Der braucht noch Luft

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - MEINUNG - Von he­ri­bert prantl

In der Welt des Weins gibt es den USA­me­ri­ka­ner Ro­bert Par­ker; der ist ein ge­lern­ter Rechts­an­walt, In­ha­ber ei­ner gu­ten Na­se und der be­rühm­tes­te und ein­fluss­reichs­te Wein­kri­ti­ker der Welt. Er ver­teilt Punk­te für die Wei­ne, pu­bli­ziert sei­ne Be­wer­tun­gen in al­len Me­di­en und hat da­mit er­heb­li­chen Ein­fluss auf Wein­ab­satz, Trink­ge­wohn­hei­ten und Wein­wirt­schaft.

In der Welt der Po­li­tik gibt es das auch. Da geht es zwar nicht um Wei­ne, son­dern um Par­tei­en; und die wer­den nicht von Herrn Par­ker, son­dern von Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tu­ten be­ro­chen, be­mes­sen und be­wer­tet: von der For­schungs­grup­pe Wah­len, von In­fra­test Di­map, For­sa, Al­lens­bach und Em­nid. Aus den von die­sen er­mit­tel­ten Um­fra­ge­wer­ten wird dann ein un­glaub­li­ches Bo­hei ge­macht, das sich, je nä­her die Wahl rückt, zum Cre­scen­do, ja zur Hys­te­rie stei­gert. Je­de Um­fra­ge wird zu ei­ner Art Vor-Wahl­tag hoch­sti­li­siert. Es wird so lan­ge „Was wä­re, wenn am Sonn­tag Wahl wä­re“ge­fragt, bis aus dem Kon­junk­tiv dann am Wahl­tag ein In­di­ka­tiv wird.

Man fühlt sich bei den Be­wer­tun­gen der Wahl­um­fra­gen an Wein­ver­kos­tun­gen er­in­nert, bei de­nen Ex­per­ten die Au­gen ver­dre­hen, be­vor sie dann Be­deut­sa­mes sa­gen wie: „Der braucht noch Luft“, „der ist scho­ko­la­dig“, „schmeckt nach nas­ser Er­de“oder „ist bit­ter im Ab­gang“. Es ist be­zeich­nend, dass ei­nem zu solch auf­ge­bla­se­nen Zu­schrei­bun­gen so­gleich Po­li­ti­ker und Par­tei­en ein­fal­len. Das klingt lus­ti­ger, als es ist. Die Um­fra­gen in der Zahl, Dich­te und Wucht, mit der sie pu­bli­ziert wer­den, sind ein Pro­blem für die De­mo­kra­tie.

Kei­ne Um­fra­gen am Wahl­tag! Und was ist an den Brief­wahl­ta­gen?

Man muss sich fra­gen, ob die­se Um­fra­gen Trends wirk­lich nur ab­bil­den; der Ver­dacht liegt na­he, dass sie die Trends gestal­ten. Vor­der­grün­dig tun Um­fra­ger und Um­fra­gen so, als gä­ben sie – auf Ba­sis ei­ner be­schei­de­nen Zahl von Be­frag­ten – dem Wil­len des Wahl­vol­kes ei­ne Stim­me. In Wahr­heit för­dert die­se De­mo­sko­pie die Ent­po­li­ti­sie­rung, näm­lich ei­ne Po­li­tik, die statt nach In­hal­ten nach Zah­len ge­macht wird. Durch Dau­er­um­fra­gen wird der Un­ter­schied zwi­schen Um­fra­ge und Wahl ver­wischt; das ist ei­ne Ent­wer­tung der Wahl. Mitt­ler­wei­le kann man ver­mu­ten, dass vie­le Be­frag­te von der Rück­wir­kung der Um­fra­ge auf die Mei­nungs­bil­dung wis­sen und ih­re Ant­wor­ten bei Um­fra­gen tak­tisch aus­rich­ten. Kurz: Wahl­um­fra­gen be­ein­flus­sen die Wahl. Weil das Spek­ta­kel rund um Wahl­um­fra­gen im­mer grö­ßer wird, wird auch ihr Ein­fluss im­mer grö­ßer. Da­bei dürf­te der Mit­läu­fer­ef­fekt, wo­nach die Wäh­ler der lau­tes­ten Mu­sik nach­lau­fen, ei­ni­ge Be­deu­tung ha­ben.

In an­de­ren Län­dern gibt es für Um­fra­gen Sperr­fris­ten von ei­ner Wo­che bis hin zu ei­nem Mo­nat vor der Wahl. In Deutsch­land gibt es nichts der­glei­chen. Ge­schützt sind hier nur die St­un­den zwi­schen Öff­nung und Schlie­ßung der Wahl­lo­ka­le. In die­ser Zeit dür­fen kei­ne Um­fra­ge­er­geb­nis­se ver­öf­fent­licht wer­den. An­ge­sichts der Aus­wei­tung der Brief­wahl sind Wahl­um­fra­gen noch pro­ble­ma­ti­scher als bis­her. Müss­te die Ver­öf­fent­li­chung von Um­fra­gen nicht ei­gent­lich ab dem Zeit­punkt ver­bo­ten sein, ab dem die Brief­wahl be­ginnt?

sz-zeich­nung: oli­ver schopf

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