Fass­bin­der – JETZT

An­läss­lich des 70. Ge­burts­tags von Rai­ner Werner Fass­bin­der wird dem bise­xu­el­len Re­gis­seur im Mar­tinGro­pi­us-Bau ei­ne Werk­schau ge­wid­met

Siegessaeule - - Inhalt - Andre­as Scholz

An­läss­lich des 70. Ge­burts­tags von Rai­ner Werner Fass­bin­der wird dem bise­xu­el­len Re­gis­seur im Mar­tin-Gro­pi­us-Bau mit „Fass­bin­der – JETZT“ei­ne um­fas­sen­de Werk­schau ge­wid­met

> „JETZT“prangt in gro­ßen Let­tern im Ti­tel der Aus­stel­lung! Als gel­te es je­den Zwei­fel aus­zu­räu­men, dass Fass­bin­ders um­fang­rei­ches Werk aus Thea­ter­stü­cken, Es­says, TVSe­ri­en und über 40 Fil­men heu­te noch ei­ne Re­le­vanz be­sä­ße. Fass­bin­der ist hoch­ak­tu­ell, so je­den­falls die The­se der Aus­stel­lung. Die ist durch­aus ge­wagt – trotz des im­mer noch welt­be­rühm­ten Na­mens. Denn als Fass­bin­der 1982 im Al­ter von 37 Jah­ren an ei­ner Über­do­sis Dro­gen starb, mar­kier­te sein Tod auch das En­de des Neu­en Deut­schen Films, des­sen wich­tigs­ter Re­prä­sen­tant er im Aus­land war. Mit ihm wur­de ein ra­di­ka­les, sys­tem­kri­ti­sches Kino weit­ge­hend zu Gr­a­be ge­tra­gen. Fass­bin­der war un­ge­heu­er ori­gi­nell. Für sein ex­zes­si­ves „Kino der Ge­füh­le“, das er nach eigener Aus­sa­ge „mit Blut, mit Trä­nen, mit Ge­walt, Haß“fül­len woll­te, be­dien­te er sich des in den 70ern als Haus­frau­en­gen­re ver­pön­ten Hol­ly­wood-Me­lo­drams, um ana­ly­tisch die emo­tio­na­len Aus­beu­tungs­ver­hält­nis­se in pri­va­ten Be­zie­hun­gen bloß­zu­stel­len. Nach­ah­mer, Fil- me­ma­cherIn­nen, die die­ses au­ßer­ge­wöhn­li­che Werk ko­pier­ten, fort­setz­ten oder sich zu ihm in Be­zie­hung brach­ten, hat es hier­zu­lan­de ei­gent­lich nie ge­ge­ben. Be­kann­te Fim­his­to­ri­ker wie Tho­mas El­sa­es­ser fürch­te­ten al­so zu Recht, dass er das Em­blem ei­nes nicht mehr exis­tie­ren­den Ki­nos sei. Als in den 90er-Jah­ren der deut­sche Film Ko­mö­di­en prä­fe­rier­te und Lo­la zu gro­ßem in­ter­na­tio­na­lem Er­folg über die Lein­wand rann­te, wa­ren von Fass­bin­der nur noch Hel­den­ver­eh­rung und der My­thos um sei­ne Per­son ge­blie­ben. Ein ge­nia­les Künst­ler­mons­ter soll er ge­we­sen sein, ein Ma­ni­ker und Ty­rann à la Kin­ski, der sein zur Fa­mi­lie ge­wor­de­nes Mit­ar­bei­ter­team ei­nem be­stän­di­gen Psy­cho­ter­ror aus­setz­te. Als sein lang­jäh­ri­ger Le­bens­ge­fähr­te Ar­min Mei­er Selbst­mord be­geht, heißt es, er ha­be ihn da­zu ge­trie­ben. Der skan­da­li­sier­ten Per­son steht ein sper­ri­ges Werk ge­gen­über. Ei­ne ein­zi­ge „Ka­ko­pho­nie“nennt es der schwu­le US-ame­ri­ka­ni­sche Au­tor Way­ne Koes­ten­baum. Ei­ne Welt vol­ler klaus­tro­pho­bi­scher In­nen­räu­me, die von hoch­sti­li­sier­ten Art-dé­co-Apart­ments („De­spair“, 1978) bis hin zur kar­gen Tris­tesse west­deut­scher Woh­nun­gen der 70erJah­re rei­chen („Angst essen See­le auf“, 1974). Das ma­nie­rier­te, un­rea­lis­ti­sche Schau­spiel lässt ei­nen oft rat­los zu­rück: Ist das nun un­frei­wil­lig ko­misch oder doch ei­ne be­wusst iro­ni­sche Dis­tan­zie­rung? Fass­bin­ders Werk wirkt da­bei im­mer be­fremd­lich, stellt sich quer. Es spielt mit Camp-Äs­t­he­ti­ken, bin­det in Fil­men wie „Die bit­te­ren Trä­nen der Pe­tra von Kant“(1972) oder „Faust­recht der Frei­heit“(1975) quee­re Au­ßen­sei­ter­fi­gu­ren ein. Doch der Post-Sto­ne­wall-Ge­ne­ra­ti­on der 70er Jah­re, die nach po­si­ti­ven Selbst­bil­dern such­te, gal­ten Fass­bin­ders uto­pie­freie, fa­ta­lis­ti­sche Film­wel­ten als ho­mo­phob. Sei­ne ho­mo­se­xu­el­len Fi­gu­ren le­gen meist die­sel­ben Ver­hal­tens­wei­sen an den Tag wie ih­re Un­ter­drü­cker. Ein­ge­bet­tet in ka­pi­ta­lis­ti­sche Macht­und Ge­waltstruk­tu­ren, sind sie ge­nau­so Tä­ter – se­pa­rie­ren, beu­ten ih­re Ge­lieb­ten ma­te­ria­lis­tisch und emo­tio­nal aus, tre­ten mit der­sel­ben Bru­ta­li­tät nach un­ten. In die­ser Hin­sicht er­weist sich Fass­bin­der als sehr nah an ak­tu­el­len Dis­kus­sio­nen in der Com­mu­ni­ty, auch wenn bei ihm al­les bis zum Äu­ßers­ten ge­trie­ben wird. Die Aus­stel­lung ver­sucht die Leer­stel­le zwi­schen sei­nem his­to­ri­schen Werk und dem Jetzt an­hand mo­der­ner Kunst­wer­ke zu fül­len. Da­mit geht sie über ei­ne klas­si­sche Werk­schau hin­aus. In elf Räu­men des Mar­tin-Gro­pi­us-Baus wird Ein­blick ge­währt in die Ar­beits­wei­se des Re­gis­seurs an­hand von In­ter­views und Do­ku­men­ten aus sei­nem Nach­lass wie Brie­fen, Dreh­plä­nen oder Notizen. Ne­ben Mo­bi­li­ar aus Fass­bin­ders Woh­nung gibt es Film­kos­tü­me zu se­hen wie Ma­tro­sen-An­zü­ge aus „Que­rel­le“(1982) oder Han­na Schy­gul­las Sil­ber­la­mé-Kleid aus „Li­li Mar­leen“(1980). Doch dar­über hin­aus wer­den auch Vi­deo­kunst, Fo­to­gra­fi­en oder Skulp­tu­ren zeit­ge­nös­si­scher Künst­ler wie Jeff Wall, Ming Wong ode Ma­ryam Jafri ge­zeigt, die Fass­bin­ders äs­the­ti­sche Ver­fah­ren auf­grei­fen – stre­cken­wei­se mit deut­li­chem Be­zug auf des­sen Camp-Äs­t­he­tik und die Ho­mo­se­xua­li­tät in sei­nen Fil­men. Man darf ge­spannt sein, ob die Aus­ein­an­der­set­zung mit Fass­bin­der des­sen Ein­fluss auf ak­tu­el­le Kunst­strö­mun­gen be­weist oder ob die­se Wer­ke es bei ei­ner rei­nen Hom­mage be­las­sen. Im Zu­ge der Aus­stel­lung kommt mit „Fass­bin­der“auch ei­ne neue Do­ku ins Kino, die auf recht kon­ven­tio­nel­le Wei­se ei­nen ers­ten Ein­blick in des­sen Schaf­fen ge­währt. <

Rai­ner Werner Fass­bin­der, 1970

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