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Die Flücht­lings­kri­se for­dert auch un­se­ren Ko­lum­nis­ten Vol­ker Sur­mann her­aus. Manch­mal bleibt nur die Ka­pi­tu­la­ti­on des Hu­mors vor der Wirk­lich­keit. Ei­ne Mo­ment­auf­nah­me

Siegessaeule - - Inhalt -

Ko­lum­ne von Vol­ker Sur­mann

> Ich ha­be kei­nen Witz mehr. Ich nen­ne mich Sa­ti­ri­ker und Hu­mo­rist, aber mein Witz ist auf der Stre­cke ge­blie­ben. Mit de­nen, die es nicht über das Mit­tel­meer ge­schafft ha­ben, die an Gren­zen hän­gen ge­blie­ben sind. Ich be­wun­de­re die Kol­le­gIn­nen, de­nen an­ge­sichts der schreck­li­chen Bil­der noch Wit­ze ein­fal­len. Die hin­krie­gen, was auch mein Job sein soll­te: sich zu er­he­ben und mit bö­ser Zun­ge gen Schul­di­ge zu läs­tern. Aber wenn ich Fo­tos se­he von Men­schen in St­a­chel­draht, von to­ten Kin­dern, von die­sem Klein­trans­por­ter, in dem 71 Men­schen er­stick­ten, dann se­he ich da kei­nen Witz. Re­spekt für die­je­ni­gen, die dann den Ekel run­ter­schlu­cken und die Schul­di­gen und po­li­tisch Ver­ant­wort­li­chen an­grei­fen kön­nen, und das mit schnei­den­dem Witz. Ich weiß nicht, ob sie im­mun sind ge­gen die Bil­der, mein Witz ist nicht im­mun der­zeit. Und ich be­gin­ne zu ver­ste­hen, wie­so Sa­ti­ri­ker manch­mal ein­fach ver­stum­men, wie zum Bei­spiel Tuchol­s­ky 1931 auf­hör­te zu pu­bli­zie­ren, nach­dem er zwan­zig Jah­re wie ein Ber­ser­ker ge­gen die Ka­ta­stro­phe an­ge­schrie­ben und -ge­witzt hat­te. Man darf den Glau­ben an die Men­sch­lich­keit nicht ganz ver­lo­ren ha­ben, muss auf Ver­nunft zu hof­fen noch in der La­ge sein. Es gibt Ta­ge, an de­nen fällt mir das un­glaub­lich schwer. Ich ha­be kei­nen Witz mehr. Ich möch­te nur noch kot­zen, wenn ich den Pö­bel von Hei­denau se­he. Ich will da kei­ne Wit­ze drü­ber ma­chen. Mein Im­puls ist: Ich will de­nen in die Fres­se schla­gen, und das mal ganz un­me­ta­pho­risch. Ob­wohl ich weiß, dass das dumm ist und ich es nie könn­te. Mach mal den Mund auf, Ar­sch­loch, ich wür­de dir gern in die Fres­se kot­zen, denn ich ha­be kei­nen Witz mehr für dich. Ich ha­be die­se Po­grom­stim­mung 1991, 1992 schon ein­mal er­lebt. Hei­denau und Frei­tal hie­ßen da­mals Rostock-Lich­ten­ha­gen und Hoy­ers­wer­da. An­sons­ten das­sel­be Pack, die­sel­ben Pa­ro­len, die glei­chen Re­ak­tio­nen der Po­li­tik. Dann schä­me ich mich für die­ses Land, das na­tio­na­le Ges­in­del und möch­te manch­mal nur noch schrei­en: Es kann doch nicht sein, dass al­le so däm­lich sind! Es kann doch nicht sein, dass wir al­le so däm­lich …, dass wir so gar nichts ge­lernt ha­ben in all den Jah­ren! Ich ha­be kei­nen Witz mehr. Ich ha­be nur ein TShirt und ein paar an­de­re Klei­dungs­stü­cke, die ich spen­den möch­te. Mehr fällt mir erst nicht ein, es fühlt sich hilf­los und jäm­mer­lich an. Wie mir so vie­le Ak­tio­nen so jäm­mer­lich vor­kom­men: Ist es rich­tig, wenn in der Sze­ne nur für quee­re Re­fu­gees ge­sam­melt wird? Macht es die Ka­ta­stro­phe schlim­mer, dass auch Quee­re un­ter den Op­fern sind? Ich ha­be kei­nen Witz da­für. Ich ha­be nur ein paar Kla­mot­ten und ein T-Shirt. Es war mal mein Lieb­lings-T-Shirt, ge­kauft für mei­nen ers­ten CSD, und wahr­schein­lich muss­te ich da­mals schon den Bauch ein­zie­hen. Es zeigt den Brandt-Zwie­back-Jun­gen und ist gut er­hal­ten, weil ich, au­ßer auf CSDs, nie lan­ge den Bauch ein­zie­hen woll­te. Ich woll­te es ei­gent­lich ei­nem Kum­pel schen­ken, doch dann leg­te ich es mit in den Kar­ton zu den Klei­der­spen­den. Ich ha­be kei­nen Witz mehr und jetzt ein T-Shirt we­ni­ger. Kei­ne Ah­nung, wer es bald tra­gen wird, wo­her und wo­vor der­je­ni­ge floh, ob vor Ar­mut oder Krieg, es ist mir egal, ob er strai­ght or gay, Christ oder Mus­lim ist. Ich weiß nur, er wird klei­ner sein als ich, Grö­ße S ha­ben und nun ein T-Shirt be­sit­zen, das das brei­te Grin­sen ei­nes Kin­des zeigt – als amü­sie­re es sich gera­de kö­nig­lich über ei­nen Witz … und dann über­holt das Le­ben mei­nen Text. Denn ich kann den Kar­ton mit mei­nen Spen­den gar nicht ab­ge­ben; zu vie­le Men­schen ha­ben vor mir ge­spen­det, und ich den­ke mir: Na, das ist doch ‘ne schö­ne Po­in­te. <

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