Ant­je in Höchst­form

Siegessaeule - - Buch -

Ant­je Rávic Stru­bel: „In den Wäl­dern des mensch­li­chen Her­zens“, S. Fi­scher, 272 Sei­ten, 19,99 Euro Es gibt Bü­cher, bei de­nen man schon nach we­ni­gen Sei­ten weiß, dass man sie bis zu ih­rem En­de nicht mehr aus der Hand le­gen wird. Der viel­fach aus­ge­zeich­ne­ten Schrift­stel­le­rin Ant­je Rávic Stru­bel ist mit ih­rem neu­es­ten Werk „In den Wäl­dern des mensch­li­chen Her­zens“ein Epi­so­den­ro­man von die­ser Sog­kraft ge­lun­gen > Gleich zu Be­ginn wirft Stru­bel ih­re Le­ser­schaft in das kal­te Was­ser ei­ner ster­ben­den Lie­be. Buch­stäb­lich, denn Kat­ja und Re­né be­fin­den sich auf ei­ner Ka­nu­tour in Schwe­den, als sie nicht mehr zu­ein­an­der­fin­den kön­nen. Kat­ja, die Äl­te­re, hat „schon die Zapf­häh­ne im Ro­ses, im Bier­him­mel, im Berg­hain be­dient und ist in Sa­ferSex-Per­for­man­ces auf­ge­tre­ten“, wäh­rend Re­né noch als Jungspund in Neu­rup­pin ge­wohnt hat. Den­noch sagt Re­né oft „mein Mäd­chen“zu ihr, wo­durch sich Kat­ja un­sicht­bar und nicht ge­meint fühlt – als wür­de Re­né ei­nen Kör­per be­geh­ren, den es gar nicht gibt. Es kommt zum Bruch und Re­né pad­delt al­lein in die Nacht hin­aus. Ku­lis­sen­wech­sel: Emi­ly und Leigh rei­sen durch den Se­quoia-Na­tio­nal­park, USA. Emi­ly be­gehrt den Stu­den­ten und sagt: „Du hast mir nie er­zählt, seit wann du weißt, dass du ein Jun­ge bist.“Spä­ter wird ihr Ver­schwin­den zu ei­nem zen­tra­len The­ma des Ro­mans. In kon­trast­rei­chen Epi­so­den be­geg­nen sich die Fi­gu­ren in den ver­schie­dens­ten Kon­stel­la­tio­nen und Zei­t­räu­men an un­ter­schied­li­chen Or­ten: in Schwe­den, in Bran­den­burg, in den USA. Im­mer sind sie in Be­we­gung und auf der Su­che. Nichts scheint kon­stant zu sein oder ei­nen fes­ten Kern zu ha­ben. Be­geh­ren, Kör­per, Or­te, Zeit­li­ni­en ge­ben kei­ne Ko­or­di­na­ten zur Ori­en­tie­rung. Gibt es Zu­fäl­le oder ei­nen mys­te­riö­sen Plan? Stru­bel, die er­fah­re­ne Rei­se­schrift­stel­le­rin, ver­steht es vir­tu­os, die Schick­sa­le mit­ein­an­der zu ver­we­ben, oh­ne je­mals zu viel preis­zu­ge­ben: Im­mer blei­ben Un­schär­fen in den Ge­schich­ten, de­ren Ge­scheh­nis­se sprach­lich prä­zi­se aus­ge­leuch­tet wer­den und gleich­zei­tig at­mo­sphä­ri­sche Schat­ten wer­fen, die fas­zi­nie­rend und un­heim­lich zu­gleich sind. Und gera­de da­durch, dass sich Stru­bel ei­nem neu­deut­schen „LGBT-Jar­gon“ent­zieht, um ih­re Fi­gu­ren zu be­schrei­ben, ge­rät sie nicht in das ober­fläch­li­che Fahr­was­ser po­li­ti­schen Zeit­geis­tes, son­dern er­zählt mit gro­ßer In­ten­si­tät von den be­deu­ten­den Le­bens­the­men, oh­ne zu ver­all­ge­mei­nern oder an he­te­ro­se­xu­el­le Blau­pau­sen an­zu­pas­sen. „In den Wäl­dern des mensch­li­chen Her­zens“dürf­te ihr queers­ter Ro­man sein, und ganz si­cher ist es ih­re bis­her bes­te Li­te­ra­tur, die man durch­aus in die Nä­he von Car­son McCul­lers und An­ne­ma­rie Schwar­zen­bach rü­cken darf. < Ste­pha­nie Kuh­nen

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