Schafft 15 Di­gi­tal­mi­nis­te­ri­en

Wie man die gro­ße Zu­kunfts­auf­ga­be in der Bun­des­re­gie­rung or­ga­ni­sie­ren soll­te.

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - THEMA DES TAGES - Von Chris­ti­an Djef­fal

Al­le Par­tei­en wol­len Di­gi­ta­li­sie­rung för­dern und gestal­ten. Un­eins sind sie aber über die Fra­ge, wer da­für ver­ant­wort­lich sein soll. Wäh­rend die FDP ein Di­gi­tal­mi­nis­te­ri­um for­dert, will die CDU ei­nen Staats­mi­nis­ter im Kanz­ler­amt und ei­nen Ka­bi­netts­aus­schuss „Di­gi­tal­po­li­tik“. Die an­de­ren Par­tei­en ma­chen zwar kei­ne spe­zi­fi­schen Vor­schlä­ge, aber ge­ra­de die Idee des Di­gi­tal­mi­nis­te­ri­ums taucht im­mer wie­der auf. Ver­kehrs­mi­nis­ter Alex­an­der Do­brindt und der Spit­zen­kan­di­dat der Grü­nen, Cem Öz­de­mir, ha­ben ei­nes ge­for­dert, Wirt­schafts­mi­nis­te­rin Bri­git­te Zy­pries hat so­gar schon zu ei­nem Di­gi­tal­mi­nis­ter­tref­fen der G 20 ein­ge­la­den.

Aber soll man wirk­lich den Her­aus­for­de­run­gen, Chan­cen und Ri­si­ken mit ei­nem neu­en Mi­nis­te­ri­um für Di­gi­ta­li­sie­rung be­geg­nen? Bes­ser wä­re ein ganz­heit­li­cher An­satz, der ver­schie­de­ne In­sti­tu­tio­nen un­ter ei­nem Dach zu­sam­men­bringt. Di­gi­ta­li­sie­rung soll­te Chef­sa­che sein, trotz­dem soll­te die Ver­ant­wor­tung da­für auf vie­le Schul­tern ver­teilt wer­den. Da­mit das funk­tio­nie­ren kann, wä­re ei­ne Di­gi­ta­li­sie­rungs­agen­tur nö­tig, die in ver­schie­de­nen Kon­stel­la­tio­nen be­rät, ver­netzt und un­ter­stützt.

Di­gi­ta­li­sie­rung er­fasst die Ge­sell­schaft ganz­heit­lich. Es gibt kei­nen ab­grenz­ba­ren „Cy­ber­space“, der in der Zu­stän­dig­keit ei­nes Mi­nis­te­ri­ums lie­gen könn­te. Schon das In­ter­net be­trifft ganz un­ter­schied­li­che The­men wie Bil­dung, Wirt­schaft, Ar­beit, Si­cher­heit, In­fra­struk­tur, Ver­tei­di­gung, In­ne­res und Jus­tiz. Der the­ma­ti­sche Zu­sam­men­hang ist da­bei viel stär­ker als der di­gi­ta­le. Da sich das In­nen­mi­nis­te­ri­um um die Ver­wal­tung küm­mert, soll­te es auch mit der Di­gi­ta­li­sie­rung der Ver­wal­tung be­traut wer­den, ge­nau­so wie Fra­gen der di­gi­ta­len Rüs­tung ins Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­um ge­hö­ren. Der in­ter­na­tio­na­le Ver­gleich zeigt, dass Di­gi­tal­mi­nis­te­ri­en oft nur für we­ni­ge spe­zi­fi­sche The­men­be­rei­che zu­stän­dig sind, wie et­wa in Po­len, wo sich das ent­spre­chen­de Mi­nis­te­ri­um um den Breit­band­aus­bau und die Ver­wal­tungs­di­gi­ta­li­sie­rung küm­mert. Ei­gent­lich je­doch ist Di­gi­ta­li­sie­rung ei­ne Qu­er­schnitts­auf­ga­be. Al­le 14 Mi­nis­te­ri­en und das Kanz­ler­amt soll­ten sich als Di­gi­tal­mi­nis­te­ri­en se­hen.

Man muss den Wald und die Bäu­me gleich­zei­tig se­hen. Das be­deu­tet, dass man ein­zel­ne Pro­jek­te vor­an­trei­ben muss, aber sie im Zu­sam­men­hang ei­ner ein­heit­li­chen Stra­te­gie se­hen soll­te. Die­se über­grei­fen­de Sicht­wei­se gilt et­wa für Fra­gen von Da­ten­schutz und IT-Si­cher­heit. Da­ne­ben muss aber noch Raum da­für sein, Fra­gen spe­zi­fisch in ih­rem Kon­text zu ent­schei­den. So wirft die zu­neh­men­de Au­to­ma­ti­sie­rung des Ver­kehrs zwar ganz ei­ge­ne Pro­ble­me auf, die aber nicht von der üb­ri­gen Ver­kehrs­po­li­tik ge­trennt be­han­delt wer­den kön­nen. Wäh­rend es da­bei wichtig ist, das Ver­kehrs­mi­nis­te­ri­um mit an­de­ren be­tei­lig­ten Mi­nis­te­ri­en und Ak­teu­ren zu­sam­men­zu­brin­gen, ist mit ei­ner Über­tra­gung der Ma­te­rie an ein Di­gi­tal­mi­nis­te­ri­um we­nig ge­hol­fen.

Di­gi­tal­mi­nis­ter, Di­gi­tal­rat, Di­gi­tal­aus­schuss oder lie­ber ei­ne Di­gi­ta­l­agen­tur?

Die­se The­men her­aus­zu­lö­sen, um sie an­ders­wo zu kon­zen­trie­ren, wä­re we­der prak­ti­ka­bel noch sinn­voll. Ei­ne Um­stel­lung auf di­gi­ta­le Tech­no­lo­gi­en be­deu­tet für sich selbst ja noch nichts Gu­tes. Po­si­tiv ist Di­gi­ta­li­sie­rung nur dann, wenn sie für den Ein­zel­nen Vor­tei­le wie Kom­fort, Ef­fi­zi­enz oder Mög­lich­kei­ten zur Mit­be­stim­mung schafft, oh­ne dass dem gra­vie­ren­de Nach­tei­le ge­gen­über­ste­hen. Das hängt nicht nur vom „Ob“, son­dern vom „Wie“der Di­gi­ta­li­sie­rung ab. Bei der Di­gi­ta­li­sie­rung in ei­nem be­stimm­ten Be­reich ist es zum ei­nen wichtig, dass al­le, die ein In­ter­es­se an der Fra­ge ha­ben, sich auch da­zu äu­ßern kön­nen. Zum an­de­ren muss es im­mer ge­nug Raum für krea­ti­ve und in­no­va­ti­ve Ide­en ge­ben.

Be­vor die Re­gie­rung fest­legt, ob und wel­che In­sti­tu­ti­on ge­grün­det wird, muss klar sein, was die In­sti­tu­ti­on über­haupt leis­ten soll: Sie soll Di­gi­ta­li­sie­rung zur Chef­sa­che ma­chen, und trotz­dem auf vie­le Schul­tern ver­tei­len; sie soll das Wis­sen der Re­gie­rung bün­deln und die re­le­van­ten Ak­teu­re ver­net­zen; sie soll die Su­che nach Lö­sun­gen mo­de­rie­ren und nicht kom­pli­zier­ter ma­chen. Der Vor­schlag der Uni­ons­par­tei­en, der von dem Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft­ler Wolf­gang Klein­wäch­ter va­ri­iert wur­de, ist ei­ne in­ter­es­san­te Op­ti­on: ein Staats­mi­nis­ter im Bun­des­kanz­ler­amt, ein Ka­bi­netts­aus­schuss Di­gi­tal­po­li­tik und ein na­tio­na­ler Di­gi­tal­rat. Noch viel bes­ser wä­re al­ler­dings, ver­schie­de­ne An­sät­ze un­ter ei­nem Dach mit drei Säu­len zu ver­knüp­fen. Die ers­te Säu­le bil­det da­bei die Bun­des­re­gie­rung. Das Ka­bi­nett tritt als stra­te­gi­sche IT-Zen­tra­le mit dem IT-Be­auf­trag­ten der Re­gie­rung zu­sam­men und gibt die Leit­li­ni­en vor. In­ner­halb der ers­ten Säu­le wer­den auch an­de­re wich­ti­ge In­sti­tu­tio­nen ver­knüpft, wie et­wa der IT-Pla­nungs­rat, der für die Ko­or­di­nie­rung von IT-Pro­jek­ten zwi­schen Bund und Län­dern zu­stän­dig ist. Ein ähn­li­ches Sys­tem gibt es in Ja­pan. Wichtig ist da­bei, die In­sti­tu­tio­nen zu­ein­an­der in Be­zie­hung zu set­zen und Ver­ant­wor­tung auf al­len Ebe­nen bis zur Kanz­le­rin (oder dem Kanz­ler) an­zu­sie­deln.

Die zwei­te Säu­le bil­det ei­ne Di­gi­ta­li­sie­rungs­agen­tur, die als mit­tel­ba­re Bun­des­be­hör­de wie die Bun­des­agen­tur für Ar­beit un­ab­hän­gig ist. Die­se Agen­tur hat die Auf­ga­be, der Ver­wal­tungs­di­gi­ta­li­sie­rung ei­nen Schub zu ge­ben. Auf An­fra­ge von Mi­nis­te­ri­en und Be­hör­den ent­wi­ckelt sie ge­mein­sam mit Part­nern be­son­ders ef­fek­ti­ve und drin­gend be­nö­tig­te Ver­wal­tungs­dienst­leis­tun­gen. Vor­bil­der da­für gibt es et­wa in Aus­tra­li­en oder Groß­bri­tan­ni­en, wo die­se Agen­tu­ren dank ih­rer Frei­hei­ten und ih­rer gu­ten Aus­stat­tung Pro­jek­te mit ho­her Wir­kung ent­wi­ckeln. Da­ne­ben ar­bei­tet ein Ide­en­la­bor an be­son­ders krea­ti­ven Lö­sun­gen und bringt Leucht­turm­pro­jek­te wie An­wen­dun­gen künst­li­cher In­tel­li­genz oder Block­chain auf den Weg.

Wie et­wa im „Go­vern­ment Lab“im Aus­wär­ti­gen Amt ha­ben die Mit­ar­bei­ter er­heb­li­che Frei­hei­ten, um Pro­zes­se und Di­enst­leis­tun­gen von Grund auf neu zu den­ken. Die Agen­tur soll da­ne­ben auch be­ra­tend tä­tig sein und mit in­no­va­ti­ven Me­tho­den jen­seits mi­nis­te­ri­el­ler Ver­fah­ren Auf­trag­ge­bern bei Di­gi­ta­li­sie­rungs­fra­gen as­sis­tie­ren. Die­se Di­gi­ta­li­sie­rungs­agen­tur ko­or­di­niert auch die drit­te Säu­le, näm­lich ein Netz­werk von Fach­leu­ten, das die Ex­per­ti­sen für Re­gie­rung und Ver­wal­tung er­stellt. Im Vor­der­grund steht da­bei die agi­le, lö­sungs­ori­en­tier­te Be­ra­tung von Ent­schei­dungs­trä­gern, wo­bei Kri­tik und Selbst­re­fle­xi­on fes­ter und wich­ti­ger Be­stand­teil der Auf­ga­ben sein sol­len.

Um zu krea­ti­ven Lö­sun­gen zu kom­men, wie sie im Zu­ge der Di­gi­ta­li­sie­rung mög­lich und nö­tig sind, muss die Re­gie­rung be­reit sein, auch in­sti­tu­tio­nell neue We­ge zu ge­hen. Der Satz, der Al­bert Ein­stein zu­ge­schrie­ben wird, gilt auch für die Di­gi­ta­li­sie­rung: „Pro­ble­me kann man nie­mals mit der­sel­ben Denk­wei­se lö­sen, durch die sie ent­stan­den sind.“

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