Reg­gaet euch nicht auf

Auf den Wahl­par­tei­ta­gen von Grü­nen und FDP geht ein Wort um, das ih­re Spit­zen­leu­te par­tout nicht in den Mund neh­men wol­len: Ja­mai­ka. Denn wenn sie mit­re­gie­ren wol­len, dürf­te an die­ser Kon­stel­la­ti­on nach jet­zi­gem Stand kein Weg vor­bei­füh­ren

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - THEMA DES TAGES - Von be­ne­dikt pe­ters und ja­kob schulz

Die­sel­be Stadt, der­sel­be Tag, die­sel­be Uhr­zeit: Ei­ne Wo­che vor der Bun­des­tags­wahl stür­zen sich Grü­ne und Li­be­ra­le am Sonn­tag in Ber­lin ins Fi­na­le des Bun­des­tags­wahl­kampfs. Gleich­zei­tig, aber nicht ge­mein­sam. Die Par­al­le­li­tät von Zeit und Ort ha­ben ei­ne ge­wis­se Iro­nie: Bei­de Par­tei­en, Grü­ne und FDP, ha­ben sich vor der Wahl hef­tig in­ein­an­der ver­bis­sen. Doch wenn man den Um­fra­gen glaubt, sind nach der Wahl nur zwei Ko­ali­tio­nen mög­lich: Schwarz-Rot oder ein Ja­mai­kaBünd­nis mit Uni­on, FDP und Grü­nen. Trotz­dem las­sen FDP-Chef Chris­ti­an Lind­ner und Grü­nen-Spit­zen­kan­di­dat Cem Öz­de­mir we­nig un­ver­sucht, den je­weils an­de­ren zu kri­ti­sie­ren und die mög­li­che Zu­sam­men­ar­beit in der nächs­ten Le­gis­la­tur­pe­ri­ode weg­zu­re­den.

Auf dem FDP-Par­tei­tag hat Chris­ti­an Lind­ner ei­nen Spick­zet­tel auf die Büh­ne mit­ge­bracht, um grü­ne Schmä­hun­gen vor­zu­le­sen. „Dik­ta­to­ren-Ver­ste­her“, liest er vor, „Kli­ma­wan­del-Leug­ner. Men­schen­fein­de. Aus­beu­ter.“Die Lis­te ist lang, Lind­ner wirft den Grü­nen ei­ne „Kam­pa­gne ge­gen die FDP“vor. Sein Fa­zit: „Mö­gen die Grü­nen sich mit uns be­schäf­ti­gen, wir be­schäf­ti­gen uns hier heu­te mit po­li­ti­schen In­hal­ten!“Der Ap­plaus im Saal ist groß. An dem selbst­ge­setz­ten An­spruch schei­tert Lind­ner aber schon kurz dar­auf. Wie­der und wie­der sti­chelt der FDP-Chef ge­gen die Grü­nen. Vor­wür­fe, ein „Dik­ta­to­ren-Ver­ste­her“zu sein? Müs­se man als „dor­ni­ge Chan­cen“be­grei­fen, sagt Lind­ner. Er spielt da­mit auf ein Vi­deo von 1997 an, in dem er als 18-jäh­ri­ger Jung­un­ter­neh­mer Phra­sen drischt und eben sagt, dass Pro­ble­me nichts an­ders sei­en als mit Dor­nen ver­se­he­ne Chan­cen. Auch er wis­se nicht mit Si­cher­heit, wie die Mo­bi­li­tät und Ener­gie­ver­sor­gung der Zu­kunft aus­se­hen wer­den, ge­steht Lind­ner, er sei stu­dier­ter Po­li­to­lo­ge. Aber Grü­nen-Spit­zen­kan­di­dat Cem Öz­de­mir sei So­zi­al­päd­ago­ge, „der weiß das auch nicht!“Der stell­ver­tre­ten­de FDP-Vor­sit­zen­de Wolf­gang Ku­bi­cki emp­fiehlt Öz­de­mir gar, mor­gens für mehr Ent­span­nung doch mal ei­nen Jo­int zu rau­chen.

Im Ga­so­me­ter in Ber­lin-Schö­ne­berg las­sen auch die Grü­nen kei­nen Zwei­fel dar­an, wen sie bei der Wahl als Haupt­geg­ner aus­ge­macht ha­ben. Spit­zen­kan­di­da­tin Ka­trin Gö­ring-Eckardt teilt in al­le Rich­tun­gen aus. SPD und Uni­on wirft sie Rück­wärts­ge­wandt­heit vor, der AfD Aus­län­der­feind­lich­keit. Kei­ne Par­tei aber at­ta­ckiert sie so hart wie die FDP. Die Li­be­ra­len mach­ten Po­li­tik für die Koh­le-Lob­by und leug­ne­ten den Kli­ma­wan­del. „Nach­hal­ti­ger kann man die Welt nicht rui­nie­ren“, ruft sie. Lind­ner be­schei­nigt sie „Rea­li­ti­täts­ver­wei­ge­rung“und ruft in An­spie­lung auf die FDP-Wahl­kam­pa­gne: „Man kann das Land nicht mit ei­ner Wer­be­agen­tur und mit Sel­fies re­gie­ren.“Je­des Mal gibt es lau­ten Ap­plaus.

Doch wer­den nicht nur die wech­sel­sei­ti­gen Feind­bil­der ge­pflegt. Es geht, auch, um In­hal­te. Beim FDP-Par­tei­tag nennt Lind­ner als Kern sei­ner Re­de zehn „Trend­wen­den“. Da­zu zählt er For­de­run­gen et­wa zu Bil­dung, Di­gi­ta­li­sie­rung, in­ne­rer Si­cher­heit, Zu­wan­de­rung oder Eu­ro­pa. Sie sind nicht neu, sie ba­sie­ren auf dem Par­tei­pro­gramm. Die ins­ge­samt zehn For­de­run­gen sind für Lind­ner Be­din­gung da­für, dass die FDP in ei­ne Re­gie­rung ein­tritt. Soll­te es nicht mög­lich sein, die­se Zie­le zu er­rei­chen, wä­re Re­gie­ren ver­ant­wor­tungs­los und der rich­ti­ge Platz der Li­be­ra­len in der Op­po­si­ti­on, ruft Lind­ner.

Bei den Grü­nen fal­len zwei Be­grif­fe im­mer wie­der, wenn es um In­hal­te geht: „Um­welt“und „Ge­rech­tig­keit“. Die Par­tei in­sze­niert sich als die ein­zi­ge Par­tei, die den Kli­ma­wan­del ernst­haft be­kämp­fen kön­ne. Deut­lich wird das, als der ba­den-würt­tem­ber­gi­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent Win­fried Kret­sch­mann ans Red­ner­pult tritt. Zu­letzt war er im Die­selskan­dal für zu viel Nä­he zu den Au­to­kon­zer­nen ge­schol­ten wor­den. Jetzt ruft er in den Saal: „Re­det erst mal über Kli­ma! Das ist die dra­ma­ti­sche Ent­schei­dung des Jahr­hun­derts!“Im­mer wie­der geht es auch um Ge­rech­tig­keit. Gö­rin­gEckardt ver­spricht, Kin­der- und Al­ters­ar­mut end­lich wirk­sam zu be­kämp­fen, bes­ser als „die stol­ze SPD“. Und ihr Co-Spit­zen­kan­di­dat Öz­de­mir sagt, die Grü­nen sei­en die Par­tei, die für Lang­zeit­ar­beits­lo­se und Er­werbs­ge­min­der­te kämp­fe, „für al­le, für die sich sonst kei­ner ein­setzt“.

Ein Wort fällt in den Par­tei­tags­re­den bei den Grü­nen da­für kein ein­zi­ges Mal: „Ja­mai­ka“. Von ei­nem Drei­er­bünd­nis mit Uni­on und FDP will im Ga­so­me­ter nie­mand of­fi­zi­ell spre­chen. Der Par­tei ge­he es um In­hal­te, be­to­nen al­le Red­ner, man kämp­fe um ein star­kes Wah­l­er­geb­nis und um ei­ne Re­gie­rungs­be­tei­li­gung. En­de der Durch­sa­ge. Trotz al­ler Kri­tik an der FDP will sich aber nie­mand in der Par­tei­füh­rung da­zu durch­rin­gen, ei­ne Ko­ali­ti­on mit den Li­be­ra­len aus­zu­schlie­ßen. Man wer­de nach der Wahl mit al­len de­mo­kra­ti­schen Par­tei­en re­den, sagt Öz­de­mir, au­ßer mit der AfD. Ein Re­gie­rungs­bünd­nis wer­de es aber nur ge­ben, wenn der Ko­ali­ti­ons­ver­trag ei­ne kla­re grü­ne Hand­schrift tra­ge. „Sonst ge­hen wir er­ho­be­nen Haup­tes in die Op­po­si­ti­on.“Am Grü­nen-Kaf­fee­stand aber fällt das Wort Ja­mai­ka sehr wohl. „Da­für gibt es in der Par­tei be­stimmt kei­ne Mehr­heit“, ora­kelt ein De­le­gier­ter.

Auch die FDP-De­le­gier­ten hö­ren den Be­griff „Ja­mai­ka“nicht, zu­min­dest nicht von der Red­ner­büh­ne aus. „Mit uns gibt es kei­ne Ko­ali­ti­ons­aus­sa­ge für ir­gend­et­was“, ruft Chris­ti­an Lind­ner in den Ap­plaus hin­ein. Aus­schlie­ßen will er über­haupt nichts – au­ßer, die ei­ge­nen Grund­sät­ze zu ver­ra­ten. Zur Re­de Lind­ners will sich da­nach auf der Büh­ne nur ein ein­zi­ger De­le­gier­ter äu­ßern. Ein Zei­chen von Ge­schlos­sen­heit, wit­zelt ein li­be­ra­ler De­le­gier­ter.

Ähn­lich bei den Grü­nen: Auch sie ge­ben sich kämp­fe­risch und ge­schlos­sen. Die De­le­gier­ten klat­schen fre­ne­tisch, egal, wer auf dem Po­di­um spricht. Al­te Kämp­fe sol­len der Ver­gan­gen­heit an­ge­hö­ren, das zei­gen auch Kret­sch­mann und Frak­ti­ons­chef An­ton Ho­frei­ter. Auf dem Par­tei­tag im Ju­ni war Kret­sch­mann heim­lich da­bei ge­filmt wor­den, wie er „den To­ni“harsch kri­ti­sier­te. Nun sit­zen bei­de ne­ben­ein­an­der, und nach Kret­sch­manns Re­de steht Ho­frei­ter auf und drückt ihm Hand. „Bis Sonn­tag ist noch viel zu ho­len“, hört man an­ge­sichts der mau­en Um­fra­gen für die Grü­nen oft. Gö­ring-Eckardt pro­phe­zeit gar ei­nen „rich­ti­gen Über­ra­schungs­coup“am Wahl­tag.

Viel­leicht ist an­ge­sichts der grün-gel­ben Kei­le­rei der ver­gan­ge­nen Wo­chen aber auch ein an­de­rer Coup ge­meint. Im­mer­hin prü­geln die Spit­zen­kan­di­da­ten von FDP und Grü­nen zwar rhe­to­risch auf­ein­an­der ein, ei­nen Knock­out aber, al­so ein kla­res „Nein zu Ja­mai­ka“, ha­ben bei­de Par­tei­en auch an die­sem Sonn­tag nicht ris­kiert.

„Man kann das Land nicht mit ei­ner Wer­be­agen­tur und Sel­fies re­gie­ren“, sa­gen die Grü­nen

„Mit uns gibt es kei­ne Ko­ali­ti­ons­aus­sa­ge für ir­gend­et­was“, sagt die FDP

Be­reit für die Re­gie­rungs­ver­ant­wor­tung: Wenn sich auch sonst die Bot­schaf­ten von Ka­trin Gö­ring-Eckardt (Grü­ne) und Chris­ti­an Lind­ner (FDP) un­ter­schie­den, dar­in wa­ren sie sich ei­nig.

FO­TOS: ST­A­CHE / DPA; LOOS / GETTY

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