Im Di­ens­te von Eu­ro­pas Nied­rig­löh­nern

Ei­ne Ham­bur­ger Agen­tur hilft EU-Aus­län­dern da­bei, sich nicht aus­nut­zen zu las­sen

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - POLITIK - Tho­mas hahn

Ham­burg – Der ho­he Be­such aus Brüs­sel ist ge­ra­de raus, und Rü­di­ger Winter kann nur hof­fen, dass er den Ver­tre­tern der EUKom­mis­si­on au­ßer Freund­lich­kei­ten auch ein paar Ein­drü­cke von den Tie­fen sei­ner Ar­beit mit­ge­ben konn­te. Winter lei­tet die Ham­bur­ger Ser­vice­stel­le für Ar­beit­neh­mer­frei­zü­gig­keit. Mit sei­nen Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­tern sitzt er so­zu­sa­gen in ei­nem Ma­schi­nen­raum des neu­en Eu­ro­pa. Sie rin­gen um Ge­rech­tig­keit für je­ne Men­schen, die zum Ar­bei­ten aus den ärm­li­chen Ecken der EU in die Han­se­stadt ge­kom­men sind und oft Dum­ping­löh­ne so­wie pre­kä­re Le­bens­ver­hält­nis­se er­tra­gen müs­sen.

Die Fol­gen der Os­ter­wei­te­rung brin­gen so man­chen Bür­ger­meis­ter zur Ver­zweif­lung

„Na­tür­lich cool“fand Winter den Um­stand, dass die gro­ße EU-Po­li­tik in sei­ne ge­mein­nüt­zi­ge Agen­tur kam. Im­mer­hin steckt Geld aus dem Eu­ro­päi­schen So­zi­al­fonds (ESF) dar­in. Vor al­lem aber ist so ein Be­such im­mer ei­ne Chan­ce, das Be­wusst­sein für ge­gen­wär­ti­ge Pro­ble­me zu schär­fen. Und da­von gibt es aus­rei­chend.

Deutsch­land steckt ge­ra­de mit­ten­drin in ei­ner neu­en Ära des In­te­grie­rens. Die Her­aus­for­de­run­gen sind viel­fäl­tig. Nach der gro­ßen Flücht­lings­wel­le 2015 su­chen mehr jun­ge Men­schen aus ent­fern­ten Staa­ten denn je ih­ren Platz in der Ge­sell­schaft. Und nach dem Bei­tritt Ru­mä­ni­ens und Bul­ga­ri­ens zur EU ist ein gan­zer Schwung neu­er Ar­beit­neh­mer ins Land ge­kom­men, die auf be­sag­te EU-Frei­zü­gig­keit ver­wei­sen kön­nen. Ei­ne Stadt wie Ham­burg be­geg­net die­sen Her­aus­for­de­run­gen mit neu­en An­lauf­stel­len, um Chan­cen bes­ser ver­tei­len zu kön­nen, Kon­takt zur neu­en Kli­en­tel zu be­kom­men und Miss­brauch zu ver­mei­den. ESF-Mit­tel flie­ßen hier zum Bei­spiel in das Pro­jekt Chan­cen-Ge­ne­ra­tor, bei dem ein Su­b­un­ter­neh­men der Ar­bei­ter­wohl­fahrt in Zu­sam­men­ar­beit mit der Ju­gend­be­rufs­agen­tur jun­gen Flücht­lin­gen beim Ein­stieg in den Ar­beits­markt hilft. Oder eben in die Ser­vice­stel­le für Ar­beit­neh­mer­frei­zü­gig­keit.

Ge­ra­de der Um­gang mit den neu­en EUAus­län­dern ist kniff­lig. Die Fol­gen der EUOs­ter­wei­te­rung brin­gen man­chen Bür­ger­meis­ter zur Ver­zweif­lung, weil Bul­ga­ren und Ru­mä­nen mit ih­ren Bil­lig-Ar­beits­ver­hält­nis­sen kom­mu­na­le So­zi­al­sys­te­me be­las­ten. Der Staat soll die Frei­zü­gig­keit und Gleich­be­hand­lung auf dem eu­ro­päi­schen Ar­beits­markt ver­tei­di­gen. Gleich­zei­tig muss er ei­ne Ar­muts­wan­de­rung auf Kos­ten ein­hei­mi­scher Steu­er­zah­ler ver­mei­den, oh­ne dass Men­schen mit­tel­los wer­den, weil trick­rei­che Un­ter­neh­mer ih­re Not aus­nut­zen. Die Auf­ga­be er­in­nert ans Qua­drie­ren ei­nes Krei­ses.

Rü­di­ger Winter kann da­von er­zäh­len. Seit 2012 gibt es die Ser­vice­stel­le für Ar­beit­neh­mer­frei­zü­gig­keit in ei­ner ehe­ma­li­gen Bank­fi­lia­le un­weit des Ham­bur­ger Haupt­bahn­hofs. EU-Bür­ger kön­nen hier in ih­rer je­wei­li­gen Lan­des­spra­che recht­li­chen und sons­ti­gen Rat fin­den, wenn sie Schwie­rig­kei­ten mit Ar­beit­ge­bern ha­ben. Die Ham­bur­gi­sche Bür­ger­schaft be­schloss 2011 die Er­öff­nung die­ser An­lauf­stel­le, weil die un­ge­re­gel­te Zu­wan­de­rung bul­ga­ri­scher und ru­mä­ni­scher Ar­bei­ter nicht mehr zu über­se­hen war. Sie dien­ten sich zu Nied­rig­prei­sen an, am so­ge­nann­ten Ta­ge­löh­ner­strich am St­üben­platz in Wil­helms­burg. Sie konn­ten sich kei­ne Woh­nung leis­ten und cam­pier­ten ir­gend­wo oder such­ten Ob­dach­lo­sen­un­ter­künf­te auf. „Das Win­ter­not­pro­gramm quoll über“, sagt Winter.

Er mag die De­bat­ten nicht, die lei­se hin­ter den Ku­lis­sen des po­li­ti­schen Be­triebs lau­fen – zu­min­dest nicht, wenn sie nach ei­nem Ge­ne­ral­ver­dacht auf Leis­tungs­miss­brauch durch Bul­ga­ren und Ru­mä­nen klin­gen. Wenn sie sich zum Bei­spiel um die Idee dre­hen, den Ar­beit­neh­mer­sta­tus für EU-Aus­län­der so zu de­fi­nie­ren, dass bul­ga­ri­sche Mi­ni­job­ber kei­nen An­spruch mehr auf staat­li­che Leis­tun­gen ha­ben. „Das se­hen wir kri­tisch.“Winter will die Be­las­tun­gen für kom­mu­na­le Kas­sen nicht klein­re­den. „Städ­te, in de­nen durch Zu­wan­de­rung so­zia­le Brenn­punk­te ent­stan­den sind, be­nö­ti­gen Un­ter­stüt­zung.“Das deut­sche So­zi­al­sys­tem ins­ge­samt sei da­durch aber nicht ge­fähr­det. „Man soll­te das nicht dra­ma­ti­sie­ren und da­mit gan­ze Be­völ­ke­rungs­grup­pen dis­kri­mi­nie­ren.“

Bett­ler und Ob­dach­lo­se prä­gen viel­fach das Bild aus­län­di­scher Ar­beit­neh­mer

Denn in der Ser­vice-Agen­tur er­lebt man die EU-Aus­län­der von ei­ner an­de­ren Sei­te: Vie­le brau­chen Rat, weil sie aus an­de­ren Rechts­sys­te­men kom­men und kein Deutsch spre­chen. An­de­re sind Op­fer von Un­ter­neh­mern et­wa aus dem Bau-, Rei­ni­gungs­oder Gas­tro­no­mie-Ge­wer­be, die mög­lichst bil­lig Ar­beits­kräf­te ein­kau­fen wol­len, statt auf Min­dest­lohn oder Ver­si­che­rungs­schutz zu ach­ten. Au­ßer­dem bie­tet der de­re­gu­lier­te deut­sche Ar­beits­markt Mög­lich­kei­ten für Fir­men, die Schlupf­lö­cher zum Lohn-Dum­ping su­chen. „Es gibt im­mer wie­der neue Tak­ti­ken zur Um­ge­hung des Min­dest­lohns“, sagt Ali­na We­ber aus dem Be­ra­te­rin­nenStab der Ser­vice-Agen­tur. „Die Rat­su­chen­den sind sehr mo­ti­viert, ei­ne gu­te Ar­beit zu fai­ren Be­din­gun­gen zu leis­ten, aber oft frus­triert dar­über, was sie an pre­kä­ren Ar­beits­be­din­gun­gen bei ei­ni­gen Ar­beit­ge­bern hier vor­fin­den.“

Die deut­sche Öf­fent­lich­keit be­kommt da­von we­nig mit. Das Bild vom EU-Aus­län­der prä­gen eher ost­eu­ro­päi­sche Bett­ler und Ob­dach­lo­se, nicht je­ne mit Schul­ab­schluss oder Stu­di­um, wel­che die Not aus den aus­blu­ten­den länd­li­chen Re­gio­nen ih­rer Hei­mat nach Deutsch­land treibt. Rü­di­ger Winter fin­det das un­ge­recht und wünscht sich, dass Eu­ro­pa bei dem The­ma en­ger zu­sam­men­wächst. In ei­nem Pa­pier, das er den Ver­tre­tern der EU-Kom­mis­si­on über­reicht hat, emp­fiehlt er ei­ne bes­se­re Ver­net­zung von Be­hör­den und In­for­ma­ti­ons­trä­gern, um die Frei­zü­gig­keit des EUAr­beits­mark­tes bes­ser zu ge­währ­leis­ten. Ob’s ge­lingt? Vor­erst weiß Rü­di­ger Winter nicht ein­mal, wie die Fi­nan­zie­rung der Ham­bur­ger Agen­tur wei­ter­geht. „Wir wer­den noch bis 2020 aus dem ESF-Pro­gramm fi­nan­ziert“, sagt Winter, „da­nach wird man wei­ter­se­hen.“

FO­TO: AXEL HEIMKEN/DPA

Vie­le Ost­eu­ro­pä­er die­nen sich als Nied­rig­löh­ner an. Weil das Geld für ei­ne Woh­nung manch­mal nicht reicht, cam­pie­ren ei­ni­ge mit­ten in den Städ­ten.

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