Ker­zen und Mar­me­la­de

Siegessaeule - - Musik -

Ste­reo To­tal: Les Hor­mo­nes (Staats­akt/Ca­ro­li­ne In­ter­na­tio­nal), jetzt er­hält­lich Ste­reo To­tal li­ve, 20.04., 20:00, Li­do Seit über zwan­zig Jah­ren ver­öf­fent­licht das Kreuz­ber­ger Duo Ste­reo To­tal wun­der­bar an­ar­chis­ti­sche Plat­ten mit Pop­mu­sik. Nach „Cac­tus ver­sus Bre­zel“von 2012 mel­den sie sich nun mit „Les Hor­mo­nes“zu­rück und klin­gen dar­auf so un­ver­schämt wie im­mer. Schep­pern­der, Six­ties-in­spi­rier­ter Ga­ra­gen­rock mit deut­schen, eng­li­schen, ja­pa­ni­schen und fran­zö­si­schen Tex­ten. Der Künst­ler Wolf­gang Mül­ler traf Françoi­se Cac­tus und Bre­zel Gö­ring in der Ora­ni­en­stra­ße auf ein Käff­chen, um über die neue Schei­be zu plau­dern > Zärt­lich schmieg­te sich Françoi­se Cac­tus An­fang der 1980er-Jah­re am Ku’damm an ih­ren Freund. Gera­de war sie aus Frank­reich nach West­ber­lin ge­zo­gen. Françoi­se er­in­nert sich: „Plötz­lich wink­te von fern ei­ne äl­te­re Frau freund­lich her­über und rief laut: ‚Ja, geht nur schön ins Bett­chen, Kin­der! Zum Fi­cken!’“Erst spä­ter er­fuhr Françoi­se, wer die­se Frau ge­we­sen war: Sex­mis­sio­na­rin Hel­ga Goet­ze. Tag­täg­lich stand sie mit Pla­ka­ten „Fi­cken für den Frie­den“vor der Ge­dächt­nis­kir­che. Hat die­ser ers­te Ein­druck von West­ber­lin et­wa den Ti­tel des neu­en Ste­reo-To­tal-Al­bums an­ge­regt? „Les Hor­mo­nes“? „Aber nein! Hel­ga Goet­ze ist si­cher ei­ne sehr in­spi­rie­ren­de Künst­le­rin und ih­re Fick…, äh Stick­bil­der fin­de ich wun­der­bar, doch der Ti­tel des Al­bums hat eher et­was mit mei­ner Te­enager­zeit zu tun“, lacht Françoi­se. Zu­sam­men mit vier nied­li­chen lang­haa­ri­gen Boys grün­de­te sie da­mals im fran­zö­si­schen Vil­le­neuve-l’Arche­vêque ei­ne Band. „Ich jobb­te in der Fa­b­rik, um das Geld für ei­ne Gi­tar­re zu ver­die­nen.“Mar­kier­te das ih­ren Ein­stieg in die Pop­mu­sik? „Von we­gen! Als ich das Geld zu­sam­men­hat­te, da prob­ten die Jungs be­reits – oh­ne mich.“Und: Sie ent­schlos­sen sich da­zu, auch zu­künf­tig un­ter sich zu blei­ben. Im­mer­hin be­hiel­ten sie den lus­ti­gen Band­na­men. Den hat­te sich näm­lich Françoi­se aus­ge­dacht: Les Hor­mo­nes. In­so­fern ist das neue Ste­reo-To­tal-Al­bum „Les Hor­mo­nes“kei­ne Hom­mage an ei­ne völ­lig un­be­kann­te fran­zö­si­sche Boy­group der 1970er, son­dern viel­mehr au­to­bio­gra­fi­sche Er­in­ne­rung: an Mar­cus, J. J., Ro­se und Da­vid. Was die wohl heu­te ma­chen? „Apro­pos Hor­mo­ne“, er­gänzt Bre­zel Gö­ring und raunt über den Holz­tisch vom Ca­fé Käff­chen, „ich füh­le mich bei­spiels­wei­se ge­fan­gen im Kör­per ei­nes Mu­si­kers.“Zen­tra­les The­ma des Hor­mo­ne-Al­bums sei die Fra­ge nach der Iden­ti­tät. Was bin ich, was will ich sein, was soll ich sein, was wer­de ich wer­den? „Bei ,Dok­tor Kak­tus’“, mur­melt Bre­zel und streicht da­bei sanft über sei­ne blaue Yves-Saint-Lau­ren­tKra­wat­te, „da geht es um ei­ne drei­ge­spal­te­ne Per­sön­lich­keit, be­ste­hend aus ei­ner Ärz­tin, ei­ner Pho­bi­ke­rin und ei­ner ganz durch­schnitt­li­chen Frau.“Erst jetzt fällt mir auf, dass Françoi­se ei­ne ähn­li­che Kra­wat­te trägt, mit ro­tem Schot­ten­mus­ter. Ob sie denn die­se mul­ti­ple Per­sön­lich­keit sei? Aber nein, so au­to­bio­gra­fisch sei die­ser Song nun auch wie­der nicht, wehrt sie ab. Fas­zi­niert star­re ich auf ih­re Kra­wat­te. „Die tra­ge ich aus rei­nen Mus­ter­grün­den“, be­tont sie, „auf dem ,Les Hor­mo­nes’-Co­ver ist sie der Län­ge nach ab­ge­bil­det.“Die De­si­gner Her­vé & Paul ali­as Ca­bi­ne ha­ben auch die­ses Ste­reo-To­tal-Al­bum zum Au­gen­schmaus ge­macht. Das fri­sche, fröh­lich-schep­pern­de, chao­tisch-ero­tisch-ex­pe­ri­men­tel­le Klang­spiel er­freut die akus­ti­schen Sin­ne. Ja, er­klingt da nicht ein al­tes Ban­jo, er­tö­nen da hin und wie­der zärt­lich-schie­fe Tö­ne? Ein Re­zen­sent ver­glich das Al­bum be­reits mit selbst ge­mach­ter Mar­me­la­de. Die schme­cke im­mer noch am bes­ten. „Al­le Tracks wur­den ana­log auf­ge­nom­men“, be­stä­tigt Bre­zel, „auf 8-Spur-Au­dio­kas­set­ten.“Pro­du­zen­tin Françoi­se Cac­tus hat sie selbst ge­mischt. Al­so auch den Song mit dem ob­szö­nen Ti­tel „Halt dei­ne Ker­ze gera­de!“? Ob­szön? „Mais non, das klingt viel­leicht et­was por­no­gra­fisch, ist es aber gar nicht“, lacht Françoi­se über das klei­ne Miss­ver­ständ­nis: Sie sei als Kind im­mer von ih­rer Mut­ter er­mahnt wor­den, ei­ne gera­de Kör­per­hal­tung ein­zu­neh­men. Das sei nur ei­ne fran­zö­si­sche Re­de­wen­dung und Be­stand­teil stren­ger ka­tho­li­scher Er­zie­hung. Al­so, et­was völ­lig Nor­ma­les. < Wolf­gang Mül­ler

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