Lasst die To­ten ru­hen

Siegessaeule - - Buch -

En­de Au­gust er­schien das Buch „Ver­schwö­rung“des schwe­di­schen Au­tors und Fern­seh­jour­na­lis­ten Da­vid La­ger­crantz und sorg­te welt­weit für Auf­re­gung. Denn da­bei han­delt es sich um nichts Ge­rin­ges als die Fort­set­zung der me­ga­er­folg­rei­chen „Mill­en­ni­um“-Tri­lo­gie von Stieg Lars­son > Die drei Kri­mi­nal­ro­ma­ne der „Mill­en­ni­um“-Rei­he rund um die mar­kan­ten Haupt­fi­gu­ren Lis­beth Sa­lan­der und Michael Blomkvist wa­ren die best­ver­kauf­ten Bü­cher ih­rer Zeit (2005–2007) in Eu­ro­pa. Ein Er­folg, den ihr Schöp­fer Stieg Lars­son selbst gar nicht mehr mit­be­kam, da er be­reits ein Jahr vor Er­schei­nen des ers­ten Ban­des ver­stor­ben war. Da­vid La­ger­crantz, der bis da­to in Schwe­den sei­nen größ­ten Er­folg mit der Bio­gra­fie über den hei­mi­schen Fuß­ball­su­per­star Zla­tan Ibra­hi­mo­vic fei­er­te, hat nun auf 600 Sei­ten mit „Ver­schwö­rung" (Ori­gi­nal­ti­tel: „Det som in­te dö­dar oss/Was uns nicht um­bringt") ei­ne höchst um­strit­te­ne Fort­set­zung der Tri­lo­gie ge­schrie­ben. Um­strit­ten al­lein des­halb, weil vie­le fürch­ten, hier soll aus Lars­sons Ver­mächt­nis Geld ge­schla­gen wer­den, und weil vie­le der Mei­nung sind, kein an­de­rer kön­ne sein Werk in sei­nem Sin­ne und zu­gleich so ge­ni­al fort­set­zen. Und ge­nau­so ist es auch! „Ver­schwö­rung" ist al­les an­de­re als sen­sa­tio­nell, son­dern lei­der nur ein gut ge­mein­ter Ver­such, die Ge­nia­li­tät von Lars­sons Ge­schich­ten, die Ein­zig­ar­tig­keit sei­ner Fi­gu­ren und sei­ne po­li­ti­sche Ra­di­ka­li­tät in an­stän­di­ger Form wei­ter­zu­füh­ren. Doch holt man sich ei­ne Re­vo­lu­ti­on ins Wohn­zim­mer, ver­pufft sie, wird brav, bie­der und kraft­los. Ge­nau­so fühlt sich La­ger­crantz’ Ge­schich­te an, die oh­ne Fra­ge ein hand­werk­lich gut ge­mach­ter Thril­ler ist. Zwar sagt er selbst: „Das Buch ist ei­ne Hom­mage an die Welt, die Stieg Lars­son ge­schaf­fen hat“, je­doch feh­len ihr da­zu die wich­tigs­ten Kom­po­nen­ten: der kämp­fe­risch-fe­mi­nis­ti­sche An­satz, die ta­bu­lo­se Se­xua­li­tät der Haupt­fi­gu­ren und vie­les mehr. In „Ver­schwö­rung" hat nie­mand mehr Sex, nicht mal den Wunsch da­nach. Und gera­de die­ser Punkt war das Er­fri­schen­de an den Ge­schich­ten um Lis­beth Sa­lan­der, die über­wie­gend mit Frau­en ins Bett ging und wie al­le an­de­ren Fi­gu­ren der ers­ten Bän­de ei­nen un­ver­krampf­ten und frei­heit­li­chen Um­gang mit Se­xua­li­tät hat­te. Au­ßer­dem sorg­te die gna­den­lo­se De­mas­kie­rung der an­geb­lich so fort­schritt­li­chen und to­le­ran­ten schwe­di­schen Ge­sell­schaft als zu­tiefst ras­sis­tisch, ver­lo­gen und frau­en­feind­lich für reich­lich Auf­se­hen im Ur­sprungs­land. Zu­sätz­lich skiz­zier­te Lars­son noch ei­nen kor­rup­ten Jus­tiz- und Po­li­zei­ap­pa­rat. Bei La­ger­crantz sind nun NSA, USA und Rus­sen die Bö­sen, Schwe­den dient le­dig­lich als Schau­platz all der Ver­bre­chen. Die Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit Frau­en­hass und der ra­di­ka­len Selbst­jus­tiz der Hel­din Lis­beth wir­ken bei ihm mü­de und schon fast sa­lon­fä­hig – et­was, was Lis­beth zu­tiefst an­kot­zen wür­de. Über­haupt hat er sich nicht rich­tig an die wich­tigs­te Fi­gur her­an­ge­traut. Zwar geht es über­wie­gend um die hoch­ta­len­tier­te Ha­cke­rin und Re­bel­lin und um ih­re ver­korks­te Fa­mi­li­en­ge­schich­te, sel­ten aber spielt sie ei­ne ak­ti­ve Rol­le. Mehr im Mit­tel­punkt steht Star­jour­na­list Mi­ka­el Blomkvist, der zu­vor auch se­xu­ell um­trie­big war, nun brav im Zaum ge­hal­ten wird und le­dig­lich ei­ner gu­ten Sto­ry hin­ter­her­ja­gen darf. Statt­des­sen gibt es jetzt auch mal bö­se Frau­en und vie­le gu­te Po­li­zis­ten, wo­durch das Mus­ter ei­nes ty­pi­schen Skan­di­na­vi­en­kri­mis be­dient wird – nur war es genau das, was Lars­sons Bü­cher von den an­de­ren Ti­teln des Skan­di­na­vi­en­kri­mi-Booms so an­ge­nehm un­ter­schied. Da all sei­ne Bü­cher er­folg­reich und teils mehr­fach ver­filmt wur­den, ist zu be­fürch­ten, dass hier aus Geld­gier be­reits eben­so ei­ne fil­mi­sche Ad­ap­ti­on ge­plant ist. Hof­fent­lich bleibt Noo­mi Ra­pace, die kon­ge­nia­le schwe­di­sche Darstel­le­rin der Film-Lis­beth, bei ih­rem Wort, für ei­ne Fort­set­zung oh­ne ei­ne Grund­la­ge von Stieg Lars­son nicht zur Ver­fü­gung zu ste­hen. < Manuela Kay

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