„Wenn man plötz­lich sei­ne Lie­bes­brie­fe nackt auf ei­ner Büh­ne vor­le­sen soll, dann ist das schon be­ängs­ti­gend“

Siegessaeule - - Musik -

In dei­nen Songs be­singst du al­ler­dings im­mer die uner­wi­der­te Lie­be, die du in der Ver­gan­gen­heit er­fah­ren hast. Ich glau­be, in je­dem Song. (lacht) Du hast dich viel in He­te­ro­män­ner ver­schos­sen. War­um die­ser Hang zur klas­sisch un­er­füll­ba­ren Lie­be? Ich hab viel ge­lit­ten, aus­ge­sucht hab ich mir das ganz si­cher nicht. Der ers­te He­te­ro­typ, an den ich mein Herz ver­lor, war ein Freund aus mei­ner Schu­le. Ich war 15 oder so und un­sterb­lich in ihn ver­liebt. Sei­net­we­gen ha­be ich an­ge­fan­gen ei­ge­ne Songs zu schrei­ben. Es war für mich der ein­zi­ge Aus­weg, das ein­zi­ge emo­tio­na­le Ven­til. So was ist ja nicht nur ei­ne uner­wi­der­te, son­dern ei­ne un­mög­li­che Lie­be. Man könn­te jetzt ge­mein sein und sa­gen, dass schwu­le Män­ner, die sich häu­fig in He­te­ros ver­lie­ben, ger­ne lei­den. Bist du ein Me­lan­cho­li­ker? (lacht) Man­che wür­den mich be­stimmt so be­zeich­nen. Es gibt aber auch Songs zu an­de­ren The­men. „Fall Away“zum Bei­spiel. Der Song han­delt von ei­ner ver­gan­ge­nen Be­zie­hung. Es geht um je­man­den, der ein Al­ko­hol- und Dro­gen­pro­blem hat, und dar­um, wie ei­ne Lie­be dar­an zer­bricht. Ja. Man schaut zu, wäh­rend sich je­mand lang­sam zer­stört. Wie lan­ge macht man mit? Es war ei­ne lan­ge und ei­gent­lich erns­te Be­zie­hung, aber ir­gend­wann ging das gar nicht mehr. Un­ter Schwu­len in Ber­lin wer­den ja un­heim­lich vie­le Dro­gen kon­su­miert. Ist die­se In­ten­si­tät ein Phä­no­men spe­zi­ell die­ser Stadt? Ja, auf je­den Fall! Die­se Stadt hat zwei Ge­sich­ter: Ei­ner­seits ist sie Künst­ler­ha­fen der Bo­he­me und auf der an­de­ren Sei­te ein de­ka­den­ter Dis­coF­rei­zeit­park. Ich bin auf bei­den Sei­ten ge­we­sen. Die­se läs­si­ge At­ti­tü­de ge­gen­über Ar­beit, weil man hier eben auch mit ei­nem Teil­zeit­job gut lebt, hat mit­un­ter Nach­tei­le: Man kann sehr selbst­zu­frie­den wer­den. Auch ich ha­be mich dem Ex­zess ein paar Jah­re in­ten­siv hin­ge­ge­ben, ha­be mich fast ver­lo­ren, be­vor ich dann die Kur­ve krieg­te. Das pas­siert hier vie­len. In Städ­ten wie New York oder Lon­don kann man sich so was gar nicht leis­ten. Es ist dort so teu­er, dass man 50 oder 60 St­un­den in der Wo­che ar­bei­ten muss. Man hat kei­ne Zeit für Ex­zess. Wenn man dort rich­tig ab­fuckt, dann spuckt ei­nen die Stadt ein­fach aus. Das funk­tio­niert wie ei­ne Art Im­mun­sys­tem. Du be­zeich­nest dich als „gay alt-coun­try ar­tist“. In Eu­ro­pa hat­te Coun­try ja lan­ge ein mie­ses Image, bis man mit den letz­ten Plat­ten von John­ny Cash die an­spruchs­vol­len Künst­le­rIn­nen ent­deck­te. Hat Coun­try in den USA ei­nen bes­se­ren Ruf? Coun­try hat in den USA den glei­chen schlech­ten Ruf wie in Deutsch­land. Es gibt eben wie übe­r­all an­ders auch gu­te und schlech­te Sa­chen. John­ny Cash ist na­tür­lich toll, oder die Sän­ge­rin Kath Bloom. Ich glau­be, die Mu­sik­rich­tung hat ei­nen schlech­ten Ruf, weil es eben so viel Schrott gibt, sehr pa­trio­ti­sches Red­neck-Zeug. Dum­me Sa­chen. Der Text zum Song „Zu son­der­ba­ren Zei­ten“bleibt für mich abs­trakt, ob­wohl er auf Deutsch ge­schrie­ben ist. Wor­um geht's und war­um hast du die­sen Song auf Deutsch ge­macht? Ich hab als Kind schon mal in Deutsch­land ge­lebt, zwi­schen mei­nem neun­ten und mei­nem 13. Le­bens­jahr. In Epstein in Hes­sen. Mein Va­ter hat­te dort 1992 ei­nen Job be­kom­men. Die Jah­re in Deutsch­land wa­ren für mich prä­gend, zu­mal ich hier auch mei­ne Se­xua­li­tät ent­deckt ha­be. Als wir dann mit­ten in mei­ner Pu­ber­tät wie­der zu­rück in die USA gin­gen, war das hart für mich. Ich bin mit der ame­ri­ka­ni­schen Ge­sell­schaft gar nicht mehr klar­ge­kom­men. Mein Um­zug nach Ber­lin war dann so was wie ei­ne Flucht. Die Stadt gab mir ein emo­tio­na­les Asyl, ich kam zur Ru­he. In den ers­ten Mo­na­ten hat­te ich gar kei­ne Freun­de, ging nicht aus, mal­te je­den Tag. Aus die­ser Ru­he her­aus ent­stand der Song. Da­her auch auf Deutsch, weil es um das Ge­fühl geht, hier zu sein und zu­rück auf mein Le­ben in den USA zu schau­en. Deutsch­land fühl­te sich nost­al­gisch an, weil ich eben als Kind schon mal hier ge­lebt hat­te. Für mich ist es auch eher ein abs­trak­ter Song. Und vie­les im Text ist gram­ma­ti­ka­lisch nicht so ganz rich­tig. (lacht) Du hast zu ei­ni­gen Songs auch Vi­de­os ge­dreht. Ja, für „Dumb“, „In My Dreams“und „Gay­dar's Got A Glitch“. In letz­te­rem spie­len die Ber­lin Brui­sers mit. Die tan­zen, das ist to­tal lus­tig. < In­ter­view: Jan Noll

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.