Sei­ten­blick

Siegessaeule - - Buch -

> Ir­gend­wann Mit­te der 90er-Jah­re, als das LWort lang­sam im Main­stream an­kam, ver­schlang ich gie­rig mei­nen ers­ten „rich­ti­gen“Les­ben­ro­man: Patri­ca Highs­mith’ „Salz und sein Preis“. Zu ei­ner Zeit al­so, als mit Me­lis­sa Et­he­ridge und k.d. lang die ers­ten of­fen les­bi­schen Iko­nen ge­fei­ert wur­den, als sich mit Neu­grün­dun­gen wie dem Qu­er­ver­lag auch der Buch­markt für ex­pli­zit ho­mo­se­xu­el­le The­men öff­ne­te, ver­lieb­te ich mich aus­ge­rech­net in ein Werk, in dem das Wort les­bisch nicht ein­mal vor­kommt. Tat­säch­lich blieb der 1952 er­schie­ne­ne Kult­klas­si­ker, der durch Todd Hay­nes’ Ver­fil­mung „Ca­rol“sei­nen zwei­ten (oder viel­leicht eher drit­ten) Früh­ling er­lebt, lan­ge Zeit mein Fa­vo­rit zum The­ma Frau­en­lie­be. Ich moch­te die stark co­dier­te Spra­che, die un­ter­schwel­lig be­droh­li­che Noir-At­mo­sphä­re, Ca­rols zwei­deu­ti­ge Bli­cke und Ges­ten, die The­re­se in­ner­lich ju­beln oder aber in tiefs­te Zwei­fel stür­zen las­sen. War­um sich die Prot­ago­nis­tin­nen die­ser wun­der­schön er­zähl­ten Lie­bes­ge­schich­te nicht selbst­be­wusst als Les­ben de­fi­nie­ren, er­klärt sich von selbst: In den re­pres­si­ven 50ern war les­bi­sches Le­ben und Lie­ben ein­fach kom­plett un­sicht­bar. Was Li­te­ra­tur an­ging, konn­te man schon froh sein, wenn ein Frau­en­paar das En­de ei­nes Bu­ches über­le­ben durf­te. Das ist heut­zu­ta­ge (zu­min­dest in Deutsch­land) glück­li­cher­wei­se ein biss­chen an­ders. Nur war­um kommt es mir dann im­mer noch so vor, als sei­en Les­ben im ge­druck­ten Wort un­ge­fähr so un­sicht­bar wie vor 60 Jah­ren? Beim Durch­blät­tern neu­er Print­me­di­en wie der „Strai­ght“oder der „Li­ber­ti­ne“fällt auf, dass die ab­ge­bil­de­ten Frau­en zwar durch­weg aus­se­hen wie für „The L Word“ge­cas­tet, das L-Wort selbst je­doch so gut wie nie auf­taucht. Und manch­mal ist es nicht leicht zu ent­schei­den, ob die­ses Ver­schwin­den ei­nem an­ti­fe­mi­nis­ti­schen Back­lash oder ei­nem neu­en quee­ren Selbst­ver­ständ­nis ge­schul­det ist, hin­ter dem ei­ne an­de­re Form der Selbst­ver­ständ­lich­keit steht: Viel­leicht ist aus der „Lie­be, die ih­ren Na­men nicht zu nen­nen wagt“, in­zwi­schen wirk­lich ei­ne „Lie­be, die ih­ren Na­men nicht zu nen­nen braucht“, ge­wor­den. So zu­min­dest ver­hält es sich in Sil­via Bo­ven­schens „Sa­rahs Ge­setz“(S. Fi­scher), ei­nem mei­ner Lieb­lings­bü­cher des letz­ten Herbs­tes. Zen­tra­les The­ma ist die in­ten­si­ve, vier­zig­jäh­ri­ge Be­zie­hung zwi­schen der Ma­le­rin Sa­rah Schu­mann und der In­tel­lek­tu­el­len Sil­via Bo­ven­schen. Das L-Wort wird je­doch auch hier an kei­ner Stel­le ge­nannt. Was Bo­ven­schen in ih­ren Pro­sami­nia­tu­ren ein­fängt, ent­zieht sich kon­se­quent ei­ner nor­mie­ren­den Be­griff­lich­keit. „Sa­rah fa­vo­ri­siert das Wort Freund­schaft“, schreibt die Au­to­rin, „hat aber auch kei­ne Ein­wän­de ge­gen das Wort Lie­be.“Es ist ein Zu­sam­men­sein, das Nä­he zu­lässt, oh­ne sich den an­de­ren ein­ver­lei­ben zu wol­len. Und ge­nau das fand ich un­glaub­lich in­spi­rie­rend – ein schö­nes Zeug­nis da­für, dass auch in der les­bi­schen Be­zie­hungs­welt ein Le­ben jen­seits von er­sti­cken­der Paar­sym­bio­se oder wahl­lo­sem Rum­ge­vö­gel mög­lich ist! Zu­schrei­bun­gen von au­ßen be­geg­net Bo­ven­schen mit der ihr ei­ge­nen sub­til-la­ko­ni­schen Iro­nie: „Er hat­te ganz of­fen­sicht­lich nichts ge­gen un­ser ,Ver­hält­nis‘ ein­zu­wen­den, fand mich aber zu dünn“, schreibt sie bei­spiels­wei­se über die Be­geg­nung mit Sa­rahs Va­ter. Bei Sil­via Bo­ven­schen, so hat­te ich das Ge­fühl, ge­schieht die Wei­ge­rung, aus ih­rer Lie­be zu Sa­rah ei­ne Iden­ti­tät zu kre­ieren, nicht aus Ver­leug­nung oder An­pas­sung her­aus, son­dern sie ist an sich schon ein po­li­ti­sches State­ment. Die Mög­lich­keit ei­ner un­be­ding­ten Lie­be zu ei­nem an­de­ren Men­schen, ganz gleich wel­chen Ge­schlechts, die oh­ne Ver­spre­chun­gen, Schwü­re oder Be­teue­run­gen aus­kommt und eben auch oh­ne ei­ne ab­ge­schlos­se­ne De­fi­ni­ti­on, ist viel­leicht ge­nau das, wo­nach ich 20 Jah­re lang ge­sucht ha­be. <

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