Li­be­ra­le und Grü­ne at­ta­ckie­ren AfD

Bei­de Par­tei­en wol­len ver­hin­dern, dass die Rech­ten dritt­stärks­te Kraft im Bun­des­tag wer­den. FDP-Chef Lind­ner spricht von ei­nem „völ­kisch-au­to­ri­tä­ren Ge­dan­ken­gut“

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - VORDERSEITE - Von stefan braun

(SZ) Ein SUV ist ein Fahr­zeug vol­ler Wi­der­sprü­che. Es könn­te im Ge­län­de fah­ren, parkt aber lie­ber in den Ga­ra­gen der wohl­ha­ben­de­ren Vo­r­or­te. Es ver­braucht viel Ben­zin, wenn die Be­sit­zer da­mit zum Glas­con­tai­ner oder Wert­stoff­hof fah­ren. Es ist nicht so groß wie ein Schüt­zen­pan­zer, da­für aber noch häss­li­cher. Das wie­der­um er­mög­licht es dem Fah­rer, sich un­ge­ach­tet häus­li­cher oder be­ruf­li­cher Zu­rück­set­zun­gen zu­min­dest am Steu­er wie ei­ne Mi­schung aus Mad Max und Vin Die­sel zu füh­len. Psy­cho­lo­gisch be­trach­tet ist das der ei­gent­li­che, wo­mög­lich so­gar der ein­zi­ge Sinn sol­cher Fahr­zeu­ge und er­klärt ih­re enor­me Be­liebt­heit. Des­we­gen hat die In­ter­na­tio­na­le Au­to­mes­se nun auch wie­der vie­le bun­te Schüt­zen­pan­zer prä­sen­tiert.

Da Mad Max aus der Vor­stadt aber oft auch Kin­der hat, lässt es sich nicht im­mer ver­mei­den, die­se im Fahr­zeug mit­zu­füh­ren. Die Au­to­ex­per­ten von Spie­gel on­line rüh­men des­halb an­läss­lich der Mes­se den schwer be­spoi­ler­ten Su­ba­ru MRW STI: ein pfeil­schnel­les Fahr­zeug, in dem man „be­quem zwei Kin­der­sit­ze mon­tie­ren und trotz­dem auf die Ral­ly­e­pis­te fah­ren kann“. Tech­nisch ist das oh­ne Fra­ge ei­ne her­aus­ra­gen­de Leis­tung. Lei­der hat der Her­stel­ler noch kei­ne Lö­sung ge­ne­riert, wie die Kin­der wäh­rend der Ral­lye­fahrt zu be­schwich­ti­gen und vom Spei­en ab­zu­hal­ten sind.

Schon auf Frag­men­ten phö­ni­zi­scher Va­sen sind Kin­der zu se­hen, die im Och­sen­wa­gen oder an Deck des Se­gel­schiffs ein Weh­kla­gen zu den Göt­tern er­he­ben: Mir ist schlecht (al­ter­na­tiv: Mir ist lang­wei­lig / Ich muss mal / Ich kann nicht mehr)! Dass ei­ne Rei­se von Ty­ros zur Groß­mut­ter in Kartha­go meh­re­re Wo­chen in An­spruch neh­men konn­te, hat die Ant­wort der El­tern auf die ewi­ge Fra­ge „Wann sind wir end­lich da?“nicht ein­fa­cher ge­macht. Heu­te kennt man zwar ei­ni­ge tech­ni­sche Hilfs­mit­tel wie das Vi­deo für die Rück­sit­ze, nach des­sen En­de das La­men­to aber nur noch lau­ter er­schallt. Ge­wis­se Ab­hil­fe bie­tet ei­ne Dau­er­schlei­fe Kin­der­mu­sik. Doch gilt es, de­ren ver­hee­ren­de Aus­wir­kun­gen auf die psy­chi­sche Sta­bi­li­tät des Fa­mi­li­en­vor­stan­des am Steu­er zu be­rück­sich­ti­gen, wel­che durch sieb­zehn Ki­lo­me­ter Stau hin­ter dem Ir­schen­berg, all die Schnarch­häh­ne, die heu­te wie­der un­ter­wegs sind, und den An­blick noch grö­ße­rer SUVs als des ei­ge­nen oh­ne­hin in nicht ge­rin­gem Ma­ße stra­pa­ziert ist. Kin­der sind der na­tür­li­che Feind der Ge­län­de­li­mou­si­ne. Am En­de ei­ner mehr­stün­di­gen Rei­se zur Groß­mut­ter sind die Sit­ze des ge­wal­ti­gen Wa­gens ir­re­ver­si­bel voll­ge­pappt mit Res­ten von Gum­mi­bär­chen und ver­kipp­tem Scho­ko-Zu­cker-Drink, hau­sen in sei­nen Rit­zen und Win­keln Ein­hör­ner und win­zi­ge Le­go­rit­ter, Leh­nen und Fens­ter sind be­klebt mit Bil­dern von Orang-Utans und Beu­tel­teu­feln, Dop­pel­stü­cken vom Sam­mel­al­bum. Das Ge­fährt wird sich da­von nie mehr er­ho­len. Aber als mo­bi­le Vil­la Kun­ter­bunt ist ein SUV plötz­lich gar nicht mehr so un­sym­pa­thisch. Ber­lin – Ei­ne Wo­che vor der Bun­des­tags­wahl ha­ben Grü­ne und Li­be­ra­le mit schar­fen Atta­cken ge­gen die AfD das Fi­na­le des Wahl­kamp­fes ein­ge­läu­tet. Auf zwei gleich­zei­tig in Ber­lin statt­fin­den­den Par­tei­ta­gen üb­ten sie auch deut­li­che Kri­tik an­ein­an­der. FDP-Chef Chris­ti­an Lind­ner so­wie das Grü­nen-Duo Ka­trin Gö­ring-Eckardt und Cem Öz­de­mir ver­mie­den es je­doch, ein mög­li­ches Ja­mai­ka-Bünd­nis ka­te­go­risch aus­zu­schlie­ßen. Auch auf schar­fe Be­din­gun­gen, die dem an­de­ren ei­ne ge­mein­sa­me Re­gie­rungs­be­tei­li­gung un­mög­lich ma­chen wür­de, ver­zich­te­ten bei­de Sei­ten. Der­zeit wei­sen so gut wie al­le Um­fra­gen aus, dass es für ei­ne Ko­ali­ti­on der Uni­on nur mit ei­ner der bei­den Par­tei­en beim jet­zi­gen Stand nicht rei­chen wür­de.

Ei­nig­keit herrsch­te beim Blick auf den ge­mein­sa­men Geg­ner: die AfD. FDP-Chef Lind­ner sag­te, es dür­fe nicht sein, dass die Op­po­si­ti­on im Bun­des­tag künf­tig von ei­ner Par­tei mit „völ­kisch-au­to­ri­tä­rem Ge­dan­ken­gut“an­ge­führt wer­de. Des­halb kämp­fe die FDP ve­he­ment um Platz drei; nur das kön­ne ver­hin­dern, dass die AfD im Fal­le ei­ner neu­en gro­ßen Ko­ali­ti­on stärks­te Op­po­si­ti­ons­kraft wer­de. FDP-Par­tei­vi­ze Wolf­gang Ku­bi­cki be­ton­te, er sei in die Po­li­tik ge­gan­gen, um zu ver­hin­dern, dass von Deutsch­land wie­der ein Krieg aus­ge­he. „Es fängt mit der Ver­ro­hung der Spra­che an, dann kommt Ge­walt und an­schlie­ßend noch Schlim­me­res“, so Ku­bi­cki.

Auch Grü­nen-Chef Cem Öz­de­mir warn­te vor ei­nem Er­folg der rechts­po­pu­lis­ti­schen Par­tei. Er be­ton­te, ge­ra­de AfD-Po­li­ti­ker, de­ren Loya­li­tät nicht dem Grund­ge­setz, son­dern Dik­ta­to­ren wie Wla­di­mir Pu­tin gel­te, sei­en das glat­te Ge­gen­teil von wah­ren Pa­trio­ten. „Das ist kei­ne Par­tei, die sich auf den Na­men Deutsch­land be­ru­fen darf, nie­mals“, sag­te Öz­de­mir. Die Mög­lich­keit, dass „in ei­ner Wo­che erst­mals Na­zis in den Reichs­tag ein­zie­hen“, sei für die Grü­nen ein be­son­de­rer Grund, um die gan­ze Wo­che bis zur Wahl zu kämp­fen.

Grü­ne wie Li­be­ra­le müh­ten sich am Sonn­tag al­ler­dings auch um ei­ne deut­li­che Ab­gren­zung. Har­sche Kri­tik an der FDP üb­te die Grü­nen-Spit­zen­kan­di­da­tin Gö­rin­gEckardt. Sie be­klag­te, dass ins­be­son­de­re Par­tei­chef Lind­ner bei Leih­ar­beit oder Kin­der­ar­mut kein Ge­fühl für so­zia­le Not­la­gen ha­be. „Das ist ei­ne Rea­li­täts­ver­wei­ge­rung, wie sie nur mit der FDP geht“, kri­ti­sier­te Gö­ring-Eckardt. Öz­de­mir be­klag­te, dass die FDP als Re­ak­ti­on auf viel zu ho­her Stick­oxi­de im Ver­kehr nicht die Au­to­her­stel­ler zu Nach­rüs­tun­gen zwin­gen, son­dern die Grenz­wer­te hoch­set­zen wol­le. „Das kön­nen wir in­tel­li­gen­ter, und wir wer­den es in­tel­li­gen­ter ma­chen“, so Öz­de­mir.

Lind­ner ver­zich­te­te auf schar­fe An­grif­fe, ver­wies aber dar­auf, dass die Grü­nen mit Vor­wür­fen und fal­schen Be­haup­tun­gen ei­ne Kam­pa­gne ge­gen die FDP ge­star­tet hät­ten. Gleich­wohl ver­ab­schie­de­te die FDP ei­nen Zehn-Punk­te-Ka­ta­log, in dem die Par­tei ähn­lich wie die Grü­nen für ei­ne Bil­dungs- und Di­gi­ta­li­sie­rungs­of­fen­si­ve wirbt, ein neu­es Ein­wan­de­rungs­recht nach ka­na­di­schem Vor­bild for­dert und die Po­li­zei mit mehr Per­so­nal und Tech­nik aus­stat­ten will. Zur Au­ßen­po­li­tik heißt es, Prio­ri­tät sol­le „die zi­vi­le Kri­sen­prä­ven­ti­on so­wie der Ein­satz für Frei­heit und Men­schen­rech­te“ha­ben.

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