Schon klar

See­ho­fer in­ter­pre­tiert Mer­kel

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - POLITIK - Wolf­gang wittl

der In­te­gra­ti­ons­kur­se nicht und teilt zur Be­grün­dung mit, dies lie­ße sich für den ein­zel­nen Teil­neh­mer „schwer sta­tis­tisch de­fi­nie­ren“. Teil­neh­mer könn­ten Kur­se un­ter­bre­chen, auch we­gen Schwan­ger­schaft, Krank­heit oder ei­nes Um­zugs. Ob ein Kurs end­gül­tig vor­zei­tig be­en­det wer­de, lie­ße sich nur „durch in­di­vi­du­el­le Nach­fra­ge bei je­dem Be­trof­fe­nen“er­mit­teln. Da­bei stün­de je­doch „der Er­kennt­nis­ge­winn au­ßer Ver­hält­nis zum not­wen­di­gen Auf­wand“. Auch lie­ße sich die Zahl der Teil­neh­mer und der Ab­sol­ven­ten in je­weils ei­nem Ka­len­der­jahr nicht mit­ein­an­der ver­glei­chen, „da bei­spiels­wei­se ein Ab­sol­vent im Jahr 2016 sei­nen Kurs be­reits 2015 be­gon­nen ha­ben kann“. Schro­eder gibt sich da­mit je­doch nicht zu­frie­den: Es sei höchs­te Zeit, dass das Bamf ge­naue Ab­bruch­quo­ten er­for­sche „und sich der Fra­ge stellt, wo denn die Mi­gran­ten ge­blie­ben sind, die die Kur­se nicht ab­schlie­ßen“.

Die­ses Jahr sind im Bud­get des Am­tes mehr als 600 Mil­lio­nen Eu­ro für In­te­gra­ti­ons­kur­se vor­ge­se­hen. Trotz­dem sieht Ex­per­te Schro­eder noch ein an­de­res gro­ßes De­fi­zit: Von den­je­ni­gen, die am Sprach­test zum Kur­sen­de teil­neh­men, schaff­ten 2016 laut Bamf 35 Pro­zent nur das Sprach­ni­veau A2. 56 Pro­zent schlos­sen mit dem ei­gent­lich an­ge­streb­ten hö­he­ren Le­vel B1 ab. Schro­eder hält die Prü­fungs­bi­lan­zen mit Er­folgs­quo­ten von gut 90 Pro­zent des­halb für „sta­tis­tisch auf­ge­hüb­scht“– nicht nur, weil ein gro­ßer Teil der Kurs­teil­neh­mer zur Prü­fung erst gar nicht an­ge­tre­ten sei. Er weist dar­auf­hin, dass im Auf­ent­halts­ge­setz als Maß­stab das Sprach­ni­veau B1 ver­wen­det wird. Nur wer das er­rei­che, hät­te aus­rei­chen­de deut­sche Sprach­kennt­nis­se.

So sieht es auch Bri­git­te Poth­mer, die ar­beits­markt­po­li­ti­sche Spre­che­rin der Grü­nen-Frak­ti­on: „Das Ni­veau A2 ge­nügt oft nicht für den Ein­stieg in Aus­bil­dung und Ar­beit“, sagt sie. Die Ab­ge­ord­ne­te spricht sich da­für aus, zwi­schen den Kurs­teil­neh­mern stär­ker zu dif­fe­ren­zie­ren, von de­nen man­che zum Bei­spiel Aka­de­mi­ker sei­en und an­de­re – wenn über­haupt – nur kurz in der Schu­le wa­ren. Auch der ein­heit­li­che Lehr­plan ge­hört für Poth­mer „auf den Prüf­stand“. Das for­dert eben­falls Ex­per­te Schro­eder. Für ihn sind die Kur­se „bis­lang lei­der wirk­lich kein Er­folgs­mo­dell“. Wer am Sams­tag beim Ok­to­ber­fest-Auf­takt Horst See­ho­fer ge­se­hen hat, er­leb­te ei­nen fast schon de­mons­tra­tiv gut ge­laun­ten baye­ri­schen Mi­nis­ter­prä­si­den­ten. Nichts mehr zu mer­ken vom Är­ger über sin­ken­de Um­fra­ge­wer­te der Uni­on oder von den Grum­me­lei­en der ver­gan­ge­nen Ta­ge, als See­ho­fer sein Ka­bi­nett wohl auch mit Blick auf Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel er­mahn­te, man müs­se der AfD im Wahl­kampf schon mehr ent­ge­gen­set­zen als nur ein paar Hin­wei­se auf die ei­ge­ne Po­li­tik. Auch wenn See­ho­fer auf der Wiesn als Lan­des­va­ter un­ter­wegs war: Sei­ne Zuf­rie­den­heit ge­noss er vor al­lem als CSU-Chef.

Der Grund: See­ho­fer hat­te ein Interview von Mer­kel in der Pas­sau­er Neu­en

ge­le­sen. Die CDU-Che­fin wur­de ge­fragt, ob in Ko­ali­ti­ons­ver­hand­lun­gen die al­ten Aus­ein­an­der­set­zun­gen auf­zu­bre­chen droh­ten, da See­ho­fer er­neut ei­ne Ober­gren­ze von 200 000 Flücht­lin­gen im Jahr ge­for­dert ha­be. Mer­kels Ant­wort: „Nein.“Es sei zwar „be­kannt, dass es zwi­schen CDU und CSU an die­ser Stel­le ei­nen Dis­sens gibt, aber wir ha­ben am En­de auch bei schwie­ri­gen Mei­nungs­un­ter­schie­den im­mer noch ei­nen Weg ge­fun­den.“Wer auf die­sem Weg ein­len­ken wird, sag­te sie nicht. Aber für See­ho­fer steht seit­dem mehr denn je fest: Er wird es nicht sein. „Jetzt ha­ben wir Klar­heit noch vor der Wahl“, froh­lock­te er: „Wir sind hoch er­freut, dass die Kanz­le­rin das Tor zu ei­ner ge­mein­sa­men Lö­sung ge­öff­net hat“, sag­te er der SZ.

Vor ei­ner Wo­che hat­te Mer­kel die CSU noch ge­gen sich auf­ge­bracht, weil sie ge­sagt hat­te, sie wol­le „ga­ran­tiert“kei­ne Ober­gren­ze. Da­mit wer­de nur die AfD ge­stärkt, kri­ti­sier­ten CSU-Vor­ständ­ler. Ob Mer­kel in dem Interview jetzt wirk­lich ein Si­gnal des Nach­ge­bens ge­sen­det hat, be­zwei­feln in­des man­che in der baye­ri­schen Schwes­ter­par­tei. Da sei bei See­ho­fer „der Wunsch der Va­ter des Ge­dan­ken“, sag­te ein Vor­stands­mit­glied. Ei­ne Rück­nah­me von Mer­kels Ga­ran­tie sei nicht zu er­ken­nen, sie wer­de die Ab­leh­nung der Ober­gren­ze wohl ei­nem Ko­ali­ti­ons­part­ner SPD oder Grü­ne über­las­sen.

See­ho­fer bleibt da­bei. Er nimmt für sich in An­spruch, Mer­kel bes­ser zu ken­nen als an­de­re – und da­mit auch bes­ser zwi­schen ih­ren Zei­len le­sen zu kön­nen. Er sagt: „Von heu­te geht ei­ne neue Epo­che aus.“

FO­TO: SEAN GALLUP/GETTY

Zu­letzt nah­men fast 340 000 Men­schen erst­mals an ei­nem In­te­gra­ti­ons­kurs teil.

Pres­se

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.