Welt­star im Schrank

Siegessaeule - - Tach Auch -

Am 10. Ja­nu­ar starb Da­vid Bo­wie über­ra­schend im Al­ter von 69 Jah­ren an Krebs. Der Ber­li­ner Künst­ler und Szen­echro­nist Wolf­gang Mül­ler (Die Töd­li­che Doris) blickt zum Ab­schied auf Bo­wies Wir­ken in un­se­rer Stadt

> „Nun, West­ber­lin war für die in­ter­na­tio­na­le Kunst­sze­ne ein Klei­der­schrank für ol­le Kla­mot­ten“, stell­te Günter Brus 1970 er­nüch­tert fest. Gera­de war der Ak­ti­ons­künst­ler in Wi­en we­gen „Her­ab­wür­di­gung der Staats­sym­bo­le“zu sechs Mo­na­ten ver­schärf­ten Ar­rests ver­ur­teilt wor­den und in die Ex­kla­ve ge­flüch­tet. Dort ver­sam­mel­ten sich all die Nichts­nut­ze, Outs­ider, Bun­des­wehr­flücht­lin­ge, Les­ben, Schwu­len, Trans*, für die re­ak­tio­när-spie­ßi­ge Po­li­ti­ker spä­ter das Feind­kol­lek­tiv „An­ti­ber­li­ner“er­fan­den. Fas­zi­niert von „Ca­ba­ret“, der Ver­fil­mung von Chris­to­pher Is­her­woods Ro­man, schlüpf­te sechs Jah­re spä­ter auch Da­vid Bo­wie in den muf­fi­gen Klei­der­schrank, er­fand sich da­rin völ­lig neu – und gleich die gan­ze Stadt da­zu. Nur ein Jahr nach sei­nem Um­zug er­öff­ne­te ne­ben Bo­wies Woh­nung, Haupt­stra­ße 155, in der 157 das Ca­fé An­de­res Ufer. Es war das ers­te of­fen schwul-les­bi­sche Lo­kal der west­li­chen He­mi­sphä­re. Hier er­gat­ter­te ich ei­nen der be­gehr­ten Jobs, ver­ab­re­de­ten sich Blixa Bar­geld und Kunst­stu­den­tin Gu­drun Gut, wäh­rend Stamm­gast Ta­bea Blu­men­schein, der Gla­mour-Star der Les­ben­sze­ne, zum Töd­li­che-Doris-Mit­glied wur­de. In der Fa­b­rik­eta­ge ih­rer bes­ten Freun­din, der Mo­de­schöp­fe­rin Clau­dia Sko­da, war Bo­wie ein häu­fi­ger Gast. Doch auch an­ders­wo konn­te je­de/r zu­fäl­lig auf ihn tref­fen: beim Bä­cker, auf dem Fahr­rad, im Dschun­gel oder in sei­ner Lieb­lings­bou­tique John Glet, dem Fach­ge­schäft für Be­rufs­be­klei­dung am Meh­ring­damm 27 – ein ganz nor­ma­ler Welt­star. Un­auf­fäl­lig und kaum be­ach­tet. Ei­ne Freun­din sah ihn in der S-Bahn: „Er saß uns di­rekt ge­gen­über und las ei­ne eng­li­sche Zei­tung. Wir wa­ren bei­de da­mals viel­leicht fünf­zehn und be­gan­nen lei­se zu sin­gen: ,Ground con­trol to Ma­jor Tom ...’. Lang­sam senk­te Bo­wie die Zei­tung, zwin­ker­te uns ein­mal kurz an und schob die Zei­tung wie­der zu­rück.“In Bo­wies ei­ge­nem Kos­mos be­geg­ne­te Ot­to Mül­lers ex­pres­sio­nis­ti­sches Ge­mäl­de „Lie­bes­paar zwi­schen Gar­ten­mau­ern“von 1916 der Ge­gen­wart in Gestalt der Ber­li­ner Mau­er: „,He­roes’“. Nach­dem Bo­wie und Lou Reed die bis da­to graue Grenz­an­la­ge in den in­ter­na­tio­na­len Popkon­text ein­ge­bracht hat­ten, be­gann ein fran­zö­si­scher Bo­wie-Fan sie ki­lo­me­ter­wei­se knall­bunt zu be­ma­len – die Mau­er wur­de zur gro­tes­ken Pop-Art. Zu­gleich er­ober­te der neue Wes­tber­li­ner Neoex­pres­sio­nis­mus die in­ter­na­tio­na­le Kunst­sze­ne, die Wil­den Ma­ler. Da­vid Bo­wie hat auf ein­zig­ar­tig an­re­gen­de Wei­se so­wohl mu­si­ka­li­sche Gren­zen als auch die von Iden­ti­tät und Ge­schlecht de­kon­stru­iert, um neue Gestalt ent­ste­hen zu las­sen: Ein Ge­samt­kunst­werk zwi­schen Kunst und Pop­mu­sik mit nach­hal­ti­gen Aus­wir­kun­gen auf die Rea­li­tät in­klu­si­ve all ih­rer Un­wirk­lich­keit. <

Bo­wie er­fand sich neu

... und gleich ganz Ber­lin mit da­zu

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