Cs­am­pais Vi­nyl- Kos­mos

Ca­sals und Bach, Hei­fetz und Bruch, Stra­wins­ky, Saint- Saëns und Big- Band- Sounds

Stereoplay - - Contents - At­ti­la Cs­am­pai

Zu­min­dest im Klas­sik­be­reich ist die Vi­nyl- Re­nais­sance ei­ne Art Re­tro­kul­tur für Samm­ler und Lieb­ha­ber his­to­ri­scher Ana­log­auf­nah­men ge­blie­ben. Ak­tu­el­le Di­gi­tal­pro­duk­tio­nen, die man nach­träg­lich auf „ ana­log“ge­trimmt hat, bil­den da die Aus­nah­me und wer­den von den meis­ten La­bels nur sehr do­siert an­ge­bo­ten.

Und das ist gut so. Man hat er­kannt, dass die „ klas­si­schen“Vi­nyl- Freaks größ­ten Wert auf Au­then­ti­zi­tät le­gen, auf pu­ris­ti­sche AAA- Trans­fers, und des­halb durch­stö­bern vor al­lem die gro­ßen Tra­di­ti­ons­la­bels ih­re vor 1980 pro­du­zier­ten ana­lo­gen ­Ar­chiv­be­stän­de auf der Su­che nach sol­chen „ zeit­lo­sen“Re­fe­renz­auf­nah­men. Zu­letzt ris­kier­te man so­gar Aus­flü­ge in die akus­tisch we­ni­ger spek­ta­ku­lä­re Mo­no- Ära vor 1953, die bei Samm­lern zu­neh­mend an Be­deu­tung ge­winnt und bei sach­ge­rech­ter Re­stau­rie­rung auch den ver­wöhn­ten Klang­gour­met zu­frie­den­stel­len kann.

So hat Warner jetzt ei­nen der Haus­göt­ter des al­ten HMV- Ka­ta­logs mit ei­nem auf­wen­di­gen Reis­sue sei­ner be­rühm­tes­ten Auf­nah­me ge­wür­digt: Spa­ni­ens Cel­lo- Iko­ne Pa­blo Ca­sals war

der ers­te, der Bachs Cel­lo- ­ Sui­ten in den Jah­ren 1936 bis 1939 kom­plett ein­spiel­te, nach­dem er sie zu­vor be­reits über 30 Jah­re lang öf­fent­lich auf­ge­führt hat­te. Die jetzt auf drei 180- Gramm- Vi­nyls über­spiel­ten Mo­no- Do­ku­men­te wur­den be­reits 2011 in den Ab­bey Road Stu­di­os di­gi­tal re­mas­tert und prä­sen­tie­ren Ca­sals’ vo­lu­mi­nö­sen Cel­lo­klang in er­staun­lich rausch­frei­er, hap­ti­scher Prä­senz. Auch die Mo­no- Büh­ne der über 80 Jah­re al­ten Ta­kes ist re­la­tiv breit und di­rekt und lässt so auch die ex­pres­si­ve Glut sei­nes Spiels haut­nah mit­er­le­ben. Man spürt in je­dem Takt sein exis­ten­zi­el­les Rin­gen mit der Ma­te­rie, zugleich auch das emo­tio­na­le Feu­er und die spi­ri­tu­el­le Kraft die­ser ein­zig­ar­ti­gen Mo­no­lo­ge, als wür­de er Bachs Bot­schaf­ten in an­ti­ke Ge­set­zes­ta­feln mei­ßeln. In ih­rer lo­dern­den In­ten­si­tät und in ih­rem un­er­schüt­ter­li­chen Ernst be­zeu­gen sie bis heu­te Ca­sals’ ri­go­ro­se Hu­ma­ni­tät.

Der 1900 in Vil­ni­us ge­bo­re­ne Vio­lin­vir­tuo­se Ja­scha Hei­fetz war im 20. Jahr­hun­dert der un­um­strit­te­ne Kö­nig sei­nes In­­stru­ments, sei­ne rie­si­ge Dis­ko­gra­phie über­spannt ei­nen Zeit- raum von 55 Jah­ren. Vor al­lem sei­ne nach 1955 für RCA pro­du­zier­ten Ste­reo­al­ben der gro­ßen Vio­lin­kon­zer­te gel­ten bis heu­te als un­er­schüt­ter­li­che Re­fe­ren­zen und wur­den seit­her im­mer wie­der neu auf­ge­legt.

Das auf sol­che au­dio­phi­le Reis­su­es spe­zia­li­sier­te US- ­ La­bel Ana­lo­gue Pro­duc­tions hat jetzt ein we­ni­ger be­kann­tes spä­tes Hei­fetz- Al­bum in pu­ris­ti­schem AAA- Re­mas­te­ring ver­öf­fent­licht, das 1962 in Lon­don un­ter der Lei­tung von Mal­colm Sar­gent ent­stand. Es ent­hält ne­ben Mo­zarts vier­tem Kon­zert ( KV 218), das Hei­fetz in be­ste­chen­der Klar­heit frisch und flüs­sig auf­po­lier­te, das heu­te schon wie­der in Ver­ges­sen­heit ge­ra­te­ne g- moll- Kon­zert des deut­schen Ro­man­ti­kers Max Bruch, das ihn zu Leb­zei­ten welt­be­rühmt mach­te, und das in sei­ner ef­fekt­vol­len An­la­ge und sei­nem be­tont „ gei­ge­ri­schen“, be­tö­ren­den Cha­rak­ter wie ge­macht war für den cha­ris­ma­ti­schen Zau­be­rer Hei­fetz. Auch hier setz­te er ei­nen Maß­stab an gei­ge­ri­scher Schön­heit und Per­fek­ti­on.

Die US- Fir­ma So­und­stream bau­te 1976 den ers­ten di­gi­ta­len Re­kor­der und pro­du­zier­te von 1978 an für das La­bel Tel­arc die ers­ten Klassik- Auf­nah­men in 50 kHz/ 16- Bit- Sam­pling. Sie er­schie­nen zu­nächst auf Vi­nyl, da es noch kei­ne CDs gab. In der HiFi- Welt wur­den sie we­gen ih­rer ex­tre­men Trans­pa­renz und Rä­um­lich­keit als „ re­vo­lu­tio­när“ge­prie­sen und ver­schaff­ten dem La­bel Kult­sta­tus. Spä­ter er­schie­nen die­se frü­hen Tel­arc- LPs auch auf CD und SACD. Jetzt, 40 Jah­re spä­ter, gibt es ei­ni­ge die­ser di­gi­ta­len Kul­tal­ben wie­der auf Vi­nyl, in ta­del­lo­ser deut­scher Pres­sung, und das Wie­der­hö­ren von Ro­bert Shaws ge­fei­er­ter Stra­wins­ky/ Bo­ro­dinLP mit der „ Feu­er­vo­gel- Sui­te“und Aus­zü­gen aus „ Fürst Igor“klingt ähn­lich auf­re­gend, luf­tig und mes­ser­scharf fo­kus­siert, wie ich es in Er­in­ne­rung hat­te.

Auch die­ses Al­bum er­schien be­reits 1978, se­zier­te die Par­ti­tu­ren in rönt­gen­ar­ti­ger Trans­pa­renz und setz­te bru­ta­le ­Dy­na­mik­at­ta­cken. Na­tür­lich emp­fin­det man den leicht an­ti­sep­ti­schen di­gi­ta­len „ Touch“des At­lan­ta Sym­pho­ny Orches­tra, das wie ein Schwei­zer Uhr­werk spielt, heu­te nicht mehr als au­dio­phi­len Stan­dard; doch wirkt es nach so lan­ger Zeit noch im­mer wie ein Leucht­feu­er an Klar­heit und Prä­zi­si­on in der Ge­schich­te der mu­si­ka­li­schen Re­pro­duk­ti­on. Auch das spek­ta­ku­lä­re Tschai­kow­sky- Al­bum mit der 1812- Ou­ver­tü­re gibt es jetzt wie­der bei Tel­arc.

Um ei­ne ak­tu­el­le Di­gi­tal­auf­nah­me han­delt es sich beim neu­en Al­bum der fran­zö­si­schen Kla­vier­hoff­nung Bertrand Cha­ma­y­ou, das jetzt par­al­lel auf CD und Vi­nyl ver­öf­fent­licht wur­de: Die LP ver­zeich­net die bei­den be­kann­tes­ten Kla­vier­kon­zer­te des bis heu­te un­ter­schätz­ten Ro­man­ti­kers Ca­mil­le Sain­tSaëns, und Cha­ma­y­ou setzt al­les dar­an, um den ho­hen Rang bei­der Wer­ke klar, prä­gnant und doch ein­fühl­sam her­aus­zu­ar­bei­ten. Das 1868 ent­stan­de­ne g- moll- Kon­zert ( Nr. 2) ist ja ein ex­tra­va­gan­tes Uni­kat der Gat­tung, das „ wie Bach be­ginnt und wie Of­fen­bach en­det“, und Cha­ma­y­ou for­ciert die­sen ei­gen­ar­ti­gen Be­schleu­ni­gungs­pro­zess mit en­er­gi­scher Un­ter­stüt­zung des sehr kon­tu­riert und kna­ckig mit­hal­ten­den Orches­tre Na­tio­nal de Fran­ce un­ter Em­ma­nu­el Kri­vi­ne zu ei­ner ra­san­ten Tas­ten­ral­lye. Das knapp drei De­ka­den spä­ter ent­stan­de­ne „ Ägyp­ti­sche“Kla­vier­kon­zert ( Nr. 5), in dem Saint- Saëns ka­lei­do­sko­par­tig sei­ne Ori­en­tBe­geis­te­rung in Tö­ne setz­te, in­ter­pre­tiert Cha­ma­y­ou stil­si­cher als al­ters­wei­ses Werk ei­ner kos­mo­po­li­ti­schen Uto­pie, als klin­gen­de Me­di­ta­ti­on welt­um­span­nen­der Sinn­lich­keit. Hier kann die ex­zel­len­te LP- Pres­sung das di­gi­ta­le Herz der Auf­nah­me nicht ganz ka­schie­ren.

Wer „ klas­si­sche“Big- Ban­dSounds liebt, soll­te sich das neue Al­bum des Ed Par­ty­ka Jazz Orches­tra nicht ent­ge­hen las­sen. Der 50- jäh­ri­ge ame­ri­ka­ni­sche Kom­po­nist und Ar­ran­geur ar­bei­te­te in den letz­ten Jah­ren vor al­lem für zahl­rei­che eu­ro­päi­sche Big­bands und grün­de­te 2007 in Berlin sein ei­ge­nes Jaz­zor­ches­ter.

Un­ter dem Ti­tel „ In the Tra­di­ti­on“knüpft er mit zwan­zig (!) jun­gen Top­mu­si­kern an die gro­ßen Na­men der Ver­gan­gen­heit wie Count Ba­sie, Du­ke ­El­ling­ton, Stan Ken­ton oder Bob Brook­mey­er an. De­ren Er­be formt er in fünf Stan­dards und ei­ner ro­cki­gen Ei­gen­kom­po­si­ti­on zu ganz ei­ge­nen, groß­flä­chi­gen und dicht ge­web­ten Ar­ran­ge­ments, die das gan­ze Klang­spek­trum sei­nes mäch­ti­gen Blä­se­rap­pa­rats von der Flö­te bis zum Bass- Sa­xo­fon aus­schöp­fen und sei­nen ex­zel­len­ten So­lis­ten ge­nü­gend Frei­räu­me öff­nen.

In zwei Ti­teln ver­strömt die jun­ge deut­sche Jazz- Sän­ge­rin Ju­lia Ol­schew­sky zu­dem ver­füh­re­ri­sches Las- Ve­gas- Fee­ling, und Ton­meis­ter Phil­ipp Heck hat in den Lud­wigs­bur­ger Bauer- Stu­di­os den or­ches­tra­len Fu­ror über 40 Mi­kro­fo­ne in ein wun­der­bar durch­sich­ti­ges, au­dio­phi­les Klang­pana­ro­ma ein­ge­bet­tet. Das ist bes­tes En­ter­tain­ment für Ken­ner.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.