Stig­ma Sex­ar­beit

Siegessaeule - - Film -

In sei­ner neu­en Do­ku „Sex­ar­bei­te­rin“por­trä­tiert So­bo Swo­bod­nik die selbst­stän­di­ge und selbst­be­stimm­te Ber­li­ner Ero­tik­mas­seu­rin und Do­mi­na Le­na Mor­gen­roth. SIE­GES­SÄU­LE hat mit der Prot­ago­nis­tin des Films und dem Re­gis­seur ge­spro­chen

Le­na, war­um ist es dir wich­tig, als Sex­ar­bei­te­rin be­zeich­net zu wer­den und nicht als Pro­sti­tu­ier­te? Le­na: Bei „Pro­sti­tu­ier­te“den­ken vie­le nur an Bor­dell­be­trieb und Stra­ßen­strich. Ei­ne „Sex­ar­bei­te­rin“ist auch ei­ne Do­mi­na, ei­ne Ero­tik­mas­seu­rin oder je­mand, der Te­le­fon­sex an­bie­tet. Au­ßer­dem ist der Be­griff po­li­tisch. Wir er­grei­fen selbst das Wort, um die ei­ge­ne Rea­li­tät dar­zu­stel­len, und for­dern, dass sich Re­ge­lun­gen dar­an aus­rich­ten. Wie kam es zu dei­ner Be­rufs­wahl? Le­na: Ich bin in ei­ner sehr idyl­li­schen Kle­in­stadt auf­ge­wach­sen und spä­ter zum Stu­di­um nach Dres­den ge­gan­gen. Mein In­for­ma­tik­stu­di­um ha­be ich zwar ab­ge­schlos­sen, aber schon als ich da­mit an­fing, war mir klar, dass ich in die­sem Be­reich nicht ar­bei­ten will. Ich ha­be ei­nen ers­ten Mas­sa­ge­kurs ge­macht, und bin durch Zu­fall auf die Web­sei­te ei­nes Ero­tik­mas­sa­ge­stu­di­os ge­sto­ßen, auf der nicht dar­um her­um­ge­re­det wur­de, dass es um Lust, Or­gas­men und se­xu­el­le Di­enst­leis­tun­gen geht. Über fünf Jah­re ha­be ich die Sei­te im­mer wie­der auf­ge­ru­fen, auch wenn es für mich da­mals noch un­denk­bar war, dort zu ar­bei­ten. Dann lief mein Sti­pen­di­um aus und ich ha­be es ein­fach pro­biert. Und wie ent­stand die Idee zum Film? So­bo: Als ich Le­na in ei­ner Talk­show sah, war ich fas­zi­niert von die­ser selbst­be­wuss­ten Frau, die ei­nen Weg ein­ge­schla­gen hat­te, der sie stig­ma­ti­siert, ob­wohl sie zur Eli­te un­se­rer Ge­sell­schaft ge­hört. Das fand ich stark, of­fen­siv und fe­mi­nis­tisch. Das war der Grund, den Film mit ihr zu ma­chen. Um bei der Fi­nan­zie­rung des Films zu hel­fen, soll das Team auch selbst se­xu­el­le Di­enst­leis­tun­gen an­ge­bo­ten ha­ben ... So­bo: Die Te­am­mit­glie­der des Films ha­ben ei­nen Mas­sa­ge­kurs be­sucht, um dann ih­re Di­ens­te an­zu­bie­ten. Für mich war das der Scho­cker! Ich ha­be ge­merkt, dass ich kei­ne wild­frem­den Men­schen in ih­rer In­tim­sphä­re an­fas­sen kann. Au­ßer­dem be­kam ich Pro­ble­me in mei­nem fa­mi­liä­ren Um­feld ... Ge­nau da­mit aber schla­gen sich Sex­ar­bei­te­rin­nen dau­ernd her­um: Was denkt Ma­mi, mein Freund, was der El­tern­bei­rat mei­nes Soh­nes? Le­na, du bie­test Ero­tik­mas­sa­gen für Män­ner und Frau­en an. Wie wür­dest du selbst dei­ne Se­xua­li­tät de­fi­nie­ren? Le­na: Ich bin pan­se­xu­ell oder queer und le­be in ei­ner se­xu­ell of­fe­nen, po­ly­amo­ren Be­zie­hung mit ei­nem Mann, was be­deu­tet, dass so­wohl se­xu­el­le Kon­tak­te als auch wei­te­re, wich­ti­ge Lie­bes­be­zie­hun­gen mit an­de­ren in Ord­nung sind. Gibt es Un­ter­schie­de zwi­schen Kun­den und Kun­din­nen? Le­na: Kun­din­nen kom­men sel­te­ner nur we­gen der Lust. Wie war es, mit ech­ten Kun­dIn­nen zu dre­hen? Le­na: Dass für den Film plötz­lich die­se Ker­le mit ih­rem Equip­ment rum­stan­den, mach­te es für die männ­li­chen Kun­den schwe­rer, sich zu er­re­gen. Letzt­lich hat­te auch nur ei­ner von ih­nen ei­nen Or­gas­mus. Es fällt auf, dass von den männ­li­chen Kun­den kei­ner sein Ge­sicht zeigt. Le­na: Die hat­ten ein­fach Schiss! So­bo: Und das sagt viel über un­se­re Ge­sell­schaft aus! Ab­ge­filmt vom Fern­se­her, taucht an ei­ner Stel­le plötz­lich Ali­ce Schwar­zer auf. So­bo: Bei der klappt Le­na das Mes­ser in der Ta­sche auf. Le­na, du bist ei­ne pri­vi­le­gier­te Mit­tel­eu­ro­päe­rin, Ali­ce Schwar­zers Schwer­punkt liegt auf Zwangs- und Ar­mut­s­pro­sti­tu­ti­on, auf Men­schen­han­del. War­um en­ga­gierst du dich als selbst­be­stimm­te Sex­ar­bei­te­rin nicht auch für die­se Kol­le­gin­nen? Le­na: Na­tür­lich gibt es Frau­en mit grö­ße­ren Pro­ble­men, aber für die kann ich nicht spre­chen. Grund­sätz­lich fin­de ich es pro­ble­ma­tisch, des­we­gen an­de­re Rea­li­tä­ten un­gül­tig zu ma­chen. Ich zei­ge mei­nen Aus­schnitt der Rea­li­tät und du zeigst dei­nen, und wir sind uns bei­de be­wusst, dass es nur ein Aus­schnitt ist. Und weißt du, wann ich echt pis­sig wer­de? Wenn Ali­ce Schwar­zer ei­ne Grup­pe von Frau­en ver­tritt, die sie nicht wirk­lich kennt. Wo siehst du dich in zehn Jah­ren? Le­na: Ich ha­be Sehn­sucht nach et­was, das mei­nen Kopf mehr an­regt. Zum Bei­spiel reizt mich die Fra­ge, ob ich es schaf­fe, in den Bun­des­tag zu kom­men. <

In­ter­view: Susann S. Reck

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