Nach Gould und Ka­pell die neue Re­fe­renz

Stereoplay - - Musik Jazz Musik: Klang: -

Von Beet­ho­vens ers­ten bei­den Kla­vier­kon­zer­ten gibt es un­zäh­li­ge Ein­spie­lun­gen, aber nur zwei ech­te, al­ters­lo­se Re­fe­ren­zen, die seit sechs bzw. sie­ben Jahr­zehn­ten sou­ve­rän die Lis­te an­füh­ren und noch im­mer ihr ju­gend­li­ches Feu­er ver­strö­men: Glenn Goulds frü­he Ste­reo­auf­nah­me des C- Dur- Kon­zerts aus dem Jahr 1958 und die be­reits 1946 ent­stan­de­ne Mo­no- Pro­duk­ti­on des D-Dur- Kon­zerts mit dem früh ver­stor­be­nen Ame­ri­ka­ner Wil­li­am Ka­pell ( bei­de un­ter der Lei­tung des kon­ge­nia­len, lei­der längst ver­ges­se­nen Vla­di­mir Gol­sch­mann). Gould war bei der Auf­nah­me 26, Ka­pell erst 23 Jah­re alt. Der in Le­nin­grad ge­bo­re­ne Wahl­bri­te Yev­ge­ny Sud­bin, Jahr­gang 1980, der in bri­ti­schen Blät­tern als ei­ner der größ­ten Pia­nis­ten des neu­en Jahr­hun­derts ge­fei­ert wird, hat jetzt – nach so vie­len Jah­ren – auf sei­ner ak­tu­el­len SACD end­lich in bei­den Kon­zer­ten ei­nen neu­en Stan­dard ge­setzt, der sei­nen bei­den gro­ßen Vor­gän­gern nicht nur Pa­ro­li bie­tet, son­dern sie als Re­fe­renz- Auf­nah­me ab­löst. Im le­ben­di­gen Dis­kurs mit der ex­zel­len­ten, kam­mer­mu­si­ka­lisch lich­ten und so­lis­tisch in­ter­agie­ren­den Ta­pio­la Sin­fo­ni­et­ta un­ter Os­mo Väns­kä ent­facht Sud­bin in bei­den Kon­zer­ten ein wirk­lich un­ter die Haut ge­hen­des Feu­er­werk sprü­hen­der Le­bens­freu­de und ei­ner ju­gend­li­chen Auf­bruchs­stim­mung, die die an­ste­cken­de Fri­sche, den Charme und die kna­cki­ge Prä­gnanz der al­ten Auf­nah­men auf­greift, wei­ter­denkt und mit un­glaub­li­cher An­schlags­raf­fi­nes­se in zeit­ge­mä­ße, hoch­in­tel­li­gen­te Klang­re­de über­setzt. Fas­zi­nie­rend ist da­bei, wie Yev­ge­ny Sud­bin den struk­tu­rel­len Kon­text mit Le­ben füllt, den mensch­lich- emo­tio­na­len Kern je­der ein­zel­nen Phra­se mi­nu­ti­ös aus­leuch­tet und da­bei sei­nem per­fekt ge­tun­ten St­ein­way ei­ne rie­si­ge Far­ben­pa­let­te ab­trotzt. So­mit er­le­ben wir hier ei­ne in je­dem Mo­ment fes­seln­de Syn­the­se aus Haydn‘ schem Hu­mor und Mo­zart‘ scher Thea­tra­lik, al­so ei­ne rea­les Büh­nen­ge­sche­hen ab­bil­den­de pul­sie­ren­de Cho­reo­gra­fie. Die lang­sa­men Sät­ze ver­strö­men die Au­ra gro­ßer Ari­en, wäh­rend die Schluss­sät­ze wie Opern­fi­na­li da­hin­brau­sen. Im Kopf­satz des C- Dur- Kon­zerts über­rascht uns Sud­bin mit ei­ner ei­ge­nen, ziem­lich wil­den Ka­denz, die er aus frü­he­ren Ka­den­zen wie ei­nen „ Cock­tail“zu­sam­men­ge­mixt hat: ein ge­lun­ge­ner Re­flex auf das Cha­os un­se­rer Zeit. Er wid­met das Al­bum üb­ri­gens sei­nem Neu­ge­bo­re­nen: „ To Sa­mu­el my son – Wel­co­me.“Und so klingt sie auch.

Sprü­hen­de Le­bens­freu­de: Pia­nist Yev­ge­ny Sud­bin ( Fo­to: Pe­ter Ri­gaud)

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