Sicht­bar wer­den

Siegessaeule - - Nightlife -

Kay, wie ist die Idee zur Par­ty „FAT! Fett voll fei­ern“ent­stan­den?

Beim Sur­fen im In­ter­net bin ich über vie­le Fa­tP­ri­de-Fes­ti­vals ge­stol­pert, die in den USA und Ka­na­da re­gel­mä­ßig ver­an­stal­tet wer­den. Ich war be­geis­tert und hab vie­len Leu­ten da­von er­zählt. Doch erst Mat­hil­de, die seit Jah­ren Wigstö­ckel mit­or­ga­ni­siert, hat dann die Or­ga kon­kret vor­an­ge­trie­ben. In Deutsch­land wird man im­mer noch ex­trem mar­gi­na­li­siert, wenn man dick ist. In der Öf­fent­lich­keit kommt man ent­we­der als der lus­ti­ge, di­cke Clown vor oder man gilt als faul und es wer­den ei­nem In­tel­li­genz oder Kör­per­be­wusst­sein ab­ge­spro­chen. Es dau­ert al­so si­cher noch ei­ne Wei­le, bis das Fat-Po­si­ti­ve-Mo­ve­ment hier an­kommt.

War­um habt ihr euch ent­schie­den, ein Event zu ver­an­stal­ten, an­statt bei­spiels­wei­se ei­nen Ver­ein zu grün­den, der das Fat-Po­si­ti­ve-Mo­ve­ment vor­an­treibt?

Uns geht es in ers­ter Li­nie um Sicht­bar­keit. Di­cken Men­schen wird oft ab­ge­spro­chen, dass ih­re Kör­per se­hens­wert sind und sie et­was Se­hens­wer­tes auf die Büh­ne brin­gen. Ge­nau mit die­sen Vor­ur­tei­len wol­len wir bre­chen. Ich er­le­be es selbst auch im­mer wie­der als Per­for­mer, dass es sehr wich­tig ist, sich als di­cker Mensch ei­nen Raum zu neh­men und selbst­be­wusst auf ei­ne Büh­ne zu ge­hen.

Wo­nach sucht ihr die Leu­te aus, die bei der Show auf­tre­ten?

Wir ha­ben na­tür­lich Leu­te an­ge­spro­chen, die dick sind. Was nicht im­mer ein­fach war, weil un­se­re De­fi­ni­ti­on von dick ja nicht im­mer der ei­ge­nen De­fi­ni­ti­on von dick ent­spricht. Zu- Dick­sein gilt nicht nur in Deutsch­land nach wie vor als Ma­kel. Auch im Jahr 2015 ist das so­ge­nann­te „Bo­dy­sha­ming“in so­zia­len Netz­wer­ken und im öf­fent­li­chen Raum all­täg­lich. In den USA gibt es des­halb schon lan­ge ei­ne „Fat Po­si­ti­ve“-Be­we­gung, die es sich zur Auf­ga­be ge­macht hat, Vor­ur­tei­le und Ab­leh­nung ge­gen­über di­cken Men­schen ab­zu­bau­en. Mit dem Show-Par­ty-Event „FAT! Fett voll fei­ern“, das am 23. Mai im SO36 statt­fin­det, wird erst­ma­lig Fat Pri­de auch in Berlin ze­le­briert. Wir ha­ben mit Per­for­mer Kay-Alex­an­der Zepp ali­as Kay P. Rin­ha aus der Or­ga-Grup­pe über die Par­ty und die Si­tua­ti­on von di­cken Men­schen in Ge­sell­schaft und quee­rer Com­mu­ni­ty ge­spro­chen sätz­lich ha­ben wir über vie­le un­ter­schied­li­che Ka­nä­le mit Auf­ru­fen nach Auf­tritts­wil­li­gen ge­sucht. Uns ist aber ei­gent­lich in ers­ter Li­nie wich­tig, dass die Leu­te auf der Büh­ne fat­po­si­ti­ve Per­for­man­ces ma­chen oder Sa­chen, die sich mit dem The­ma Kör­per­ge­fühl aus­ein­an­der­set­zen.

Kann ei­ne Show et­was in den Köp­fen der Men­schen än­dern?

Ich glau­be, es be­stärkt Men­schen, wenn sie je­man­den auf ei­ner Büh­ne se­hen, der ih­nen ähn­lich ist. Ge­ra­de wenn es um ge­sell­schaft­li­che Grup­pen geht, die sehr we­nig Sicht­bar­keit in der brei­ten Mas­se er­lan­gen. Mich zu­min­dest in­spi­riert es im­mer sehr, wenn ich so was se­he. Und vi­el­leicht mo­ti­viert ei­ne Show, bei der die Leu­te auf der Büh­ne Spaß ha­ben, ja auch Leu­te im Pu­bli­kum da­zu, mehr mit di­cken Men­schen zu­sam­men­zu­ar­bei­ten.

Das Event wird von sechs Men­schen or­ga­ni­siert, die al­le ei­ne Ver­bin­dung zur quee­ren Sze­ne ha­ben. Ist fett sein an sich queer?

Fett sein an sich ist ge­nau­so we­nig queer wie trans*, les­bisch, schwul, bi oder po­ly zu sein. Mei­ne De­fi­ni­ti­on von queer ist, dass ei­ne Per­son ver­schie­de­ne Struk­tu­ren und Macht­ge­fäl­le mit­denkt. Das heißt, es gibt ein Ver­ständ­nis da­für, dass Ge­schlecht nicht bi­när funk­tio­niert und aus mehr als ei­nem Hor­mon­s­atz be­steht. Wich­tig ist auch ein Ver­ständ­nis für un­ter­schied­li­che Be­zie­hungs­mo­del­le und da­für, dass es un­ter­schied­li­che Kör­per gibt, die gleich­be­rech­tigt ne­ben­ein­an­der­ste­hen. Da man als di­cker Mensch in der Ge­sell­schaft an­eckt, hat man zwar die Chan­ce, Din­ge an­ders zu hin­ter­fra­gen, aber man kann ja durch­aus auch als di­cker Mensch sehr wert­kon­ser­va­tiv sein und das wür­de mei­ner De­fi­ni­ti­on von queer ziem­lich wi­der­spre­chen.

Du be­wegst dich in ei­ner breit ge­fä­cher­ten quee­ren Sze­ne. Stößt du auch dort auf Ab­leh­nung?

In mei­nen Per­for­man­ces kann man vie­le Bur­les­que- und Strip-Ele­men­te se­hen. Ich zei­ge al­so viel Haut. Auf­grund des­sen ha­be ich schon Kör­per­feind­lich­keit er­fah­ren. So nach dem Mot­to: Es ist ja ganz schön, was du machst, aber musst du dich un­be­dingt aus­zie­hen?! In man­chen Tei­len der quee­ren Sze­ne ist dick sein al­ler­dings auch ein Vor­teil. Es ad­diert ei­nen wei­te­ren Aspekt, wenn es dar­um geht, Nor­ma­ti­vi­tät zu hin­ter­fra­gen und gän­gi­ge Er­war­tun­gen zu durch­bre­chen. <

Interview: Ka­ey

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.