An­stel­lung beim zu­künf­ti­gen Schwie­ger­va­ter. Tom er­liegt den Ver­hei­ßun­gen der Me­phis­to-Fi­gur Nick Shadow, der ihn nach Lon­don führt und ihm Sex and Cri­me bei­bringt. Am En­de ver­sucht sich Tom als Heils­brin­ger, der den Hun­ger der Ar­men be­kämp­fen will, wird aber als Schar­la­tan ent­larvt. „Die Kar­rie­re ei­nes Wüst­lings“, so die deut­sche Über­set­zung des Opern­ti­tels, ge­stal­tet sich als wil­der Ritt auf der un­er­sätt­li­chen Su­che nach Spaß, Be­frie­di­gung und neu­er Auf­rei­zung, bis der (An­ti-) Held aus der Kur­ve fällt. Mit der Fi­gur der Ba­ba the Turk geht in „The Ra­ke’s Pro­gress“üb­ri­gens auch schon ei­ne Frau mit Bart über die Büh­ne – mehr als ein hal­bes Jahr­hun­dert vor Con­chi­ta Wurst. Kein Wun­der ei­gent­lich, schließ­lich heißt der Haupt­au­tor des Li­bret­tos W. H. Au­den. Der war un­an­ge­passt, selbst­be­wusst, schwul und als jun­ger Mann En­fant ter­ri­b­le des Li­te­ra­tur­be­triebs. Au­den leb­te für sei­ne Zeit re­la­tiv of­fen sei­ne Be­zie­hung mit Chris­to­pher Is­her­wood aus. Zwar be­gehrt der Prot­ago­nist der Oper, Tom Ra­ke­well, die bär­ti­ge Frau Ba­ba the Turk „so sehr wie die Gicht oder die Fall­sucht“, wie er singt, hei­ra­tet sie aber den­noch. Al­ler­dings eher aus Über­druss und Lan­ge­wei­le, weil er so­wie­so Sex bis zum Ex­zess er­lebt hat. Die ori­en­ta­lisch an­ge­hauch­te Frau mit Bart zeich­net Au­den letzt­lich als Kom­men­tar zu ras­sis­ti­schen Exo­tis­mus-Kli­schees: Sie wird zwar zu­nächst in das Ge­sche­hen in der Au­ßen­per­spek­ti­ve als Freak ein­ge­führt, er­weist sich aber dann als selbst­be­wuss­te Künst­le­rin und warm­her­zi­ge, emo­tio­nal in­tel­li­gen­te Per­son, die sich nach dem Lie­bes-In­ter­mez­zo mit Tom wie­der ih­rer Kar­rie­re zu­wen­det. Sie kommt zu­dem als ein­zi­ge Fi­gur ei­ni­ger­ma­ßen heil aus der Ge­schich­te her­aus. Kr­zy­sz­tof War­li­kow­ski, ei­ner der krea­ti­ven Feu­er­köp­fe un­ter den Thea­ter­re­gis­seu­ren der jün­ge­ren Ge­ne­ra­ti­on Po­lens, hat „The Ra­ke’s Pro­gress“2010 an der Staats­oper im Schil­ler Theater als ur­ba­nes Road­mo­vie er­zählt. Jetzt ist die Pro­duk­ti­on wie­der auf dem Spiel­plan. Die Hand­lung hat War­li­kow­ski in das Par­ty­le­ben der Me­tro­po­len von heu­te ver­or­tet und sie mit dem Le­bens­ge­fühl des 21. Jahr­hun­derts auf­ge­la­den. Mit der fin­di­gen Aus­stat­te­rin Małgorz­a­ta Sz­c­ze˛ s´ ni­ak Sz­c­zęś­ni­ak

hat der Re­gis­seur ei­ne Men­ge Be­zü­ge auf die Pop­kul­tur der letz­ten Jahr­zehn­te in die quietsch­bun­te Ins­ze­nie­rung ein­ge­baut: Tom Ra­ke­well ist ein Hips­ter, Nick Shadow kommt mit An­dy-War­hol-Pe­rü­cke da­her, An­ne Truel­ove er­fin­det sich als Neo-Sa­lon-Punk in der Groß­stadt neu. Sie be­we­gen sich in ei­nem Pa­n­op­ti­kum vol­ler Hel­den aus der Pop­kul­tur, von Spi­der­man bis Mi­ckey Mou­se. Selbst­re­dend, dass da­bei auch Gen­der­gren­zen zu den Klän­gen von Stra­wins­kys Mu­sik fe­dernd über­sprun­gen wer­den. <

Gi­don Saks als Nick Shadow und Flo­ri­an Hoff­mann als Tom Ra­ke­well in „The Ra­ke’s Pro­gress“

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