Com­mu­ni­ty

Siegessaeule - - Inhalt - < El­mar Kraus­haar

El­mar Kraus­haar setzt sich im letz­ten Teil un­se­rer Rei­he zum The­ma Pä­do­phi­lie kri­tisch mit der Fra­ge aus­ein­an­der, wie das Ta­bu „Pä­do“zur Waf­fe wer­den konn­te

„Pä­do­se­xua­li­tät ist das zen­tra­le und mäch­tigs­te Ta­bu der Se­xua­li­tät“, kon­sta­tiert der Se­xu­al­wis­sen­schaft­ler Mar­tin Dan­ne­cker im In­ter­view mit SIE­GES­SÄU­LE. Doch wie ge­hen wir da­mit um, wenn die­ses Ta­bu zur Waf­fe wird, mit der mut­wil­lig Exis­ten­zen zer­stört wer­den? Und wie ver­han­deln wir das The­ma auf ei­ne an­ge­mes­se­ne Art und Wei­se? El­mar Kraus­haar mit dem Ver­such ei­ner An­nä­he­rung

> Du Na­zi, du! Ras­sist! An­ti­se­mit! Das sind schar­fe Schwer­ter im har­ten Dis­put, pri­vat oder öf­fent­lich. Da­bei hat ei­ne Waf­fe den drei an­de­ren schon längst den Rang ab­ge­lau­fen: Du Pä­do, du! Pä­do reicht völ­lig aus. Egal, ob da­mit pä­do­phil ge­meint ist, Pä­de­rast oder Pä­do­se­xu­el­ler. Mit der Pä­do-Keu­le bleibt man auf je­den Fall Sie­ger. „Der Pä­do­phi­le ist der Teu­fel un­se­rer Ta­ge“, kon­sta­tier­te Spie­gelRe­dak­teur Ge­org Diez schon im Fe­bru­ar 2014. „Er hat kei­ne Rech­te mehr, er hat kei­ne Wür­de mehr, es reicht der Ver­dacht, um ihn zu er­le­di­gen: Der Pä­do­phi­le ist der Feind, auf den sich al­le ei­ni­gen kön­nen.“So wie sich die Öf­fent­lich­keit im ver­gan­ge­nen Jahr mehr­heit­lich auf Se­bas­ti­an Eda­thy ge­ei­nigt hat. Der SPD-Po­li­ti­ker war be­schul­digt wor­den sich „kin­der­por­no­gra­fi­sches Ma­te­ri­al“be­sorgt zu ha­ben. Der Staats­an­walt er­mit­tel­te und die SPD ent­le­dig­te sich ih­res Ab­ge­ord­ne­ten: „Sein Han­deln passt nicht zur So­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Par­tei Deutsch­lands“, ur­teil­te Par­tei­chef Sig­mar Ga­b­ri­el. Ob­wohl das Bun­des­kri­mi­nal­amt be­reits nach ers­ten Er­mitt­lun­gen das on­line be­stell­te Ma­te­ri­al als „straf­recht­lich ir­re­le­vant“ein­ge­stuft hat­te, kam es zum Pro­zess, das Ver­fah­ren wur­de ge­gen Zah­lung von 5.000 Eu­ro ein­ge­stellt. Der 46-jäh­ri­ge Po­li­ti­ker ist seit­dem po­li­tisch und ge­sell­schaft­lich er­le­digt. 2013 wa­ren auch die Grü­nen ge­zwun­gen, sich ganz schnell von jeg­li­cher Pä­do-As­so­zia­ti­on zu tren­nen. Man be­fand sich im Wahl­kampf, als im Mai 2013 po­li­ti­sche Kon­kur­ren­ten und Jour­na­lis­ten ei­nen Blick in die pädofreund­li­che Ge­schich­te der Grü­nen war­fen. Denn zu Be­ginn der 1980er-Jah­re hat­ten sie ei­ne Än­de­rung der Straf­rechts­pa­ra­gra­fen 174 (Miss­brauch von Schutz­be­foh­le­nen) und 176 (Miss­brauch von Kin­dern) in ihr Grund­satz­pro­gramm auf­ge­nom­men. Das Wahl­kampf-Ba­shing hat­te Er­folg, die Par­tei ver­fehl­te ihr Ziel, die Re­gie­rungs­be­tei­li­gung. Nach die­sem Wahl­de­sas­ter stie­gen auch ei­ni­ge Lan­des­ver­bän­de der Par­tei in die Ar­chi­ve, um ih­re Se­xu­al­po­li­tik der 80er-Jah­re ab­zu­wi­ckeln. Die für den Ber­li­ner Lan­des­ver­band, frü­her Al­ter­na­ti­ve Lis­te (AL), Be­auf­trag­ten gin­gen mit Schwung in die Schlagzeilen: „Bis zu 1.000 Pä­do­phi­len-Op­fer“, hieß es, noch vor dem Ab­schluss­be­richt. Als die Stu­die schließ­lich vor­lag, muss­te die Zahl der Op­fer zu­rück­ge­nom­men wer­den, man wis­se ei­gent­lich nichts Ge­nau­es. Da­für konn­te die Kom­mis­si­on Na­men nen­nen, ei­ner da­von ist Kurt Hart­mann, den die Bou­le­vard­pres­se jetzt als pä­do­phil de­nun­zie­ren darf. Der Schwu­len­ak­ti­vist, Mit­be­grün­der des eins­ti­gen Tref­fens Ber­li­ner Schwu­len­grup­pen (TBS), der SIE­GES­SÄU­LE und der AL-Schwu­len­grup­pe, hat­te und hat se­xu­ell we­der mit Kin­dern noch mit Ju­gend­li­chen et­was am Hut. Aber er steht heu­te noch zu sei­nen Über­zeu­gun­gen: „Es kann ein­ver­nehm­li­chen Sex zwi­schen Er­wach­se­nen und vor­pu­ber­tä­ren Kin­dern ge­ben. Die­ser ein­ver­nehm­li­che Sex“, fährt er fort, „kann nur zu­stan­de kom­men, wenn die Er­wach­se­nen auf das Kind Rück­sicht neh­men – und das ist mög­lich.“Un­be­lehr­bar­keit oder ei­ne fes­te Ge­sin­nung? Was heut­zu­ta­ge klingt wie pu­re Pro­vo­ka­ti­on, war sei­ner­zeit der Ton, in dem in schwu­len und lin­ken Krei­sen ar­gu­men­tiert wur­de. Als Hart­mann von der Un­ter­su­chungs­kom­mis­si­on als Zeit­zeu­ge be­fragt wur­de, räum­te er auch ein, dass er als Kind Sex mit ei­nem er­wach­se­nen Mann hat­te und es ihm ge­fal­len ha­be – ein un­ver­zeih­li­ches Ge­ständ­nis, das nicht in die Tä­ter-Op­fer-Dra­ma­tur­gie der Pä­do-De­bat­te passt. Des­halb stuf­ten die Kom­mis­si­ons­mit­glie­der Bet­ti­na Ja­rasch und Wolf­gang Wie­land in ei­nem In­ter­view mit der B.Z. Hart­mann als „tra­gi­schen Fall“ein, der „sel­ber Op­fer war und jetzt ver­sucht, für sich das Bes­te dar­aus zu ma­chen“.

Die Pä­do-Keu­le kommt auch in der hei­len Welt der LGBTI*-Ge­mein­de zum Ein­satz. Wie bei­spiels­wei­se im ver­gan­ge­nen Jahr beim les­bisch-schwu­len Jour­na­lis­ten­ver­band, dem BLSJ. Auf ein­mal stand der Fe­lix-Rex­hau­senP­reis am Pran­ger, den der BLSJ un­ter die­sem Na­men seit 2001 für „vor­bild­li­che Be­richt­er­stat­tung über Les­ben und Schwu­le“ver­gibt. Der 1992 ver­stor­be­ne Sa­ti­ri­ker, Schrift­stel­ler und Jour­na­list war plötz­lich pä­do­phil, Grund wa­ren ein­schlä­gi­ge „Stel­len“in sei­nem 1969 ver­öf­fent­lich­ten Ro­man „Be­rüh­run­gen“. Der Preis-Pa­tron „ver­harm­lo­se und le­gi­ti­mie­re Pä­do­phi­lie und se­xu­el­len Miss­brauch“, hieß es in ei­nem BLSJ-Pa­pier, Rex­hau­sen ha­be „sei­ne Vor­bild­funk­ti­on ver­wirkt“. Im BLSJ kam es zum Krach, vie­le Mit­glie­der, vor al­lem weib­li­che, tra­ten aus. Ei­ner, der ganz ver­narrt ist in die Pä­do-Keu­le, ist der schwu­le Rechts­po­pu­list Da­vid Berger. Je­der Per­son und je­der In­sti­tu­ti­on, die ihm nicht passt, brät er da­mit eins über. Das Ta­gungs­haus Wald­schlöss­chen stand schon auf sei­ner Lis­te eben­so wie queer.de oder die SIE­GES­SÄU­LE. Der eins­ti­ge Va­ti­kan-Be­diens­te­te hat von schwu­len Be­lan­gen kei­ne Ah­nung, kennt sich aber aus mit dem Res­sen­ti­ment. Sei­ne An­hän­ger ver­eh­ren den Netz-„Jour­na­lis­ten“da­für mit un­ter­tä­nigs­ten Li­kes. Die po­li­tisch be­wuss­ten Tei­le der Com­mu­ni­ty ha­ben sich in­zwi­schen längst von al­lem Pä­do-af­fi­nen ver­ab­schie­det. Im po­li­tisch kor­rek­ten Buch­sta­ben­sa­lat von LGBTXYZ ist kein Platz für ein P. Das war frü­her an­ders. „Pä­do­se­xu­el­le“, er­in­nert sich Her­bert Ru­sche, der für die Grü­nen als ers­ter schwu­ler Ab­ge­ord­ne­ter im Bun­des­tag saß, „sa­hen der­einst die Schwu­len als ih­re nächs­ten Ver­bün­de­ten, da die­sen oft be­wusst war, dass ei­ne se­xu­el­le Prä­gung nichts ist, für das man sich ent­schie­den hät­te oder ge­gen das man sich ent­schei­den kann.“So zog man bis in die 1980er-Jah­re am ver­meint­lich ge­mein­sa­men Strang, wo­bei die Schwu­len ei­ne dif­fe­ren­zier­te Aus­ein­an­der­set­zung scheu­ten und aus pu­rer Gleich­gül­tig­keit die Pä­dos mit­lau­fen lie­ßen. Sie wur­den erst fal­len ge­las­sen auf Druck von au­ßen, und die Mus­ter­schü­ler vom LSVD lo­ben sich noch heu­te da­für, nie et­was mit Pä­do­se­xu­el­len ge­mein ge­habt zu ha­ben. Be­son­ders schwer ist die Ver­stän­di­gung über die Pä­do-Fra­ge mit den stärks­ten Schwu­len-Ver­bün­de­ten, den les­bi­schen Frau­en – da flie­gen so­fort die Fet­zen. Da­zu die „Quer“-Ver­le­ge­rin und Ak­ti­vis­tin Ilo­na Bubeck, be­reits vor 30 Jah­ren ak­tiv an der De­bat­te be­tei­ligt: „Frü­her so­li­da­ri­sier­te sich die Schwu­len­be­we­gung au­to­ma­tisch mit den Pä­do­phi­len, die Schwu­len sa­hen nur die Ein­schrän­kung der se­xu­el­len Frei­hei­ten und den An­griff auf das se­xu­ell an­de­re. Les­ben hin­ge­gen ha­ben da­mals schon die Pä­do­phi­lie als se­xu­el­le Ge­walt ge­gen Kin­der de­fi­niert und ein­deu­tig ver­ur­teilt. Fe­mi­nis­tin­nen und Les­ben wur­den dar­auf­hin von den Schwu­len als se­xu­al­feind­lich de­nun­ziert, ei­ne Zu­sam­men­ar­beit war ge­ra­de­zu un­mög­lich.“Wie aber kommt nun die Pä­do-Keu­le zu ih­rer frag­wür­di­gen Kar­rie­re? Oder – wie es der Se­xu­al­wis­sen­schaft­ler Mar­tin Dan­ne­cker im Ge­spräch mit SIE­GES­SÄU­LE for­mu­liert – wie wur­de „die Pä­do­se­xua­li­tät zu dem zen­tra­len und mäch­tigs­ten Ta­bu der Se­xua­li­tät“? Dan­ne­cker hat dar­auf kei­ne Ant­wort, stellt aber fest, dass die­ses Ta­bu heu­te noch rück­wir­kend für die De­bat­ten der 70er- und 80er-Jah­re durch­ge­setzt wer­den soll. „Dass Grup­pen oder ein­zel­ne Per­so­nen vor Jahr­zehn­ten ei­ne we­ni­ger ta­bu­ier­te Auf­fas­sung von Pä­do­se­xua­li­tät hat­ten, scheint un­ter der Herr­schaft des neu­en Dis­po­si­tivs ein un­ver­zeih­li­ches Ver­ge­hen zu sein. Das ist wahr­schein­lich der Grund da­für, war­um dif­fe­ren­zier­te Ana­ly­sen leicht in den Ver­dacht ge­ra­ten, der se­xu­el­len Grenz­über­schrei­tung von Er­wach­se­nen zu Kin­dern das Wort zu re­den, auch wenn sie das in Wahr­heit gar nicht tun.“In der Tat, die pro­fun­de Aus­ein­an­der­set­zung ist nicht ge­fragt, es gibt auf der ei­nen Sei­te nur die Em­pa­thie für die Op­fer. Dem­ge­gen­über steht die Kopf-ab-Men­ta­li­tät für die Tä­ter, oh­ne Wenn und Aber. Und je­der macht sich ver­däch­tig, der durch die­ses schwarz-wei­ße Ras­ter fällt. Die Moral hat die Macht über­nom­men in ei­ner Zeit, in der der Mensch zu­neh­mend al­lei­ne bleibt mit sei­nen Ent­schei­dun­gen und Ver­ein­ba­run­gen im Se­xu­el­len. Of­fen­sicht­lich sind es gera­de die Les­ben und Schwu­len, die sich zeit ih­rer Exis­tenz dem mo­ra­li­schen Ur­teil beu­gen muss­ten und des­halb um so dring­li­cher nach ei­ner Ord­nung ver­lan­gen, die all je­ne ver­dam­men und ver­ur­tei­len, die ih­re – in ei­nem lan­gen und schmerz­li­chen Pro­zess er­reich­te – An­pas­sung be­dro­hen.

Dies ist der drit­te und letz­te Teil un­se­rer Rei­he zum The­ma Pä­do­phi­lie, die wir im Ju­li an­läss­lich des Be­richts der Ber­li­ner Grü­nen zum Um­gang mit in­ner­par­tei­li­chen pä­do­phi­len Strö­mun­gen in den 80er-Jah­ren ge­star­tet hat­ten

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