Son­ne im Hin­tern

Siegessaeule - - Musik -

Wer in Berlin lebt, hat es gut. Und des­halb wird das Hau­sen in der Haupt­stadt ja auch ger­ne wie ei­ne Mon­stranz vor sich her­ge­tra­gen, ganz so, als wä­re ein Um­zug nach Berlin al­lein schon ei­ne Leis­tung. Ist er na­tür­lich nicht, aber den­noch lohnt es sich, hier zu le­ben. Man kriegt mehr mit. Peaches, die nun ihr fünf­tes Al­bum ver­öf­fent­licht, ist da­für ein gu­tes Bei­spiel > Wäh­rend der Rest der Welt in den sechs Jah­ren, die seit ih­rem letz­ten Al­bum „I Feel Cream“ver­gan­gen sind, das Ge­fühl be­kom­men konn­te, die Elec­tro­clash-Kö­ni­gin hät­te das Zep­ter ab­ge­ge­ben, durf­ten Ber­li­ne­rIn­nen aus dem Vol­len schöp­fen. Peaches war qua­si über­all: Ne­ben den drei im HAU de­bü­tier­ten Büh­nen­pro­jek­ten „Peaches Christ Su­per­star“, „Peaches Does Her­s­elf“und der Re­nais­sance-Oper „L’Or­feo“, in der sie die Haupt­rol­le sang, gab es Buch­prä­sen­ta­tio­nen, Pus­sy-Riot-So­li­de­mos, Dreh­ar­bei­ten und DJ-Sets en mas­se. In Berlin war Peaches al­so nie rich­tig weg, ist jetzt aber trotz­dem „wie­der da“, denn mit „Rub“ver­öf­fent­licht sie end­lich ein neu­es Al­bum. „Die Büh­nen­pro­duk­tio­nen wa­ren gut für mich, weil ich mal auf ei­ne an­de­re Art und Wei­se krea­tiv sein konn­te“, er­zählt Peaches im In­ter­view mit SIE­GES­SÄU­LE in ei­nem klei­nen Ca­fé am Prenz­lau­er Berg. „Vor al­lem ,Peaches Does Her­s­elf’ war ei­ne Mög­lich­keit, mei­nen Traum zu ver­wirk­li­chen, auf der Büh­ne et­was mehr Auf­wand zu be­trei­ben. Ir­gend­wann war ich mit all die­sen Er­fah­run­gen aber durch und hat­te wie­der Bock, ein Peaches-Al­bum zu ma­chen.“Mit ih­rem Kum­pel Vice Coo­ler, der sie be­reits auf „Im­peach My Bush“(2006) mu­si­ka­lisch un­ter­stützt hat­te, zog sie sich in ih­re Ga­ra­ge in Los An­ge­les zu­rück und fri­ckel­te ein Jahr lang an neu­en Songs. „Ich woll­te ei­ne to­tal re­du­zier­te Hard­core-Peaches-Plat­te ma­chen. Die Zeit war sehr in­ten­siv. Zwei Men­schen, die ein Jahr lang je­den Tag zehn St­un­den zu­sam­men ar­bei­ten.“Nach den di­ver­sen Kol­la­bo­ra­tio­nen des letz­ten Al­bums sind dies­mal die we­ni­gen Gäs­te hand­ver­le­sen. So greift bei­spiels­wei­se gleich im Ope­ner „Clo­se Up“die So­nic-Youth-Le­gen­de Kim Gor­don zum Mi­kro. „Sie kam in mein win­zi­ges Stu­dio, setz­te sich die Kopf­hö­rer auf und leg­te los. Ich hör­te nur ih­re Stim­me und dach­te: Wow, das ist so cool!“Doch nicht nur die Zahl der Gäs­te ist mi­ni­mal, auch mu­si­ka­lisch be­ruft sich „Rub“auf ei­nen An­satz, der seit „The Teaches of Peaches“viel­leicht nicht mehr so ra­di­kal um­ge­setzt wur­de: Beats und Stim­me. Mas­siv dräu­en­de Bäs­se, schnar­ren­de Sna­res und deut­lich we­ni­ger ge­sun­ge­ne Pas­sa­gen als noch auf dem pop­pi­gen „I Feel Cream“. Auch the­ma­tisch ist Peaches ganz bei sich, nah dran am Em­power­ment weib­li­cher Se­xua­li­tät. Mö­sen über­all, ob im hol­pern­den Ti­tel­track oder im mi­ni­ma­lis­tisch klap­pern­den „Va­gi­no­plas­ty“– Peaches suhlt sich lust­voll im saf­ti­gen The­ma: weib­li­che Eja­ku­la­ti­on, di­cke Mu­schis, Är­sche – al­le Lö­cher wer­den ge­fei­ert und mu­tie­ren da­bei zu Me­ta­phern der Selbst­er­mäch­ti­gung: „In ,Light in Pla­ces’ geht es dar­um, Licht an Or­ten zu fin­den, von de­nen man nicht wuss­te, dass es dort Licht gibt. Es geht um das Ent­de­cken ver­bor­ge­ner po­si­ti­ver Aspek­te.“Doch ähn­lich wie auf „I Feel Cream“mit Songs wie „Lo­se You“ist es auch dies­mal der per­sön­lichs­te Track des Al­bums, der es schafft, durch das Über­win­den der sex­po­si­tiv kraft­mei­ern­den Kunst­fi­gur ei­nen wirk­lich tief be­rüh­ren­den oder viel­mehr ver­stö­ren­den Mo­ment zu schaf­fen. In „Free Drink Ti­cket“, ei­nem hass­er­füll­ten Brett, ver­ar­bei­tet Peaches die Tren­nung von ih­rem Lo­ver, ei­nem be­kann­ten Ber­li­ner Ver­an­stal­ter und Club­be­sit­zer. „Es geht nicht dar­um, die­se Per­son zu iso­lie­ren. Oder viel­leicht doch. Der Punkt ist ei­gent­lich fol­gen­der: Man ist ver­liebt, dann wird man ver­letzt, und die Per­son, der man am meis­ten ver­traut hat, ist nun die Per­son, die man am meis­ten hasst. Ich fin­de das fas­zi­nie­rend.“Und schon wä­re man wie­der bei Berlin und der Tat­sa­che, dass man in die­ser Stadt ein­fach mehr mit­be­kommt. Vie­le Leu­te hier wis­sen genau, von wem die­ser Text han­delt. „Es geht mir aber nicht nur um die­sen Men­schen, son­dern dar­um, dass Leu­te sich zu die­sem Song ih­re ei­ge­nen Ge­dan­ken ma­chen, ih­re Er­fah­run­gen in den Text le­gen kön­nen über die­sen Mo­ment, wenn aus Lie­be Hass wird.“< Jan Noll

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