Sei­ten­blick

Siegessaeule - - Buch -

> Vor ei­ni­gen Jah­ren stand ich an ei­nem is­rae­lisch-ägyp­ti­schen Grenz­über­gang, und we­gen gro­ßer Rei­se­grup­pen vor mir ging es nur schlep­pend vor­an. Ich muss­te aber noch am sel­ben Tag mei­nen Rück­flug in Tel Aviv er­rei­chen. Kur­zer­hand drän­gel­te ich mich da­her vor und zück­te mei­nen deut­schen Pass. In die­sem Mo­ment zau­ber­te sich ein Lä­cheln auf das Ge­sicht des ägyp­ti­schen Grenz­be­am­ten und er ließ mich oh­ne Ver­zö­ge­rung vor­bei. Je­doch nicht, oh­ne sich vor­her mit fol­gen­den Wor­ten zu ver­ab­schie­den, die mich – ge­lin­de gesagt – sprach­los zu­rück­lie­ßen: „Was ihr mit den Ju­den im Zwei­ten Welt­krieg ge­macht habt, war fan­tas­tisch.“Epi­so­den, die ei­nen eben­so fas­sungs­los zu­rück­las­sen, er­zählt Tu­via Te­nen­bom in sei­nem Buch „Al­lein un­ter Ju­den. Ei­ne Ent­de­ckungs­rei­se durch Is­ra­el“(Suhr­kamp). Dar­in tarnt sich Te­nen­bom, der Sohn ei­nes ul­tra­or­tho­do­xen Rab­bi­ners und Grün­der des Je­wish Theater in New York, als deut­scher Jour­na­list mit dem Na­men To­bi­as und geht mit­ten in den Kon­flikt zwi­schen Is­ra­el und Pa­läs­ti­na. Als To­bi­as führt er Ge­sprä­che mit Sied­lern, rech­ten Po­li­ti­kern, lin­ken Frie­dens­ak­ti­vis­ten, Funk­tio­nä­ren der pa­läs­ti­nen­si­schen Au­to­no­mie­be­hör­de, ul­tra-re­li­giö­sen Ju­den ge­nau­so wie mit west­li­chen Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen – und raubt ei­nem ge­ra­de als eu­ro­päi­schem Le­ser all­mäh­lich je­de Ge­wiss­heit. Al­len vor­an die Ge­wiss­heit, der Kon­flikt wür­de nur in­ner­halb der pa­läs­ti­nen­sisch-is­rae­li­schen Gren­zen ver­lau­fen. Denn Te­nen­bom ist ein ver­stö­ren­des Pa­n­op­ti­kum ge­lun­gen. Er stellt die gän­gi­gen Schwarz-Wei­ßMus­ter in Fra­ge, wie zum Bei­spiel vom po­pu­lä­ren Bei­spiel der bö­sen Be­sat­zungs­macht Is­ra­el und der pa­läs­ti­nen­si­schen Op­fer der Sied­lungs­po­li­tik, und legt die Ver­stri­ckun­gen der di­ver­sen in­ter­na­tio­na­len Ak­teu­re mit ih­ren un­ter­schied­li­chen In­ter­es­sen of­fen. Auf 470 Sei­ten durch­läuft man ei­nen Prozess, der ei­nen als Deut­schen am En­de in bit­te­rer De­mut zu­rück­lässt. Te­nen­bom selbst fasst es so zu­sam­men: „Von Ara­bern mit Lie­be über­schüt­tet zu wer­den, nur weil sie mich für ei­nen Ari­er hiel­ten, ei­nen Deut­schen, war aus­ge­spro­chen un­be­hag­lich. Die Ju­den zu be­ob­ach­ten und zu se­hen, wie ohn­mäch­tig sie sind, selbst jetzt, wo sie ih­ren ei­ge­nen Staat ha­ben, war qual­voll.“Vom weit ver­brei­te­ten ak­tu­el­len An­ti­se­mi­tis­mus der di­rek­ten Nach­bar­staa­ten Is­ra­els kom­me ich zu sei­ner Reinst­form, die bis heu­te Men­schen wie dem er­wähn­ten Grenz­be­am­ten als Vor­bild dient: dem Drit­ten Reich. Die­sem Ka­pi­tel wid­met sich Bettina Le­der in ih­rem Buch „Lau­in­gers. Ei­ne Fa­mi­li­en­ge­schich­te aus Deutsch­land“(Hentrich & Hentrich), das als rea­len Hin­ter­grund den Kon­flikt zwi­schen Ar­tur Lau­in­ger und sei­nem Sohn Wolf­gang be­ar­bei­tet. Ar­tur ist nicht nur blind für die emo­tio­na­len Be­dürf­nis­se sei­nes schwu­len Soh­nes, son­dern als er­folg­rei­cher und mus­ter­gül­tig an­ge­pass­ter Ju­de ist er eben­so blind für die auf­zie­hen­den Ge­fah­ren des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus. Erst als er von Na­zis in Schutz­haft ge­nom­men und ge­fol­tert wird, emi­griert er nach En­g­land. Sei­nen Sohn Wolf­gang lässt er zu­rück. Zwar droht Wolf­gang als so­ge­nann­tem Halb­ju­den, wie es im Duk­tus der „Nürn­ber­ger Ras­sen­ge­set­ze“heißt, vor­erst kei­ne Ge­fahr, aber eben durch sei­ne Ho­mo­se­xua­li­tät. Er ent­geht den Fän­gen der Na­zis und ei­nem un­ge­wis­sen Schick­sal, da sein da­ma­li­ger Freund den Ver­hö­ren der Gesta­po stand­hält und ihn nicht ver­rät. Bettina Le­der hat in die­sem Buch Tol­les ge­leis­tet. For­mell und kom­po­si­to­risch kühn hat sie aus der un­ver­öf­fent­lich­ten Bio­gra­fie von Ar­tur Lau­in­ger und sei­nen Brie­fen so­wie aus den In­ter­views mit Wolf­gang und dem ge­mein­sa­men Fa­mi­li­en- und Freun­des­kreis ein pa­cken­des his­to­ri­sches Do­ku­ment ge­schaf­fen. Die­sem zu­sätz­lich noch reich be­bil­der­ten Klein­od bleibt zu wün­schen, zu wer­den, was Te­nen­boms Buch schon ist: ein Best­sel­ler. <

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