Die Ver­lo­gen­heit der Din­ge

Siegessaeule - - Tach Auch -

Die Flücht­lings­po­li­tik der EU ist schwer zu er­tra­gen. Wäh­rend sich Eu­ro­pa beim ESC En­de Mai in Wien selbst fei­ert, füllt sich das Mit­tel­meer mit Lei­chen. Wie soll man mit die­ser Rea­li­tät bloß um­ge­hen, fragt sich Chef­re­dak­teur Jan Noll > Der Eu­ros­vi­si­on Song Con­test ist zwei­fels­oh­ne ein Fei­er­tag im Ho­mo-Ka­len­der. Doch wenn am 23. Mai in Wien die auf­ge­don­ner­ten Mo­de­rat­ö­sen das ob­li­ga­to­ri­sche „Good Eve­ning, Eu­ro­pe“in die Ka­me­ra und da­mit in cir­ca 90 Mil­lio­nen Wohn­zim­mer schmet­tern, bleibt dies­mal ein be­son­ders fa­der Bei­ge­schmack, denn über das hier eu­pho­risch be­grüß­te und ge­fei­er­te Eu­ro­pa bricht ge­ra­de ei­ne fins­te­re Nacht her­ein. Mit­te April ken­ter­ten bin­nen kür­zes­ter Zeit wie­der ein­mal zwei Boo­te mit Flücht­lin­gen auf dem Weg von der afri­ka­ni­schen Nord­küs­te nach Ita­li­en, meh­re­re hun­dert Men­schen er­tran­ken im Mit­tel­meer. Schuld ist die Flücht­lings­po­li­tik der EU, die es qua­si un­mög­lich macht, auf le­ga­lem We­ge nach Eu­ro­pa zu ge­lan­gen. Gleich­zei­tig en­de­te im Ok­to­ber 2014 das ita­lie­ni­sche Ret­tungs­pro­gramm Ma­re No­strum, das Flücht­lin­gen in See­not hel­fen soll­te. Das fi­nan­zi­ell mies auf­ge­stell­te Nach­fol­ge­pro­gramm Tri­ton soll aus­schließ­lich die Gren­zen si­chern und stellt kei­ner­lei Hil­fe für die Re­fu­gees dar. Eu­ro­pa er­rich­tet ei­nen Schutz­wall aus Lei­chen. Ab­schre­ckung heißt die zy­ni­sche De­vi­se. Na­tür­lich ver­fügt die EU über die nö­ti­gen Mit­tel für um­fas­sen­de­re Ret­tungs­maß­nah­men auf See, möch­te sie aber nicht auf­brin­gen. Führt man sich vor Au­gen, dass al­lein die Stadt Wien rund 17,1 Mil­lio­nen Eu­ro in die Aus­tra­gung des Eu­ro­vi­si­on Song Con­test pump­te, wäh­rend sich ab­so­lut nie­mand in der EU fand, der die jähr­li­chen Kos­ten für Ma­re No­strum von über 100 Mil­lio­nen Eu­ro mit Ita­li­en tei­len woll­te, möch­te man sich im Schwall über­ge­ben. „We are the world’s peop­le, dif­fe­rent yet we’re the sa­me, we be­lie­ve in a dream“wird die rus­si­sche Teil­neh­me­rin Po­li­na Ga­ga­ri­na in ih­rem ESC-Bei­trag träl­lern, und al­le wer­den er­grif­fen sein. Ir­gend­wie bit­ter: Auch die er­trun­ke­nen Re­fu­gees glaub­ten an ei­nen Traum – den von ei­ner angst­frei­en und si­che­ren Zu­kunft in Eu­ro­pa. Doch im Ge­gen­satz zu Po­li­na wur­den sie nicht ge­hört. Wie sol­len wir al­so mit dem Wis­sen um die­se all­täg­li­che Ver­lo­gen­heit der Din­ge in un­se­rer Com­fort­zo­ne um­ge­hen? Si­cher, wir kön­nen die po­li­ti­sche La­ge nicht än­dern, in­dem wir bei­spiels­wei­se den ESC boy­kot­tie­ren und den so ge­won­ne­nen Abend nut­zen, um vor Lam­pe­du­sa mit ei­nem Ret­tungs­boot zu kreu­zen. Aber wir kön­nen et­was an­de­res ma­chen: uns in un­se­rem di­rek­ten Um­feld en­ga­gie­ren. Wir kön­nen uns fra­gen, was wir hier in Berlin tun kön­nen, um die La­ge der Flücht­lin­ge zu ver­bes­sern. Die Schwu­len­be­ra­tung ging hier­bei vor­an, in­dem sie kürz­lich in ei­nem of­fe­nen Brief an den Se­nat die Be­reit­stel­lung von 200 Un­ter­brin­gungs­plät­zen spe­zi­ell für quee­re Flücht­lin­ge for­der­te. Bei der Be­treu­ung der Re­fu­gees sind sie auch auf eh­ren­amt­li­ches En­ga­ge­ment an­ge­wie­sen. Vi­el­leicht fragt man mal nach. <

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