Sei­ten­blick

Siegessaeule - - Buch -

> 1986 hat­te ich mein ers­tes Co­m­ing-out: Weiß ge­schminkt, mit blut­ro­ten Lip­pen und in ei­nen schwar­zen Um­hang ge­hüllt, kroch ich – thea­tra­lisch lang­sam – aus mei­nem selbst ge­bas­tel­ten Papp­s­arg. Mei­ne Freun­din Sa­bi­ne stürm­te schrei­end aus dem Zim­mer, die Trep­pen hin­ab und aus dem Haus. Ko­mi­scher­wei­se woll­te sie da­nach nie wie­der zum Spie­len vor­bei­kom­men. Mei­ne Lie­be zu den schö­nen, ge­schlechts­lo­sen Blut­sau­gern hin­ge­gen blieb. Und sorg­te da­für, dass der An­ne-Rice­Klas­si­ker „In­ter­view mit ei­nem Vam­pir“be­reits in mei­nem Re­gal stand, be­vor 1994 der gleich­na­mi­ge Film ei­ne re­gel­rech­te Rice­ma­nia aus­lös­te. Das quee­re Po­ten­zi­al des Vam­pirs wur­de mir je­doch erst vie­le Jah­re spä­ter be­wusst, als gera­de ein­mal wie­der be­sag­ter Film über den Bild­schirm flim­mer­te. Eben war Tom Crui­se ali­as Le­s­tat da­bei, Brad Pitt ali­as Lou­is zu Bo­den zu rin­gen, da dach­te ich mir: „Die hät­ten jetzt auch an­ders über­ein­an­der her­fal­len kön­nen!“Denkt man nur ei­ne Mi­nu­te dar­über nach, sind die Par­al­le­len of­fen­sicht­lich. Vam­pi­re fun­gie­ren in Film und Li­te­ra­tur als Ta­bu­bre­cher, die gleich­zei­tig ab­sto­ßen und fas­zi­nie­ren, sie über­schrei­ten die Gren­zen zwi­schen Gut und Bö­se, Le­ben und Tod, weib­lich und männ­lich und ent­zie­hen sich so un­se­ren ge­wohn­ten Wahr­neh­mungs­ka­te­go­ri­en. Und ih­re Se­xua­li­tät – so ih­nen denn über­haupt ei­ne zu­ge­stan­den wird – ist al­les an­de­re als ge­ni­tal­fi­xiert. Oder an­ders ge­sagt: Wenn hier ir­gend­was ir­gend­wen pe­ne­triert, dann höchs­tens ein Paar schar­fe Eck­zäh­ne ei­nen hüb­schen Hals. Kein Wun­der al­so, dass sich ne­ben den weich ge­spül­ten Main­stream-Ver­sio­nen à la „Twi­light“, die sich we­ni­ger fürs Blut­sau­gen als für tra­di­tio­nel­le Fa­mi­li­en­wer­te und die Wah­rung vor­ehe­li­cher Keusch­heit in­ter­es­sie­ren, noch ei­ne ganz an­de­re Ni­sche her­aus­ge­bil­det hat: schwu­le Vam­pi­re­ro­tik. Dar­auf spe­zia­li­siert hat sich bei­spiels­wei­se der De­ad Soft Ver­lag. Doch auch bei Him­mel­stür­mer ist vor al­lem mit der Rei­he von Ha­gen Ul­rich ei­ni­ges an bis­si­gem Ho­mo-Sex zu fin­den. Die Klap­pen­tex­te le­sen sich al­le recht ähn­lich, ver­spre­chen „ein Netz aus Schmerz und Lei­den­schaft“zwi­schen Prot­ago­nis­ten mit klang­vol­len Na­men wie Alex­an­der de Daho­mey oder Elias Al-Bucha­ri. Ho­he Kunst soll­te man hier al­so eher nicht er­war­ten, doch ei­nen lan­gen grau­en Herbst­abend kann ei­nem ein sol­cher Schmö­ker al­le­mal ver­sü­ßen. In­ter­es­san­ter­wei­se ha­ben sich die­ses Jahr aber auch zwei Ver­la­ge, die eher der ge­ho­be­nen Li­te­ra­tur zu­zu­ord­nen sind, an das sonst eher ge­äch­te­te Vam­pirGen­re her­an­ge­wagt: der In­de­pen­dent-Ver­lag Reine­cke & Voß mit Lui­se Bo­e­ges De­büt­ro­man „Kas­pers Freun­din“so­wie der Berlin Ver­lag mit Katharina Hart­wells „Dieb in der Nacht“. Wäh­rend Bo­e­ge ei­ne raf­fi­nier­te Got­hic-Gro­tes­ke mit herr­lich skur­ri­len Cha­rak­te­ren und ab­sur­den Dia­log­sze­nen ab­lie­fert, ist „Der Dieb in der Nacht“ein eher klas­sisch auf­ge­bau­tes Psy­cho­gramm mit sub­ti­len Thril­le­r­ele­men­ten – un­ter de­nen auch ei­ne ho­mo­ero­tisch auf­ge­la­de­ne Sym­bio­se zwi­schen zwei an­sehn­li­chen jun­gen Män­nern ei­ne zen­tra­le Rol­le spielt. Zu­ge­ge­ben: Es fließt hier we­der Blut noch Sper­ma. Da­für be­wei­sen bei­de Bü­cher auf ei­gen­wil­li­ge Wei­se, dass sich die sym­bo­li­schen und psy­cho­ana­ly­ti­schen Di­men­sio­nen des Vam­pirs auch li­te­ra­risch wun­der­bar aus­lo­ten las­sen, oh­ne bil­li­ge Kli­schees zu be­die­nen. Bleibt zu hof­fen, dass durch der­art gut ge­schrie­be­ne Bü­cher die Nacht­ge­stal­ten all­mäh­lich sa­lon­fä­hig wer­den und mit ih­rer Queer­ness die Hoch­li­te­ra­tur er­obern. <

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