Au­then­tisch und ver­letz­lich

Siegessaeule - - Bühne -

Andrea Gib­son schreibt Lie­bes­brie­fe an ih­ren Hund, Wut­brie­fe an den Men­schen, der sie auf dem Spiel­platz ge­mobbt hat und ge­gen Un­ge­rech­tig­kei­ten an, sie schreibt über Po­li­tik und ih­re ei­ge­nen Stür­me. Das al­les in Ly­rik, in Ge­dich­ten, die, auf den Büh­nen der USA und de­nen der Welt per­formt, den Mund tro­cken und die Au­gen feucht ma­chen. Und das Herz so weit, dass es schmerzt. Ih­re Ber­li­ner Per­for­mance wur­de we­gen der gro­ßen Nach­fra­ge vom Li­do in den Post­bahn­hof ver­legt > 2008 ge­wann Gib­son den Wo­men of the World Poe­try Slam in De­troit. Ob das heu­te noch ge­län­ge, ist frag­lich, denn Gib­son de­fi­niert sich nicht mehr als Frau, son­dern be­nutzt im Eng­li­schen das ge­schlechts­neu­tra­le Pro­no­men „they“, für das wir im Deut­schen noch kei­ne Ent­spre­chung ha­ben. Aber Frau hin, Gen­der her: Seit die­sem ver­dien­ten Sieg stieg sie in ra­sen­dem Tem­po in den Him­mel der Spo­ken-Word-Sze­ne auf – und von dort aus wei­ter zu den Ly­ri­kern, den Poe­ten, de­nen, die ge­hört wer­den. Für ei­ne ge­sell­schafts­kri­ti­sche Queer-Fe­mi­nis­tin in ei­ner Män­ner­do­mä­ne ein mehr­fa­ches Gü­te­sie­gel. Ge­schul­det der schlich­ten Bril­lanz ih­rer Kunst. Gib­son kre­iert Wort­ket­ten vol­ler Kraft und Zart­heit, vor­ge­tra­gen mit ei­ner In­ten­si­tät, die das Pu­bli­kum vor Bild­schir­men oder in aus­ver­kauf­ten Sä­len mit­reißt. Durch Au­then­ti­zi­tät und Ver­letz­lich­keit trifft Gib­son den Nerv un­se­rer Zeit, ist Sprach­rohr und Stim­me ei­ner Ge­ne­ra­ti­on, die bei al­ler Na­bel­schau et­was zu sa­gen hat, sich ei­ne Mei­nung er­laubt. Da­bei legt sie sich bloß, wie es in So­ci­al-Me­dia-Zei­ten er­war­tet wird, und strahlt da­bei ly­ri­sche Höchst­kom­pe­tenz aus. Ihr in­ne­rer Zwang, zu schrei­ben und zu per­for­men, scheint eben­so über­mäch­tig wie un­aus­weich­lich. Das macht ih­re Ge­dich­te so gut, ih­re Auf­trit­te so über­wäl­ti­gend, ih­ren Hu­mor so an­ste­ckend. Gib­son lei­det an Büh­nen­angst, Un­ge­rech­tig­kei­ten und dem Le­ben. Lacht dar­über, weint dar­über und schreibt dar­über. Ist so­li­da­risch, statt es nur zu be­haup­ten, und mehrt durch ih­re Ko­ope­ra­tio­nen mit an­de­ren Poe­tIn­nen, Mu­si­ke­rIn­nen und Ak­ti­vis­tIn­nen auch de­ren Be­kannt­heit. Andrea Gib­son ist ein Ge­heim­tipp, weil sie lei­se, und ein Stern, weil sie echt ist. < Ta­nia Wit­te

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