Bal­lett mit Or­gas­mus

Siegessaeule - - Bühne -

Dua­to | Ky­lián | Na­ha­rin, Cho­reo­gra­fi­en von Na­cho Dua­to, Jiří Ky­lián und Ohad Na­ha­rin, 22.10. (Pre­mie­re), 23., 27., 29.10., 19:30, Deut­sche Oper Berlin

staats­bal­lett-berlin.de Die „Ga­ga“-Tanz­tech­nik aus Tel Aviv macht dem Staats­bal­lett Bei­ne: Im letz­ten Teil des Bal­lett­abends „Dua­to | Ky­li­an | Na­ha­rin“be­kommt das Ber­li­ner Pu­bli­kum mit „Se­cus“end­lich wie­der ei­ne Ar­beit von Ohad Na­ha­rin zu se­hen. Zu­vor geht es in dem sinn­li­chen Abend um Kastra­ten und Or­gas­men > „Kastra­ten hat­ten oft ein schreck­li­ches Le­ben, ei­ne kur­ze Zeit des Ruhms, da­nach ge­rie­ten sie in Ver­ges­sen­heit und star­ben meist ver­armt und ein­sam“, sagt Na­cho Dua­to im Ge­spräch mit SIE­GES­SÄU­LE. Der In­ten­dant des Staats­bal­letts be­leuch­tet in sei­ner Cho­reo­gra­fie „Castra­ti“die dunk­le Sei­te der en­gels­glei­chen Stimm­wun­der aus der Ba­rock­zeit: „Vie­le der Jun­gen woll­ten nicht kas­triert wer­den. Sie ka­men aus ar­men Fa­mi­li­en, die sie an die Kir­che ver­kauf­ten. Die brauch­te die ho­hen Stim­men, weil Frau­en in der Kir­che nicht sin­gen durf­ten. Es ist ei­ne der un­rühm­li­chen Sei­ten in der Ge­schich­te der Kir­che, wo­von es ja nicht we­ni­ge gibt.“Der er­zwun­ge­ne Ver­lust der bio­lo­gi­schen „Männ­lich­keit“: Das The­ma bie­tet sich an, die Pro­ble­ma­tik der Kastra­ten im Licht ei­ner zeit­ge­mä­ßen Gen­der-Per­spek­ti­ve zu be­trach­ten. Nach die­sem Kö­der aber schnappt Dua­to nicht: „Der letz­te Kastrat, Ales­san­dro Mo­re­schi, starb 1922. Das Pro­blem ist al­so heu­te glück­li­cher­wei­se Ge­schich­te. Ge­ni­al war aber die Mu­sik. Vi­val­dis Kom­po­si­tio­nen sind genau für die­se Stim­men ge­schrie­ben wor­den, sind al­so ide­al, das Pro­blem der Kastra­ten zu re­flek­tie­ren.“ Für den drei­tei­li­gen Abend kom­bi­niert der In­ten­dant sei­ne ei­ge­ne Cho­reo­gra­fie von 2002 mit Ohad Na­ha­rins „Se­cus“und „Pe­ti­te Mort“von Ji­rí Ky­lián. „Der klei­ne Tod“, ein fran­zö­si­sches Wort­spiel für Or­gas­mus, spielt mit den ag­gres­si­ven wie auch den ver­letz­li­chen Sei­ten von Se­xua­li­tät. Soll dem Staats­bal­lett end­lich wie­der ei­ne or­dent­li­che Por­ti­on Sex-Ap­peal ver­passt wer­den? „Bal­lett soll­te im­mer auch se­xy sein oder, bes­ser ge­sagt, ei­ne ge­wis­se Sinn­lich­keit aus­drü­cken“, meint Dua­to aus­wei­chend. „So­bald zwei Men­schen auf der Büh­ne ste­hen, ob es nun Mann und Frau, zwei Frau­en oder zwei Män­ner sind, ent­steht ei­ne sinn­li­che Be­zie­hung. Sie müs­sen sich nur an­schau­en und schon wird ei­ne Ge­schich­te dar­aus.“Auf mehr als nur in­ten­si­ve Bli­cke darf man sich bei „Se­cus“von Ohad Na­ha­rin freu­en. Der is­rae­li­sche Cho­reo­graf ist seit 1990 der krea­ti­ve Kopf der Tel Avi­ver Bats­he­va Dan­ce Com­pa­ny. Lan­ge Zeit war in Berlin kei­ne Ar­beit des welt­weit ge­frag­ten Cho­reo­gra­fen mehr zu se­hen. Auch mit dem Staats­bal­lett ist es die ers­te Zu­sam­men­ar­beit. „Ich bin sehr froh, dass Ohad Na­ha­rin jetzt in Berlin für das Staats­bal­lett ar­bei­tet“, so Dua­to. „Ich den­ke, er ist ei­ner der wich­tigs­ten Cho­reo­gra­fen zur­zeit und darf in un­se­rem Re­per­toire nicht feh­len.“Na­ha­rins abs­trak­te Cho­reo­gra­fie von 2005 ist ein rau­schen­des Fest. Er spielt mit Lei­den­schaf­ten und Ex­tre­mem, zeigt un­bän­di­ge Kraft und die Lust am Mo­ment. Um für „Se­cus“ge­wapp­net zu sein, ha­ben sich 17 Tän­ze­rin­nen und Tän­zer des Staats­bal­letts in „Ga­ga“ein­ge­ar­bei­tet, das von Na­ha­rin selbst ent­wi­ckel­te Be­we­gungs­kon­zept. „Er ar­bei­tet mit ganz an­de­ren Be­we­gungs­for­men als et­wa ich oder Ji­rí Ky­lián. Mit sei­ner Ga­ga-Me­tho­de nutzt er ei­ne ei­ge­ne Tech­nik, um Emo­tio­nen durch Be­we­gung aus­zu­drü­cken“, sagt Na­cho Dua­to. „Für die Tän­ze­rin­nen und Tän­zer ist es ei­ne sehr wert­vol­le und be­rei­chern­de Er­fah­rung. Es wird ih­nen auch er­mög­li­chen, an das klas­si­sche Re­per­toire an­ders her­an­zu­ge­hen, in ei­ner eher or­ga­ni­schen Wei­se.“Ein­ein­halb Jah­re im Amt, steht der Nach­fol­ger von Vla­di­mir Ma­lak­hov sehr un­ter Druck: Zu un­pro­duk­tiv, zu ab­we­send, oh­ne künst­le­ri­sche Vi­si­on, so lau­ten die nicht un­be­rech­tig­ten Vor­wür­fe an Na­cho Dua­to. Viel­leicht kann Ohad Na­ha­rins lei­den­schaft­li­cher Ga­ga das Ru­der ja her­um­rei­ßen. Und sei es nur für ei­nen Abend. <

Cars­ten Bau­haus

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